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Zwei auf gleichem Weg

Lebenslust im Leichenwagen – Das Roadmovie „Glück auf einer Skala von 1 bis 10“ startet

Zwei ziemlich beste Freunde: Der Gemüsekurier Igor (Alexandre Jollien) und der Bestatter Louis (Bernard Campan) lernen sich bei einem Unfall kennen. Szene aus „Glück auf einer Skala von 1 bis 10“.

„Maman, du musst mich loslassen.“ Aber genau das kann die Mutter nicht, gilt ihr Sohn doch als „behindert“ und bedarf der Fürsorge, die ihm allerdings den Atem nimmt. Igor (Alexandre Jollien) fährt Biogemüse aus und sehnt sich nach einem Freund, aber die meisten machen einen großen Bogen um ihn. Vielleicht aus Unsicherheit, weil er körperlich beeinträchtigt ist, vielleicht weil er als Hobbyphilosoph nervt oder durch sein Wissen einschüchtert.

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Ein Unfall bringt zwei gegensätzliche Männer zusammen

Von ganz anderem Kaliber ist Louis (Bernard Campan), Chef eines florierenden Beerdigungsinstituts. Ein korrekter Workaholic, den mehr mit Toten verbindet als mit Lebenden. Ein Unfall bringt diese gegensätzlichen Männer zusammen. Der Endfünfziger fährt den Jüngeren auf dem Rad an und hat ein schlechtes Gewissen, weiß nicht, wie er damit umgehen soll, einen Menschen mit Behinderung verletzt zu haben. Aber der beruhigt ihn, alles im grünen Bereich.

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Am nächsten Tag muss der Bestatter einen Toten in den Süden Frankreichs überführen. Nach 150 Kilometern hinter Lausanne die Überraschung: Sein „Opfer“ ist als blinder Passagier neben dem Sarg mitkutschiert worden. Auftakt zu einem skurrilen Roadmovie im Leichenwagen, das mit Wagemut, Natürlichkeit und Authentizität, mit Zärtlichkeit, Einfühlungsvermögen und Humor das Leben feiert, ob mit oder ohne Behinderung.

Diese Freundschaftsgeschichte gründet auf gemeinsamen Erfahrungen

Filme über oder mit Menschen, die „anders“ sind, können oft zur Gratwanderung werden zwischen Mitleidserregung oder Reduzierung auf das Handicap. Und dann die peinlichen Fragen: Darf man über Behinderte lachen oder dürfen sie Sexualität haben? Darüber müssen sich die beiden Hauptdarsteller, die auch für Regie und Drehbuch verantwortlich zeichnen, nicht den Kopf zerbrechen.

Denn die Geschichte dieser ungewöhnlichen Freundschaft beruht auf ihren gemeinsamen Erfahrungen. Bei ihrem ersten Treffen vor 18 Jahren machten sie einen Spaziergang am Genfer See und sprangen mangels Badeutensilien mit der Unterhose ins Wasser, was auch im Film vorkommt, wie vieles aus ihrem Alltag.

Der mit zerebraler Lähmung geborene Jollien verbrachte Kindheit und Jugend in einem Heim, machte sich nach Literaturstudium und Promotion als Philosoph und Schriftsteller einen Namen. Er und Schauspieler, Autor und Regisseur („Alles kein Problem“) Campan kennen sich seit 18 Jahren, sie spielen die Charaktere nicht nur, sondern geben auch ein Stück von sich preis in diesem anrührenden Mix aus delikater Distanz, umwerfender Energie und kluger Philosophie.

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Ein kleiner Satz zeigt eine große Einsamkeit

Die Annäherung zwischen den Filmfiguren ist mit Witz und knappen, aber treffenden Dialogen skizziert. Da fragt Igor am Anfang: „Was machen Sie beruflich?“ Louis will es ihm lieber nicht sagen – „da sind alle schockiert.“ Igors trockene Bemerkung: „Bei mir sind schon alle schockiert, ohne dass ich was sage“. Und genau dieser lapidar hingeworfene Satz umreißt seine Einsamkeit, seine Sehnsucht nach Kontakt und gleichzeitig auch die Vorurteile, denen er begegnet.

Den Filmemachern geht es darum, „den Blick auf die Marginalität und den anderen zu verändern“. Das gelingt als Komödie aus Leichtigkeit und Tiefgang, mit lustigen wie heiklen Szenen. Ohne Pathos oder zu viel Sentimentalität werden Bereiche wie Sterben und Tod, gesellschaftliche Akzeptanz und Ausgrenzung verhandelt. Unterschiedliche Begegnungen, ob mit Tramperin, tanzender Mädelsgruppe oder Trauergästen bringen Farbe und neue Perspektiven in die Handlung, die liebevoll erzählt, wie sich das Duo langsam ans Leben herantraut, Igor sogar sexuelle Erfahrung sammelt (auch wenn die sanfte Prostituierte Klischees bedient).

Igors Lebenshunger lädt ein, Zwänge und Verletzungen überwinden zu wollen

Durch den unbefangenen Blick seines Reisegefährten löst sich Louis von Selbstvorwürfen, inneren Blockaden und aus der Vergangenheit resultierenden Ängsten. Wenn er Igors leicht wackeligen Gang imitierend über die Straße sprintet und begeistert ruft, es sei ihm „scheißegal“, was andere denken, ist er bei sich angekommen.

Igors Lebenshunger reißt mit und motiviert, Zwänge und Verletzungen zu überwinden, offen und optimistisch zu sein, weniger egoistisch. Sein Glück auf der Skala von 1 bis 10 steht bei 9,5. Das muss man erst einmal schaffen.

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Auch wenn das Drehbuch etwas rumpelt und manche Situation schnell abgehakt wird, einige Nebenfiguren Fassade bleiben, ist dieser Film eine wunderbare Ode an Menschlichkeit und Vitalität, ein Appell an Toleranz und Verständigung. Da nimmt man das etwas anstrengende Philosophenhopping von Nietzsche über Spinoza bis Platon in Kauf, am Ende stimmen Herz und Hirn, haben beide Männer mehr gemeinsam, als sie anfangs glaubten.

Eine der letzten Szenen streichelt wie Balsam geschundene Seelen. Ein Fremder schaut sie prüfend an und fragt „Ihr Bruder“? Nein, antwortet Louis stolz, mein Freund. Über Igors Gesicht huscht ein strahlendes Lächeln.

„Glück auf einer Skala von 1 bis 10″, Regie: Alexandre Jollien und Bernard Campan, beide sind auch Hauptdarsteller, 92 Minuten, FSK 6

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