„Gelobt sei Gott“: Ein monströses Schweigekartell

  • Der französische Regisseur François Ozon klagt in „Gelobt sei Gott“ die katholische Kirche an.
  • In dem aufrüttelnden Drama durchbrechen Missbrauchsopfer die Schweigemauer.
  • Die Gerichtsprozesse gegen die Kirchenverantwortlichen sind noch nicht abgeschlossen.
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Dieses Kinodrama hat es in sich: „Gelobt sei Gott“ ist eine gesellschaftspolitische Anklage, gedreht im Wettlauf mit der Wirklichkeit. Normalerweise hält sich das Kino aus laufenden Verfahren heraus. Wie soll man auch mit fertigem Drehbuch, knappem Budget und noch knapperer Drehzeit auf aktuelle Entwicklungen reagieren?

In diesem Fall aber wollte Regisseur François Ozon nicht warten. Für ihn war klar: Es war schon viel zu lange geschwiegen worden über den Missbrauch in der katholischen Kirche. Sein Film hat noch mehr Dringlichkeit als das auf wahren Begebenheiten beruhende Oscar-Drama „Spotlight“ (2015), in dem ein Journalistenteam die katholische Kirche in Boston in Bedrängnis brachte – denn bei Ozon sind die Opfer selbst die Aufklärer.

Bis in Details rekapituliert Ozon, wie die Opfer Jahrzehnte nach den Verbrechen den Mut aufbringen, sich zur Wehr zu setzen. In ihrem Namen zieht der Regisseur gegen ein Kartell zu Felde, in dem das Schweigen System hat.

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„Gelobt sei Gott“: Dieser Stoßseufzer rutschte dem Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, vor ein paar Jahren heraus. Die Missbrauchsfälle des Priesters Bernard Preynat aus den achtziger Jahren an etwa 70 Jungen seien verjährt, er müsse also nichts unternehmen. Dieser Plan ging nicht auf.

Alles beginnt im Film damit, dass der 40-jährige Familienvater Alexandre (Melvil Poupaud) zu seinem Schrecken entdeckt, dass sein einstiger Peiniger Preynat (Bernard Verley) noch immer in Amt und Würden ist – und ihm auch immer noch Minderjährige anvertraut werden. Alexandre will etwas unternehmen, Verjährungsfrist hin oder her: Schließlich muss er auch seine eigenen fünf Kinder schützen.

Alexandre ist gläubiger Katholik. Den immer wieder beteuerten Aufklärungswillen der Kirche möchte er zunächst nicht anzweifeln. Bloß dann passiert: nichts.

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Die Opfer erwachen aus ihrer Erinnerungsstarre

Irgendwann lässt sich Alexandre nicht mehr von Gesprächen abspeisen, in denen der Bischof (François Marthouret) ihn vertröstet und der Priester sich als Pädophiliekranker selbst als Opfer betrachtet. Diese Kirchenvertreter beten lieber mit dem Opfer, als dass sie Reue zeigen.

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Alexandre begibt sich auf die Suche nach Mitgliedern aus der früheren Pfadfindergruppe Preynats, die ebenfalls missbraucht wurden. Schnell wird er fündig, doch stößt er nicht immer auf Rückendeckung: Auch manche Betroffene und deren Angehörige wollen die Vergangenheit nicht wieder aufwühlen.

Allmählich jedoch erwachen einige Opfer aus ihrer Erinnerungsstarre. Zusammen mit François (Denis Ménochet) und Emmanuel (Swann Arlaud) gründen die drei den Selbsthilfeverein „La Parole Liberée“ (Das befreite Wort).

Beinahe dokumentarisch geht der Regisseur zu Werk

Akribisch geht Ozon zu Werke, beinahe dokumentarisch und niemals sensationsheischend: Immer wieder werden Daten eingeblendet, aus E-Mails und auch aus Gerichtsakten wird vorgelesen. Der Gesprächsbedarf ist groß.

Atemlos springt Ozon von Opfertreffen zu Polizeiverhören und blendet auch dezent zurück ins Pfadfinderlager. Vom Missbrauch wird vorrangig aus der Erinnerung heraus erzählt – und dann brechen die längst erwachsenen Opfern in Tränen aus.

Nacheinander zeichnet Ozon die Schicksale nach. Jeder hat anders reagiert auf die durchlittene Pein. Dadurch ergibt sich die Anmutung eines Episodenfilms, was durchaus gewöhnungsbedürftig ist.

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Doch verbirgt sich hinter dieser Erzählstrategie ein Sinn: Ozon besteht darauf, dass der Kinozuschauer die ganze Monstrosität des Schweigens und die daraus erwachsenden Folgen erkennt.

Die Auseinandersetzung kostet die Opfer viel

Eines aber haben alle Opfer gemeinsam: Die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit kostet sie viel. Verdrängter Schmerz kommt wieder hoch, Beziehungen drohen zu zerbrechen. Und wie halte ich es mit Gott, wenn dessen Vertreter auf Erden so viel Schuld auf sich laden? Hier steht ein ganzes System unter Anklage.

„Gelobt sei Gott“ hatte bei der Berlinale Premiere. Dort schilderten die Produzenten, wie schwer es gewesen sei, den Film zu finanzieren. Das Interesse ist groß: In Frankreich hatte das Drama rund eine Million Besucher. Der Verteidiger des angeklagten Priesters hatte versucht, den Kinostart zu verhindern. „Gelobt sei Gott“ wirkt über die Kinoleinwand hinaus in die Wirklichkeit.

Erzbischof Barbarin ist im März zu einer Bewährungsstrafe verurteilt worden und lässt sein Amt ruhen. Sein Rücktrittsangebot hat Papst Benedikt nicht akzeptiert, jedenfalls so lange das Urteil nicht rechtskräftig ist. Der Erzbischof ist in Berufung gegangen.

Pater Preynat wurde für schuldig befunden

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Ein Kirchengericht hat Pater Preynat im Juli des sexuellen Missbrauchs von Minderjährigen für schuldig befunden und ihn aus dem klerikalen Stand entfernt. Das Zivilverfahren gegen ihn steht noch aus.

Bereits im Vorjahr ist ein Gesetz in Frankreich in Kraft getreten: Die Verjährungsfristen für sexuelle Straftaten ist demnach von 20 auf 30 Jahre ab Erreichen der Volljährigkeit der Opfer angehoben worden.

„Gelobt sei Gott“, Regie: François Ozon, mit Melvil Poupaud, Denis Ménochet, Swann Arlaud, 138 Minuten, FSK 6

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