• Startseite
  • Kultur
  • Geisterstunde im Kino: Die nicht gezeigten Cannes-Filme 2020

Geisterstunde im Kino: Die nicht gezeigten Cannes-Filme 2020

  • Das Filmfestival von Cannes stellt sein Programm 2020 vor – obwohl das Festival gar nicht stattfindet.
  • Zu den prominenten Regisseuren gehören Wes Anderson, Steve McQueen und der Deutsche Oskar Roehler.
  • Die Bekanntgabe soll den 56 ausgewählten Filmen helfen und beweisen: “Das Kino ist nicht tot.”
|
Anzeige
Anzeige

Ein wenig ähnelte es einer frühabendlichen Geisterstunde, was da am Mittwoch geschah: Zwei Herren stellten in einem Pariser Kino das Programm einer Veranstaltung vor, die gar nicht stattfindet. Thierry Frémaux und Pierre Lescure, Leiter des Festivals in Cannes, schwärmten von den Filmen des Jahrgangs 2020 – die wegen der Corona-Pandemie aber kein einziger Cineast in dem Städtchen am südfranzösischen Mittelmeer sehen wird. Die 73. Cannes-Auflage fällt nach langem und hartem Ringen um einen vom Mai in den Sommer verlegten Termin komplett aus – das erste Mal seit 1939, dem Jahr des Kriegsausbruchs.

Dass die beiden trotzdem 56 Filme der offiziellen Auswahl präsentierten, darf man getrost auch als Zeichen eines überbordenden Selbstbewusstseins verstehen. Man stelle sich einmal vor, die Organisatoren der abgesagten Fußball-Europameisterschaft 2020 würden stolz die ausgelosten Gruppenspiele verkünden.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Staraufgebot in Wes Andersons “The French Dispatch”

Cannes ist nun einmal die unbestrittene Nummer eins im internationalen Filmzirkus, und jeder potenzielle Festivalgast darf nun darüber trauern, was ihm erst einmal entgeht: Filme von Wes Anderson, François Ozon, Naomi Kawase, Steve McQueen, Thomas Vinterberg, Maïwenn und auch der neue Pixar-Animationshit “Soul” von Pete Docter.

Anzeige

Allein Andersons “The French Dispatch” hätte Timothée Chalamet, Bill Murray, Christoph Waltz, Tilda Swinton, Owen Wilson, Benicio Del Toro und Léa Seydoux auf den roten Teppich gespült. Mit diesem stargespickten Werk – einer Co-Produktion mit dem Studio Babelsberg – wäre das Festival aller Wahrscheinlichkeit nach eröffnet worden.

16 Frauen unter den Nominierten – immerhin zwei mehr als im Vorjahr

Anzeige

Frémaux hat die Filme bei seiner Präsentation nicht wie üblich in die verschiedenen Sektionen sortiert. Auch Oskar Roehlers Fassbinder-Film “Enfant Terrible” (mit Oliver Masucci in der Hauptrolle) findet sich unter den Nennungen und wäre also womöglich im illustren Wettbewerb gestartet. Deutscher Kinostart ist Anfang Oktober.

Immerhin 16 Frauen zählte der Festivalleiter, beinahe ein Drittel der Nominierten, zwei mehr als im Vorjahr. Für das Macho-Festival Cannes ist das schon beinahe eine respektable Ausbeute.

Bei Kino geht es nicht nur um Kunst, sondern auch um Geld

Alle genannten Filme tragen von nun an das Gütesiegel “Cannes 2020”. Die Festivalleitung will mit dieser Nennung die Kinomacher mit ihren Werken weltweit sichtbar machen. Das prestigeträchtige Cannes ist womöglich das einzige Event neben den Oscars, das Filmen an der Kasse einen echten Vorteil verschaffen kann – bei Kino geht es nicht nur um Kunst, sondern immer auch um Geld.

Cannes hat nach Angaben der Festivalleitung bereits Allianzen mit anderen Festivals geschmiedet. Sie haben sich bereit erklärt, gekennzeichnete Filme für ihre Wettbewerbe in Betracht zu ziehen. Mit etwas Glück wird man sie also wirklich bald auf einer Leinwand sehen – vielleicht auch in Venedig, das bislang an seiner Planung für Anfang September festhält.

Anzeige

“Das Kino ist nicht tot, es ist nicht einmal krank”

Dass Festivals, die in normalen Zeiten um die am meisten funkelnden Filmjuwelen buhlen, sich in schwierigen Zeiten zusammentun, ist möglich – siehe das für alle zugängliche Online-Festival “We Are One: A Global Film Festival” mit 100 Filmen aus 35 Ländern, das noch bis zum 7. Juni läuft. Frémaux ging es am Mittwochabend darum, vor allem eines zu beweisen: “Das Kino ist nicht tot, es ist nicht einmal krank.”

RND

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen