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Bundesländer zögern mit Lockerungen

„Freedom Day“ nicht in Sicht - neues Infektionsschutzgesetz dämpft Hoffnung der Veranstaltungsbranche

Jens Michow, Präsident des Bundesverbands der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft (BDKV).

Herr Michow, sicher hatten Sie sich auf den 20. März gefreut, an dem ursprünglich bundesweit alle tiefgreifenden Corona-Maßnahmen verschwinden sollten. Nun kommt es anders – zumindest teilweise. Wie bewerten Sie, dass es nun nicht mehr dem Bund obliegt, die Maßnahmen zu lockern?

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Der Zeitpunkt und der Umfang der beschlossenen Lockerungen ebenso wie die Regelungen der zukünftigen Kompetenz für den Erlass von Eindämmungsmaßnahmen sind ja insgesamt sehr umstritten. Auch in der Veranstaltungswirtschaft findet die Entwicklung ein geteiltes Echo. Einerseits freuen wir uns darüber, dass diverse Verordnungen zurückgenommen wurden. Andererseits sehen wir die Neuregelungen des Infektionsschutzgesetzes sehr kritisch. Dass individuelle Schutzmaßnahmen zukünftig durch die Länder sogar für kleinste Landesregionen angeordnet werden dürfen, wird den für unsere Branche so hinderlichen Flickenteppich unterschiedlichster Regelungen im „Fall der Fälle“ noch weiter vergrößern. Überregionale Tourneeplanungen könnten damit noch schwieriger werden. Vor allem wurde versäumt, den Katalog zukünftig möglicher Schutzmaßnahmen vom Vorliegen definierter Voraussetzungen abhängig zu machen. Nicht nachvollziehbar ist für uns auch, dass Veranstaltungen nur von Geimpften und Genesenen besucht werden dürfen, obwohl zukünftig in weiten Bereichen die 3G-Regel gilt.

Was hätten Sie sich für Ihre Branche gewünscht?

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Wir fordern seit Beginn des vergangenen Jahres eine nachvollziehbare Strukturierung möglicher Eindämmungsmaßnahmen. Das Forum Veranstaltungswirtschaft hat seinerzeit dafür zusammen mit Experten eine Matrix erarbeitet, der sich genau entnehmen lässt, welche Maßnahme unter Berücksichtigung der jeweiligen pandemischen Lage und der örtlichen Gegebenheiten geboten sein sollten. Ihre Umsetzung hätte Eindämmungsmaßnahmen nachvollziehbar und kalkulierbar gemacht. Das neue Infektionsschutzgesetz gibt den Ländern nun aber wieder ein völlig unstrukturiertes und unabgestuftes Instrumentarium von Eindämmungsmaßnahmen an die Hand, welches sie sogar selbst in kleinsten Landkreisen zur Anwendung bringen können. Daher befürchten wir, dass auch zukünftig bei Veranstaltungen immer wieder mit Abstandsregelungen und Kapazitätsbeschränkungen gerechnet werden muss, obwohl zum Beispiel eine verstärkte Maskenpflicht oder eine 2G-plus-Regel zur Risikobegrenzung ausreichen würden. Wir können nur immer wieder darauf hinweisen: Abstandsgebote und Kapazitätsbegrenzungen sind gleichbedeutend mit einem Lockdown der Veranstaltungsbranche. Man kann nicht 100 Prozent Veranstaltungskosten mit einer Einnahmechance von 60 Prozent finanzieren.

In vielen Branchen, nicht nur in der Konzertbranche, wird seit längerer Zeit nach bundeseinheitlichen Regelungen gerufen. Warum kann ein bundesweiter Plan von der Politik nicht umgesetzt werden?

