• Startseite
  • Kultur
  • „Generation Beziehungsunfähig“ - Frederick Lau im neuen Film über Herz, Schmerz und Tinder

Herz, Schmerz, Tinder: die Romanze „Generation Beziehungsunfähig“

  • Das Buch „Generation Beziehungsunfähig“ dient Regisseurin Helena Hufnagel nur als vage Inspirationsquelle.
  • In ihrer Kinoromanze passiert einem Überzeugungssingle schier Ungeheures: Er verliebt sich – und leidet lustvoll.
  • Hauptdarsteller Frederick Lau spielt den Unglücklichen mit Lust, die Geschichte bewegt sich auf ausgetretenen Bahnen.
|
Anzeige
Anzeige

Jeder hat seine ganz persönlichen Einschlafrituale. Manche zählen Schäfchen, andere trinken heiße Milch mit Honig, Tim wischt eben Frauenbilder auf seinem Handy nach links oder nach rechts – je nachdem, ob die Abgebildete in die engere Wahl für einen (Sexual-)Kontakt kommt oder nicht. Bei ihm hat die Dating-App Tinder offenbar den gewünschten einschläfernden Effekt: Ruckzuck rutscht ihm das Smartphone aus der Hand, seine Augen schließen sich.

Deutlicher lässt sich in der Komödie „Generation Beziehungsunfähig“ kaum unterstreichen: Die Romantik ist in digitalen Zeiten hoffnungslos auf dem Rückzug. Die Suche nach Partner oder Partnerin wird zur Routine. Sie werden ausgewählt wie Airbnb-Ferienwohnungen – und auch genauso schnell wieder storniert, wenn der Praxistest dem Bild im Katalog nicht entspricht oder sich etwas Besseres findet. Bei diesem Ansatz geht es nicht um Liebesglück – zumal auch noch der manchem Benutzer sozialer Medien eigene Selbstdarstellungstrieb die Erwartungshaltung an den jeweils anderen ins Unermessliche steigert.

Anzeige

Jedenfalls behauptete das Autor Michael Nast 2016 in seinem gleichnamigen Sachbuch. Er verstieg sich dazu, einer ganzen Generation Bindungsunfähigkeit zu attestieren – nur um im Jahr 2021 ein Buch mit dem Titel „Die Lösungen“ nachzureichen, in dem er seiner Klientel wieder Hoffnung zuspricht, sofern diese bereit sei, an sich selbst zu arbeiten.

Viele Wochen hielt sich „Generation Beziehungsunfähig“ ganz oben in den Bestsellerlisten, Nast hatte einen Nerv getroffen, sein Werk wurde heiß debattiert. Nun dient das Buch Regisseurin Helena Hufnagel als vage Inspirationsquelle. Sie hat allerdings einen Spielfilm, keinen Dokumentarfilm gedreht und einen bei aller sorglosen Leichtlebigkeit sympathischen Protagonisten zum Leben erweckt.

Das Stream-Team Die besten Serien- und Filmtipps für Netflix & Co. ‒ jeden Monat neu.

Möchtegern-Schriftsteller und Überzeugungssingle Tim (Frederick Lau) düst auf seinem Sportrad durch Köln von einer Frau zur nächsten. Er muss sich keine Gedanken machen, ob er die Gefühle seiner Kurzzeitpartnerinnen verletzt, wenn er nach dem One-Night-Stand für diese unerreichbar ist. Denn auch die Auserwählten sind genau wie er auf nichts anderes aus als schnellen Sex. Nach dem Orgasmus trennen sich die Wege wieder. Manchmal auch schon vorher.

Anzeige

Genuss ohne Reue: So viel Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau muss schon sein. Kurz darauf jedoch fetzt sich Tim bei einer Zufallsbegegnung an einer nächtlichen Tankstelle mit Ghost (Luise Heyer) um die letzte Packung Stracciatella-Eis. Er wirft ihr dabei mangelnde Emanzipation und sie ihm fehlende Gentleman-Eigenschaften vor. Dann passiert, was passieren muss: Die beiden kommen sich näher – zunächst einmal auf rein körperlicher Ebene.

In klassischen Liebeskomödien lief die Sache andersherum. Da stand das Candlelight-Dinner an erster Stelle, der Sex kam später. Für die auch am Drehbuch beteiligte Regisseurin Hufnagel aber stellt sich nun ein Problem: Wie soll sie eine Romanze inszenieren, wenn Gefühle angeblich gar keine Rolle spielen?

Anzeige

Männer und Frauen passen nicht zusammen

Andererseits: Gute Beziehungskomödien beruhten immer schon auf der Annahme, dass die beiden Protagonisten sich zunächst überhaupt nicht voneinander angezogen fühlen. Ja, mehr noch, die Filmautoren gingen oft genug von der Prämisse aus, dass Männer und Frauen nicht zusammenpassen, um sodann mit viel Herzblut das genaue Gegenteil zu beweisen. Die Ausgangsbedingungen in diesem Film sind aller angeblichen Originalität zum Trotz also gar nicht so viel anders.

So gesehen ist „Generation Beziehungsunfähig“ eine Mogelpackung. Der Film bewegt sich bald in reichlich ausgetretenen Pfaden: Tim will mehr von Ghost, und umgekehrt will auch sie mehr von ihm. Nur sind sie beide nicht in der Lage, dies dem anderen zu gestehen. Tims Teenagernichte ist diejenige, die ihn gleichsam aufklärt. Menschliche Reife hängt in diesem Film nicht vom Alter ab. Das immerhin ist eine lohnende Erkenntnis.

Und schon windet sich Tim in schönsten Liebesqualen (und schüttelt sein armes Schmusekaninchen durch, dass es den Tierschutzverein auf den Plan rufen müsste). Die Komödie entwickelt Situationswitz, wenn sich der betrunkene Leidende nur mit Engelsflügeln bekleidet zu Ghost aufmacht. Da kommen kurz Assoziationen an Doris Dörries Beziehungskomödie „Männer“ auf, die 1985 die Hochphase dieses Genres im deutschen Kino einläutete.

Mehr weiß aber auch Hufnagel dem Thema nicht abzugewinnen. Mit „Einmal bitte alles“ (2017) hat sie schon einmal ein erfrischendes Porträt der sogenannten Generation Y gezeichnet. Dieses Mal gibt sie sich den gängigen Konventionen einer Liebesgeschichte hin und reimt dabei Herz auf Schmerz. Da kann Nast seinen Bestseller auch gleich in den Papierschredder packen, der im Film eine gewisse Rolle spielt.

„Generation Beziehungsunfähig“, Regie: Helena Hufnagel, mit Frederick Lau, Luise Heyer, 84 Minuten, FSK 12

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen