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Furchtbar komisch – werden Hitlers Verbrechen bagatellisiert?

  • Über Adolf Hitler und den Nationalsozialismus werden immer wieder Filme gedreht.
  • Seit einigen Jahren sind das vermehrt Komödien wie „Er ist wieder da“ oder „Mein Führer“.
  • Der US-Historiker Gavriel D. Rosenfeld befürchtet, dass dies Rechts­ex­tre­mis­ten in die Karten spielt.
Tilmann P. Gangloff
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Wenn Politiker einander einen schmerzvollen Tiefschlag verpassen wollen, greifen sie gern zu einem Nazi-Vergleich. Angela Merkel zum Beispiel muss sich regelmäßig mit Adolf Hitler vergleichen lassen, wenn ausländische Politiker meinen, ihrem Staat widerfahre ein Unrecht, an dem die deutsche Kanzlerin schuld sei. So waren während der Finanzkrise ab 2010 in Griechenland und der damit zusammen­hängenden Finanzpolitik Deutschlands dem süd­euro­päischen Staat gegenüber häufiger Transparente zu sehen, die Merkel als Hitler zeigten oder sie in Beziehung zu ihm setzten.

Ein unerhörter Affront natürlich, aber solche Analogien passen in das Bild, das Gavriel D. Rosenfeld in seinem Buch „Hi Hitler!“ entwirft. Nach Ansicht des Professors für Geschichte an der Fairfield University (Connecticut) „bricht in weiten Teilen der westlichen Welt eine mächtige Welle der Normalisierung mit der traditionellen Vorstellung, dass die Erinnerung an das Dritte Reich aus einer moralischen Perspektive wachgehalten werden sollte“.

Für Menschen mit Geschichtsbewusstsein ist das nur schwer nachvollziehen: Der deutsche Faschismus war für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich; allein der Holocaust hat fast sechs Millionen Juden das Leben gekostet. Im kollektiven deutschen Gedächtnis ist die Erinnerung an den Nationalsozialismus daher mit Trauma, Schuld und Scham behaftet. Seit geraumer Zeit fordern rechtskonservative bis rechtsextremistische Kreise jedoch ein Ende des – wie sie es nennen – „Schuldkults“.

Hitler als Mensch wie du und ich: Bruno Ganz als Diktator und Heino Ferch als Albert Speer im Film „Der Untergang“. © Quelle: dpa
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Diese Haltung wird selbst von Menschen geteilt, die ihr Wahlkreuz vermutlich eher nicht bei der AfD machen würden: weil die Vergangenheit, wie Rosenfeld schreibt, auch aus ihrer Sicht „noch immer von einer moralischen Aura geprägt ist, die sie zum Gegenstand übermäßiger, wenn nicht gar zwanghafter Aufmerksamkeit mache“. Gerade humorvolle Ansätze, fürchtet er, könnten „die moralischen Dimensionen der Vergangenheit in den Hintergrund treten lassen“.

Anders gesagt: Wer Hitler parodiert, bagatellisiert seine Verbrechen. Im Grunde gilt das auch für den berühmten Hollywoodfilm „Der große Diktator“. In dem Meisterwerk von und mit Charlie Chaplin (USA, 1940) kommt es zum zufälligen Rollentausch zwischen Diktator Hynkel und einem aus dem Konzentrationslager geflohenen jüdischen Barbier, der dem Gewaltherrscher zum Verwechseln ähnlich sieht. Allerdings hat Chaplin später versichert, er hätte sich „über den mörderischen Wahnsinn der Nazis nicht lustig machen können“, wenn er von den Konzentrationslagern gewusst hätte. Mit dem Wissen um die Verbrechen der Nationalsozialisten galten Hitler-Persiflagen nach dem Zweiten Weltkrieg dann auch als Tabu. Fortan waren Filme, die sich mit dem Dritten Reich beschäftigten, von einem realistischen Ansatz geprägt.

