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Golden-Globes-Nominierung von „Emily in Paris“: Preisverleihung verliert an Bedeutung

  • Das Komitee der Golden Globes hat „Emily in Paris“ als beste Comedyserie nominiert.
  • Dabei ist die Netflix-Produktion nicht mehr als eine seichte Unterhaltungsshow.
  • Die Entscheidung zeigt erneut, dass die Preisverleihung große Probleme hat, analysiert Alisha Mendgen.
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„Emily in Paris“ ist eine der kontroversesten Serien des letzten Jahres: Medien zogen über die Sendung her, Franzosen fühlten sich beleidigt und Influencerinnen empfanden die Hauptfigur als Affront. Die Hollywood Foreign Press Association (HFPA) nominiert die Netflix-Produktion dennoch für zwei Golden Globes in den Kategorien „Beste Comedyserie“ und Hauptdarstellerin Lily Collins als „Beste Comedyschauspielerin“.

Nach der Veröffentlichung der Golden-Globes-Nominierungen entstand auf Twitter eine Diskussion mit fast 40.000 Tweets: „Ich fand ‚Emily in Paris’ auch gut, aber sie ist nicht Golden-Globe-würdig“, schreibt ein User. Eine andere Nutzerin fragt: „‚Emily in Paris‘ für die Golden Globes nominiert – ernsthaft?“

Immer wieder Kritik

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Es ist nicht das erste Mal, dass die HFPA mit ihren Entscheidungen Kritik auslöst: Letztes Jahr nominierte das Komitee nur Männer in der Regiekategorie. Häufig wird kritisiert, dass gesellschaftsrelevante Produktionen wie das Drama „When They See Us“ (Netflix) ignoriert werden und marginalisierte Gruppen zu wenig auftauchen.

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Auch in diesem Jahr wundern sich Serien- und Filmfans, dass einige Shows und Stars übergangen worden sind. In der Twitter-Diskussion ist von der Comedyserie „Insecure“ und deren Hauptdarstellerin Issa Rae die Rede. Auch das Vergewaltigungsdrama „I May Destroy You“ von der Produzentin Michaela Coel stand nahezu auf jeder 2020-Bestenliste und taucht in allen zwölf Kategorien nicht auf.

Gute Unterhaltung, aber nicht preiswürdig

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Doch „Emily in Paris“ ist keine schlechte Unterhaltung: In der Serie geht es um die junge US-Amerikanerin Emily Cooper (Lily Collins), die für einen neuen Job nach Paris zieht und später Influencerin wird. In Paris fällt sie mit schrillen Outfits und ihrer amerikanischen Art auf, weswegen sie es schwer hat, bei ihren hochnäsigen Kolleginnen und Kollegen Anschluss zu finden.

Die Show lenkt vom Corona-Alltag ab und stillt das Fernweh für eine kurze Zeit. Das sind wahrscheinlich auch die Gründe für den kommerziellen Erfolg der Serie: „Emily in Paris“ landete im Oktober 2020 für einige Wochen in der Top 10 der meistgesehenen Streamingserien.

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Dennoch fehlt es ihr an einer preisverdächtigen Handlung und originellem Humor. „Emily in Paris“ ist voller Stereotypen, wonach die Pariserinnen arrogant, die französischen Männer Frauenhelden sind und sich das Leben von Millennials nur um Liebe dreht. „Emily in Paris“ hinterfragt diese Stereotypen nicht, sondern bestätigt sie immer wieder. Im Laufe der Staffel gehen die Figuren nicht auf clevere Weise mit ernsthaften Themen um, wie es andere preisgekrönte Comedyserien gemacht haben, darunter „Fleabag“ von Produzentin Phoebe Waller-Bridge. Eine eindringliche Message hat „Emily in Paris“ ebenfalls nicht.

Fragwürdiges Komitee

Wie kommt es also zu den Nominierungen? Einige vermuten, dass sich das Komitee von großen Namen der Branche blenden lässt. So wurde „Emily in Paris“ von dem altbekannten Regisseur Darren Star entwickelt, der bereits „Sex and the City“ produzierte. Sangeeta Singh-Kurtz von der US-Seite „The Cut“ schätzt die HFPA derweil als „notorisch weltfremd“ ein.

Doch das größte Problem scheint die Struktur der HFPA zu sein. Sie besteht aus 90 Filmjournalistinnen und -journalisten. Um Teil dieses Kreises zu werden, reicht es laut „New York Times“ aus, dass man in Südkalifornien lebt und als Journalist viermal dafür bezahlt wurde, dass man in ausländischen Medien Texte publiziert hat. Außerdem muss man von zwei ehemaligen HFPA-Mitgliedern ein Empfehlungsschreiben vorweisen. Somit entscheidet ein kleiner Kreis von 90 Personen, wer in Hollywood ausgezeichnet wird. Das ist bei der Oscar-Akademie anders, sie hat rund 6000 Mitglieder aus allen Bereichen der Branche.

Seit den 1980er-Jahren hält sich außerdem das Gerücht hartnäckig, dass die HFPA bestechbar sei. Beweise gab es dafür aber bislang keine. Sogar Ricky Gervais scherzte als Moderator der Golden Globes im Jahr 2011 darüber: „Ich möchte dieses lächerliche Gerücht aus der Welt schaffen, das besagt, dass ‚The Tourist‘ nur deshalb nominiert wurde, damit die HFPA mit Johnny Depp und Angelina Jolie abhängen kann. Das ist Blödsinn. Das ist nicht der einzige Grund. Sie haben auch Bestechungsgelder angenommen.“

Schwindende Einschaltquoten

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Trotz ihres Rufes gelten die Golden Globes als Gradmesser für die Award-Season, besonders was die Kategorie „Bester Film“ angeht: Wer im Januar gewinnt, kann mit Nominierungen bei den Oscars und den Filmfestspielen rechnen. Das TV-Publikum interessierte sich in den vergangenen Jahren immer weniger für die Preisverleihungen, wie die schwindenden Einschaltquoten beweisen. Im letzten Jahr sahen nur 18,3 Millionen Menschen die Preisverleihung – seit acht Jahren sinken die Ratings kontinuierlich. Auch die Oscar-Verleihung hat mit sinkenden Quoten zu kämpfen: 2020 schauten nur noch 23,8 Millionen Menschen zu – 2019 waren es noch 29 Millionen.

Möglicherweise setzt das Golden-Globe-Komitee deshalb auf Mainstreamproduktionen wie „Emily in Paris“, die trotz Kontroversen viele Zuschauende anziehen. Doch die HFPA ignoriert, dass kommerzieller Erfolg nicht immer gleichbedeutend mit Qualität ist. Das hat das Publikum aber schon längst begriffen.

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