Göttinger Verleger Gerhard Steidl: aus Liebe zum Papier

  • Er hat mit Karl Lagerfeld, Klaus Staeck und Joseph Beuys zusammengearbeitet und ist ein Virtuose der Buchgestaltung.
  • Gerhard Steidl leitet seit 1968 seinen eigenen Buchkunst-Verlag.
  • Im Interview erzählt er von seiner Liebe zum Papier und inwieweit die Papierkrise ihn trifft.
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Herr Steidl, Sie arbeiten als Verleger viel mit Papier. Was macht Papier so besonders?

Zunächst einmal ist Papier ein Träger von Informationen, aber nicht nur von Informationen, sondern es transportiert auch Kulturgenüsse. In meinem Fall sind diese Genüsse literarische Texte und natürlich Fotografien. Es ist ein großer Unterschied, ob man ein Bild auf Papier oder auf einem Bildschirm betrachtet. Auf einem Bildschirm hat man immer eine Hintergrund­beleuchtung – ein Backlight, wie man im Fachjargon dazu sagt. Ich kann dann zwar die Intensität des Lichtes steuern, aber nicht die Farbtemperatur.

Mit welchen Folgen?

Wenn ein Künstler beispielsweise einen Fotoabzug ausgearbeitet hat – und daran hat er oft genauso lange wie ein Maler gearbeitet, um die Farbkomposition richtig hinzubekommen – haben er oder sie keine Kontrolle mehr, wie dieses Bild auf einem Monitor aussieht. Auf dem Papier ist das gänzlich anders. Ein Foto auf Papier gedruckt – so wie ich das mit meinen Fotobüchern mache – hat immer ein darauf liegendes reflektierendes Licht. Das garantiert eine getreue Farbwiedergabe. Es hat aber auch unterschiedliche Anmutungen.

„Papier für eine Zeitung oder ein Buch bietet ungleich mehr Genuss als ein Bildschirm“

Inwiefern?

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Wenn ich am Küchentisch bei einem LED-Licht von vielleicht 50 Lux sitze, sieht das Foto immer noch so aus, wie der Künstler es gestaltet hat. Aber die Anmutung ist ganz anders als bei Sonnenlicht. Diese Vielfalt gibt es tatsächlich nur auf Papier. Solche Genüsse entgehen einem bei einem Digitaldruck oder noch viel mehr, wenn man Schrift oder Fotos am Bildschirm betrachtet. Ich will damit nicht sagen, dass das Betrachten von Fotos und Text auf einem Monitor unsinnig ist. Aber für den richtigen Genuss spielt die gedruckte Qualität und auch das Papier eine entscheidende Rolle.

Was macht denn Papier in diesem Zusammenhang so wichtig?

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Papier für eine Zeitung oder ein Buch – egal ob sich in dem Buch Text oder Visuelles findet – bietet ungleich mehr Genuss als ein Bildschirm. Das liegt an der Haptik, am Gefühl, das das Papier vermittelt, und auch am Klang.

Am Klang?

Nehmen Sie mal eine Zeitungsseite und eine Buchseite oder auch unterschiedliche Buchseiten, und schnippen Sie mit Ihrem Fingernagel gegen eine einzelne Seite. Dann hören sie einen bestimmten Klang, das ist fast wie Musik. Papiere fühlen sich glatt oder rau an, haben unzählige Weißtöne, unterscheiden sich in Geruch und Gewicht. Diese ganze Vielfalt bietet nur Papier. Die digitale Darstellung in den elektronischen Medien hingegen ist aus meiner Sicht eine Verarmung.

Was auch immer man mit Papier anstellt, am Anfang ist das Blatt Papier immer leer. Ist Papier an sich schön?

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Ja, natürlich. Wir bezeichnen Gemälde, Drucke, Grafiken, Holzschnitte, Radierungen, Lithografien auf Papier, Zeichnungen, Fotografien und Collagen als Flachwaren – im Gegensatz zu Skulpturen, die keine Flachwaren sind. Und jeder, der sich mit Kunst als Flachware beschäftigt, beginnt meistens auf unschuldig weißem Papier, auf weißer Leinwand. Dieser Moment, vor einem weißen Blatt Papier zu sitzen und darauf etwas zu schaffen, ist ungeheuer genussvoll. Für jede Schriftstellerin, jeden Schriftsteller, für jeden Maler, jede Zeichnerin, jeden Fotografen bedeutet es einen besonderen Glücksmoment, wenn auf dem Papier eine Idee handwerklich technisch umgesetzt wird.

„Mein Lager ist noch voll“

Nun ist Papier im Moment knapp. Merken Sie die Papierkrise im Moment schon in Ihrem Verlag?