Für die Mitglieder der deutschen Babyboomergeneration war die Zeit des Nationalsozialismus zudem lange ein Schwarzes Loch, weil die Epoche im Geschichtsunterricht häufig ausgeblendet wurde. Das änderte sich ausgerechnet durch eine amerikanische Fernsehserie: „Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss“ (USA, 1978) hatte hierzulande 20 Millionen Zuschauer. Die Miniserie war gerade für junge Zuschauerinnen und Zuschauer eine Art Erweckungserlebnis und löste eine Welle aus, die ihren Höhepunkt in den Neunzigerjahren hatte: „Schindlers Liste“ von Steven Spielberg gehörte 1994 zu den erfolgreichsten Filmen des Jahres, Daniel Goldhagens Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ (1996) war ein Bestseller, die Besucherzahlen einer Wanderausstellung über die Verbrechen der Wehrmacht (1995 bis 1999) übertrafen alle Erwartungen, und das ZDF erzielte mit Reihen wie „Hitlers Helfer“ (1996/1998) oder „Hitlers Krieger“ (1998) beeindruckende Quoten­erfolge.

Doch dann schlug das Pendel in die andere Richtung aus. Schon vorher hatte es Filme gegeben, die dem Entsetzen tragikomische Seiten abgewannen, etwa „Das Leben ist schön“ (1997) von und mit Roberto Benigni als jüdischem Buchhändler, der samt Sohn in ein KZ deportiert wird und dem Jungen erzählt, es sei alles nur ein Spiel; und in „Zug des Lebens“ (1998) tarnen die jüdischen Bewohnerinnen und Bewohner einer osteuropäischen Kleinstadt ihre Flucht nach Palästina als Deportation in ein Konzentrationslager.

Nach der Jahrtausendwende zeigten jedoch gleich mehrere deutsche Filme Adolf Hitler als Menschen wie du und ich, allen voran „Der Untergang“ (2004). Bis dahin war der Diktator meist aus moralischer Perspektive und als Inbegriff des Bösen dargestellt worden; der selbstentlastende Mythos vom verführten Volk hatte ohnehin stets den deutschen Blick auf die Geschichte geprägt. Für Rosenfeld ist es ein Tabubruch, dass ein Film Mitgefühl oder gar Sympathie für Hitler weckt; aber auch ein Beleg für den konservativen Wunsch nach einer normalisierten Sicht der deutschen Geschichte.

Der Schauspieler Oliver Masucci besuchte in seiner Rolle als Adolf Hitler im Film „Er ist wieder da“ den Moderator Jörg Thadeusz in dessen Talkshow. Foto: Karlheinz Schindler © Quelle: picture alliance / ZB

Es folgte „Mein Führer – Die wirklich wahrste Wahrheit über Adolf Hitler“ (2007) von Dani Levy, die erste deutschsprachige Komödie über Hitler: Der Diktator ist demoralisiert und ausgebrannt; ein jüdischer Schauspiellehrer soll den alten Elan in ihm wecken. War Hitler in „Der Untergang“ eine tragische Figur, so wurde er bei Levy zur Karikatur.

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In „Er ist wieder da“ (2015) feiert der „Führer“ gar ein Comeback als TV-Star, weil die Sendervertreter seine Sprüche von der Weltherrschaft als gelungene Parodie betrachten. Das passt in ein allgemeines Bild, zu dem auch die seit einigen Jahren in digitalen Netzwerken äußerst beliebten Hitler-Memes gehören. In diesen Hunderten von Cartoons und Videoclips wird das ganze Humorspektrum von intelligenter Ironie bis zum geschmacklosen Wortspiel abgedeckt.

Im Internet, so schreibt Rosenfeld, finde sich eine „eklektische Mischung an Darstellungen, angefangen von doku­mentari­schen Archivfotos des Diktators im Dritten Reich bis hin zu digitalveränderten humoristischen Bildern“. Die Vielfalt sei verblüffend, „am bemerkenswertesten ist jedoch, wie die Trennlinie zwischen ihnen zu verschwimmen beginnt“.

Dies alles trägt zu einer Banalisierung des Bösen bei, die ausgerechnet dem Rechtsextremismus in die Karten spielt. Verharmlosung ist nur der Anfang. Das Ende ist Geschichtsvergessenheit.

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