Um einen Plan zu machen, muss man einen Plan haben. Ich habe leider das Gefühl, dass unsere Regierung selbst nach zwei Jahren Pandemie bei dem Umgang mit der Pandemie immer noch weitgehend planlos handelt. Wir haben dem Bundesministerium für Gesundheit immer wieder Gespräche dazu angeboten, wie Infektionsschutzziele erreicht werden können, ohne dass gleich ein ganzer Wirtschaftszweig vollständig lahmgelegt wird. Wir haben immer wieder eine Arbeitsgruppe zur Schaffung bundesweit einheitlicher Eindämmungsmaßnahmen angeregt. Leider wurde dieses Angebot nie angenommen. Dabei könnte die Pandemiebekämpfung viel erfolgreicher verlaufen, wenn man die Expertise der Wirtschaft einbezieht.

Was würden Sie in der aktuellen Situation vorschlagen?

Es gibt viele, die sich fragen, warum genau jetzt gelockert werden soll. Die Frage kann man sich in der momentanen Lage natürlich stellen. Aber dann muss man auch die Frage beantworten: Wenn nicht jetzt, wann dann? Wir wissen alle, dass sich Corona nicht wieder in Luft auflösen wird. Wir wissen mittlerweile nicht nur, dass Impfen und sogar Boostern keine Infektion verhindern können, dass Geimpfte Überträger sein können und wir werden vor allem damit leben müssen, dass es immer auch Ungeimpfte geben wird. Die heutigen Probleme werden daher die Probleme von morgen sein. Worauf sollten wir also mit den Lockerungsmaßnahmen noch warten? Aufgrund dieser Überlegungen halte ich die aktuellen Öffnungsmaßnahmen für alternativlos. Ich wünschte mir nur, dass die Frage, welche Maßnahmen unter welchen Voraussetzungen zukünftig erforderlich und vor allem verhältnismäßig sind, auf Bundes- und Länderebene einheitlich festgelegt und damit berechenbar gemacht werden. Das würde unserer Branche dann endlich die von uns so dringend benötigte Planungssicherheit geben.

Wie optimistisch sind Sie, wenn Sie in Richtung Sommer schauen?

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Ich glaube, dass die Konzerte und Festivals im Sommer nun endlich so stattfinden können, wie sie geplant sind. Meine große Sorge ist es, dass das Virus nach dem Sommer nochmal wieder an Fahrt aufnehmen könnte. Dann stehen wir vor dem Problem, dass Ende Juni die Überbrückungshilfe und das Kurzarbeitergeld auslaufen. Und auch der Sonderfonds für Kulturveranstaltungen läuft nur noch bis Ende des Jahres. Sollten also im Herbst erneut Veranstaltungsabsagen erforderlich werden, steht die Veranstaltungsbranche ohne ein Auffangnetz da. Wir müssen also schnellstens eine Debatte darüber führen, wie pandemiebedingte Risiken zukünftig abgesichert werden. Über private Versicherer ist das heutzutage ausgeschlossen.

Aber durch den Sonderfonds sind die Existenzen doch zumindest einmal schon bis Ende des Jahres gesichert, oder?

Ich habe immer wieder gesagt, dass die Corona-Hilfen unseres Landes beachtlich und zumeist weitaus besser sind als in anderen Ländern Europas. Aber man darf nie vergessen, dass mit allen diesen Hilfen keine entgangenen Gewinne erstattet werden. Zur Rettung der wirtschaftlichen Existenz werden bei coronabedingten Umsatzausfällen unter bestimmten Voraussetzungen lediglich Teile der betrieblichen Fixkosten erstattet. Damit hat der Unternehmer aber immer noch keinen Cent erhalten, um sein und das Leben seiner Familie sowie die laufenden privaten Kosten zu finanzieren. Eine bedeutende Hilfsmaßnahme für die Kulturveranstaltungswirtschaft ist der mit 2,5 Milliarden Euro ausgestattete Sonderfonds. Er bietet Wirtschaftlichkeitshilfen für kleinere Konzerte bis zu 2000 Personen, die pandemiebedingt nur eingeschränkt stattfinden dürfen. Ferner bietet er eine Kostenabsicherung für pandemiebedingte Veranstaltungsausfälle. Auch diese Hilfe hat leider einen erheblichen Haken: Da es sich um eine Förderung und nicht um einen Schadensersatz handelt, muss ein Teil der Ausfallkosten, nämlich 10 Prozent, vom Veranstalter übernommen werden. Deutschlandtourneen mit bekannteren Stars verursachen regelmäßig Kosten in Höhe mehrerer Millionen. Wenn davon bei einer pandemiebedingten Tourneeabsage 10 Prozent beim Veranstalter hängen bleiben, werden viele ihren Betrieb einstellen müssen. Von einer Existenzsicherung bis Ende des Jahres sind wir also weit entfernt – ganz abgesehen davon, dass viele Veranstalter ja überhaupt erst mal wieder damit beginnen wollen, nach zweijähriger Zwangspause ihre Existenz neu aufzubauen.