Wir kommen sehr gut über die Runden, weil ich langfristige Kontakte zu Papierfabriken habe, mit denen wir zusammenarbeiten. Und ich habe bei einigen Papierfabriken Steidl-Papiere entwickelt. Das sind meine Papierkompositionen, die ich in gewisser Weise exklusiv habe. Davon gibt es ausreichend Bestände, mein Lager ist noch voll. Ich merke daher die Krise bislang noch nicht so, spüre sie dann aber doch im Detail. Wenn ich etwa für einen Gedichtband besonders feines Bibeldruckpapier haben möchte, dann ist da momentan keine Lieferung möglich.

Was heißt denn genau, Sie haben eigene Steidl-Papiere entwickelt?

Wenn ich Fotos oder auch Texte auf Papier drucke, habe ich eine bestimmte Vorstellung, wie dieses Papier aussehen soll. Dazu schaue ich mir alte Rezeptbücher an, Rezeptbücher zur Papierherstellung. Papiermacher war ja einmal ein richtiger Beruf – und diese Papiermacher haben wie ein Koch oder eine Köchin ihre Rezepte in ein Buch geschrieben.

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Haben Sie ein Beispiel?

Ja, um 1880 herum fing man an, besondere Papiere für den Fotodruck zu entwickeln. Dafür hat man normales Papier, das aus der Maschine kommt und relativ rau ist, mit verschiedenen organischen Materialien wie Quark, Eiweiß, Eigelb, wenn man es etwas einfärben wollte, Kalk und Knochenleim gestrichen. Das ist ein wunderbares Papier. Solche Verfahren wurden dann aber später abgelöst, denn diese Masse aus organischen Materialien, die aufs Papier gestrichen wird, ist ziemlich kompliziert herzustellen. Deshalb hat man angefangen, synthetische Komponenten zu verwenden. Mit welchen Folgen? Dadurch verliert das Papier die Anmutung. Ich habe tatsächlich Papierfabriken überreden können, nach solch alten Rezepturen Papiere herzustellen. Und das sind mittlerweile auch Bestseller. Sie müssen sich das so vorstellen: Wenn ein Koch ein Essen zubereitet, gibt es bestimmte Grundlagen etwa für die Soßen wie Gewürzmischungen, die man selbst herstellt. Und die hat man dann nur für sich. Das macht dann den Geschmack oder den besonderen Genuss dieses Restaurants aus.

Und Ihr Papier macht den besonderen Genuss Ihrer Bücher aus?

Ja, aus meiner Sicht gibt es eine große Ähnlichkeit zwischen der Zubereitung eines Essens und der Papierherstellung. Ich verwende in Steidl-Büchern besondere Papiersorten, und deswegen sehen meine Bücher anders aus als die von anderen Verlagen. Große Papierfabriken sind an der Herstellung besonderer Papiere übrigens nicht interessiert. Das machen kleine Papierfabriken wie zum Beispiel in Gmund am Tegernsee oder die Papierfabrik Lenk in der Pfalz.

Steidl ist überzeugt, dass „die analoge Produktion von Druckerzeugnissen auf Papier eine Zukunft hat“

Die Digitalisierung schreitet immer weiter voran. Hat Papier noch eine Zukunft?

Sehen Sie, ich wollte vor 15 Jahren mal eine neue Druckmaschine kaufen. Da hat mich die Bank gefragt, ob ich gestört sei und nicht mitbekommen habe, dass alles digital wird. Sie würden keine Druckmaschinen im analogen Bereich mehr finanzieren. Seither spare ich Geld an und kaufe mir meine Maschinen selbst, weil ich davon überzeugt bin, dass die analoge Produktion von Druckerzeugnissen auf Papier eine Zukunft hat. Und unser Umsatz bestätigt mich da: Der Umsatz von visuellen Steidl-Büchern hat sich vom Beginn des Jahres 2020, also von der Pandemie an, bis heute glatt verdoppelt. Ich habe noch ein schönes Beispiel, einen Kunden, der etwas Außergewöhnliches macht.

Was denn?

Das ist ein Buchsammler in Brooklyn, New York. Der hat mir letztens eine sehr schöne E-Mail geschickt. Der Mann sitzt immer noch jeden Tag im Homeoffice. Und um sich von der ganzen Arbeit am Bildschirm zu erholen, kauft er immer freitags ein Steidl-Buch. Die Lektüre zelebriert er dann richtig, er schlägt das Buch vor sich auf, holt sich Informationen über den Fotografen, den Künstler, über die Motive, die da zu sehen sind, und schaut sich die Bücher sorgfältig bei verschiedenem Licht an. Hier wird die Begeisterung für Papier und für das Buch sichtbar.

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