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Goliath ist doch stärker: Das Umweltdrama “Vergiftete Wahrheit”

  • Der Kinofilm “Vergiftete Wahrheit” erzählt von einem skandalösen Umweltverbrechen.
  • Mark Ruffalo nimmt es als Anwalt mit einem übermächtigen Chemiekonzern auf.
  • Das Fazit im Film von Regisseur Todd Haynes gilt nach wie vor: “Wir werden vergiftet.”
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David gegen Goliath: Diese Auseinandersetzung ist beliebt im Kino – erst recht dann, wenn die Geschichte durch die Wirklichkeit verbürgt ist. Man denke nur an die Anwaltsgehilfin Erin Brockovich, die es mit einem Energiekonzern aufnahm, der Chrom ins Grundwasser gepumpt hatte – verfilmt im Jahr 2000 mit Julia Roberts.

In Hollywood wurde der Film mit Oscars geradezu überschüttet. Es ist immer erhebend, wenn ein übermächtiger Gegner in die Knie gezwungen und nebenbei der Glaube an die Justiz gefestigt wird.

Und jetzt steht da der Unternehmensanwalt Robert Bilott (Mark Ruffalo) auf einer winterkalten Wiese in Parkersburg, West Virginia. Wir schreiben das Jahr 1998. Der verbitterte Farmer Wilbur Tennant (Bill Camp) hat Bilott seine kranken Kühe gezeigt. Beinahe 200 sind schon tot, vergiftet vom Wasser im nahen Ohio-River. Bilott hat die schwarzen Zähne, die aufgeblähten Organe und die verkrümmten Hufe der Kälber gesehen. Zögerlich hat er davon gesprochen, dass er hier sei, um zu helfen. Und was antwortet der vergrätzte Tennant? “Es reicht nicht, sich mal kurz auf die Seite des kleinen Mannes zu stellen.”

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Das sitzt. Diesen Satz sollte man sich merken im mehr als zweistündigen US-Drama “Vergiftete Wahrheit”, das lange das trügerisch gute Gefühl verbreitet, dass David respektive Robert Bilott es schon schaffen wird, die Verantwortlichen für das Umweltdesaster kleinzukriegen – so wie es Kinohelden immer schaffen. Doch so einfach ist es hier nicht.

Glückliche Hausfrauen

Der Anwalt geht nun dem nach, was offenkundig ist, bis dahin aber niemand so genau wissen wollte: Seit den Fünfzigern hat der Chemiekonzern Dupont die Chemikalie PFOA in der Erde vergraben, in Gewässern verklappt und in die Luft gepustet. Perfluoroctansäure ist notwendig für die Herstellung von Teflon. “Besser leben mit Chemie” lautet der Slogan von Dupont und zeigt gut gelaunte Hausfrauen beim Brutzeln von Spiegeleiern in “Happy Pans”, in glücklichen Pfannen.

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Was Dupont verschweigt: Die Chemikalie macht krank. Als Bilott auf der Wiese in Parkersburg steht, hat das Unternehmen die Folgen längst in Studien untersucht. Die Fehlbildungen der Kinder von Fa­brik­ar­bei­ter­innen nahm es billigend in Kauf. Der Konzern produzierte einfach immer weiter. Er verdiente Milliarden mit Teflon, das auch in Regenmänteln oder Mikrochips steckt.

Der Trick von US-Regisseur Todd Haynes besteht darin, in seinem chronologisch und betont ruhig erzählten Drama den üblichen Kinokonventionen zu folgen. Er scheint mit ein wenig zu viel Geduld alles für den Triumph Bilotts über Goliath vorzubereiten, doch der lässt dann immer länger auf sich warten. Der Zuschauer wird in einer Sicherheit gewiegt, die es nicht gibt.

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Wütende Verzögerungstaktiken

Nur durch einen Zufall hat sich Bilott des Falles angenommen – seine Großmutter kannte den Farmer. Von seinem Chef (Tim Robbins) bekommt er grünes Licht, der Sache nachzugehen – obwohl die Wirtschaftskanzlei üblicherweise auf der Seite der Unternehmen steht.

Die anfängliche demonstrative Freundlichkeit der Dupont-Anwälte weicht wütenden Verzögerungstaktiken. Bald schon muss sich Bilott ganz wörtlich in den Fall hineinknien und sich durch Berge von Akten wühlen. 2001 reicht er eine Zivilklage gegen Dupont ein – und beinahe 70.000 Parkersburg-Bewohner nehmen an einer Gesundheitsstudie teil, um die toxischen Folgen zu beweisen. Bis es Ergebnisse gibt, gehen wieder Jahre ins Land.

Immer stiller und unnahbarer wird Bilott. Ruffalo spielt das wunderbar mit Hang zur Melancholie. Sein Chef entzieht Bilott nach und nach die Rückendeckung. Bilotts Ehe mit Sarah (Anne Hathaway) gerät in Gefahr – sie ist selbst Anwältin, die für die Kinder ihre Karriere aufgegeben hat. So viel weibliche Perspektive muss bei Regisseur Haynes sein, der mit Cate Blanchett und Rooney Mara den traurigen Film “Carol” (2015) über eine Liebe in den Fünfzigern gedreht hat.

Der Chemiegigant Dupont weiß seine Macht gezielt einzusetzen. Viele sind abhängig von dem Konzern, nicht nur in Parkersburg. Manche Angestellten genießen die finanzielle Großzügigkeit und sprechen von “Teflon-Grippe”, wenn es sie erwischt.

Immer dann, wenn der erschöpfte Bilott endlich den Durchbruch zu erzielen meint, lässt sich Dupont ein neues Manöver einfallen. So wird Bilotts Wut zu unserer Wut: “In­dus­trie­gi­ganten können machen, was sie wollen”, sagt er, als er gegenüber seiner Frau endlich das Schweigen aufgibt. “Das System ist korrupt.”

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Der Farmer Wilbur Tennant erkrankte an Krebs und starb 2009, zwei Jahre später seine Frau. Inzwischen wurde Dupont verurteilt, 671,7 Millionen Dollar Schadensersatz zu zahlen. Bilott erhielt 2017 den Alternativen Nobelpreis. Für ihn ist der Kampf mit Dupont noch immer nicht vorüber.

Sein Filmfazit gilt: “Wir werden vergiftet.” PFOA ist im Blut der meisten Menschen auf diesem Planeten zu finden. Es lässt sich nicht abbauen.

“Vergiftete Wahrheit”, Regie: Todd Haynes, mit: Mark Ruffalo, Anne Ha­tha­way, 128 Minuten, FSK 6

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