Was erwarten Sie für das Jahr 2023? Zuletzt haben unter anderem Tokio Hotel und die Scorpions ihre Touren verschoben. Wird es einen Stau geben?

Bei vielen Veranstaltungen, die nun in den kommenden Monaten hoffentlich endlich stattfinden werden, handelt es sich um die zum Teil bereits mehrfach erfolgte Verlegung von Veranstaltungen, die eigentlich Anfang 2020 stattfinden sollten. Die Vielzahl von Veranstaltungsausfällen und Verlegungen hat natürlich Konsequenzen: einerseits gibt es in ganz Deutschland bis Ende kommenden Jahres kaum noch freie Hallentermine für irgendwelche Neuplanungen; andererseits sind viele Menschen vorsichtig geworden und wollen erst mal abwarten, ob angekündigte Konzerte denn tatsächlich stattfinden. Und natürlich wird es aufgrund des in den vergangenen zwei Jahren entstandenen Veranstaltungsstaus überall einen so prall gefüllten Veranstaltungskalender geben, dass das Publikum in den kommenden Monaten immer wieder vor der Qual der Wahl stehen wird. Ich wünsche mir vor allem, dass das verloren gegangene Vertrauen unserer Kunden, dass angekündigte Veranstaltungen auch tatsächlich stattfinden, schnell wieder zurückgewonnen werden kann. Die Veranstalter sind sehr dankbar dafür, dass viele Karteninhaber diese immer wieder neuen Verlegungen mitgemacht haben, ohne ihr Geld zurückzufordern. Sie haben damit einen beachtlichen Beitrag zum Erhalt der kulturellen Vielfalt des Livegeschäfts geleistet. Aber jetzt muss das Publikum endlich auch wieder darauf vertrauen können, dass durch Corona-Schutzmaßnahmen bedingte Konzertabsagen der Vergangenheit angehören. Und daher ist es so wichtig, dass an die Angemessenheit von Eindämmungsmaßnahmen – wie eben Abstandsgebote – hohe Voraussetzungen gestellt werden.

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Was fordern Sie genau von der Bundesregierung?

Für uns ist es natürlich an allererster Stelle wichtig, dass alle noch bestehenden Kapazitätsbeschränkungen und Abstandsregeln sofort aufgehoben werden. Sodann muss es ab 1. Juli dieses Jahres für unseren Wirtschaftszweig, der ja bekanntlich am härtesten unter den wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie gelitten hat, ein spezifisch auf unsere Branche zurechtgeschnittenes Sonderprogramm geben. Die laufenden Überbrückungshilfen enden ja Mitte des Jahres, weil man davon ausgeht, dass die Wirtschaft dann wieder auf eigenen Füßen stehen kann. Das ist für den größten Teil unserer Wirtschaft so sicher auch richtig. In der Veranstaltungsbranche ist das aber nicht der Fall. Veranstalter, die jetzt wieder Veranstaltungen vorbereiten, werden frühestens in einem halben bis Dreivierteljahr mit Einnahmen rechnen können. Für sie dauert die Krise also noch viele Monate an. Wenn die beachtlichen Hilfen der vergangenen zwei Jahre ihr Ziel auch in der Veranstaltungsbranche erreichen sollen, darf man uns auf den hoffentlich letzten Metern der Zielgerade nicht alleinelassen.

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