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Bedrohung durch Rechte: Schwarze Autorin Jasmina Kuhnke sagt Auftritt auf Buchmesse ab

  • Jasmina Kuhnke nimmt kein Blatt vor den Mund. Nicht als Comedy-Autorin, nicht als Schwarze, nicht als Frau.
  • Das provoziert viele Angriffe - aus Sorge davor sagte sie nun auch ihre Teilnahme an der Buchmesse ab.
  • Dort wollte sie ihr erstes Buch präsentieren.
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Berlin. Die Warnung im Vorspann ist eindeutig. „Dieser Roman enthält explizite Darstellungen körperlicher, psychischer und sexualisierter Gewalt, Rassismus, Sexismus und Misogynie, diskriminierende Sprache und Beschimpfungen, chronische und psychische Krankheiten und Konsum von Alkohol und Drogen.“ Nichts davon wird Jasmina Kuhnke in ihrem Erstlingswerk schuldig bleiben. Auf praktisch jeder der 205 Seiten landet „Schwarzes Herz“ einen Tiefschlag, lässt den Atem stocken, verschafft Beklemmungen. Ein Buch, das sich festkrallt, nicht locker lässt, kein Pardon für die Lesenden zu kennen scheint.

„Er hat mich gefickt. Schnell, hart, so wie er es mag.“ Auch Kuhnkes Einstieg lässt keine Sekunde Zeit, sich in eine Welt aus Unterdrückung und Brutalität einzufinden. Wie auch? Die Ich-Erzählerin wird nicht nur in solchen Situationen reichlich auf das Potenzial ihrer derben Sprache zurückgreifen. Da ist nichts gekünstelt. Alles ist hart. Direkt. Schonungslos. So, wie sie alle mit der Protagonistin umgehen.

Nach Rassismus und Gewalt: eine Überlebende

Es ist die Geschichte einer Deutschen, die in Deutschland aufwächst. Sie ist eine Schwarze. Und damit in Kindergarten oder Schule, im Sportverein oder im Jugendclub, auf der Straße und selbst in der eigenen Familie für viele – nein, nicht nur für die allgegenwärtigen Nazis, sondern eben auch für den großen Teil der Weißen – irgendwie kein richtiges Teil dieser Gesellschaft.

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Der Stiefvater erklärt der Fünfjährigen, dass sie „nicht so klug“ sei, es stecke eben „in den Genen“. Die Erzählerin nimmt solchen Unsinn in sich auf. „Und so verfestige sich in mir das Gefühl, falsch zu sein. Kaputt irgendwie.“ Eine Freundin fragt sie: „Du, sag mal, ist deine Pisse eigentlich auch braun?“ Sie will nicht antworten, versucht lieber, den Rassismus wegzulachen. Aber es bleibt immer etwas. Und das frisst sich in sie hinein.

Sie ist wie gefangen in einer toxischen Beziehung zu einem gewalttätigen Mann, auf dessen Lügen sie andauernd reinfällt – oder sie hinnimmt. „Ich will noch immer eine gute Frau sein“, schreibt sie auch nach der x-ten Erniedrigung. Fast 60 Kapitel und das Notizbuch einer Freundin wird sie brauchen, bis sie festhalten kann: „Ich habe überlebt.“ Nicht nur ihren Partner. Auch eine Gesellschaft voller Gewalt, Aggression, Rassismus, Hass auf Frauen. „Ich bin eine Überlebende.“

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Roman erhält Allgemeingültigkeit

Kuhnke springt durch die Erzählstränge, verwebt die zeitlichen und inhaltlichen Ebenen. Erzählung der Ereignisse und Reflexion des Geschehenen fließen im Kampf um Selbstbestimmung ineinander. Die Figuren haben keine Namen. Das gibt ihnen eine gewisse Allgemeingültigkeit – ganz gleich, ob Täter oder Opfer.

Die Erzählebene unterscheidet das Buch von wichtigen Beiträgen zur Rassismusdebatte wie von Reni Eddo-Lodge („Warum ich nicht länger mit Weißen über Hautfarbe spreche“), Alice Hasters („Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“) oder Emilia Roig („Why we matter“). Und doch knüpft es an diese Analysen an. Kuhnke überlässt es einfach ihrer Erzählerin, den soziologischen Part in das Erlebte mit einzuarbeiten.

Es gibt eine Menge Parallelen zwischen der Romanfigur und der Autorin. Auch die 39-Jährige ist Schwarze, auch sie ist als Deutsche in Deutschland geboren, mit elterlichen Wurzeln auf dem Balkan und in Afrika. In den „Stuttgarter Nachrichten“ sagte sie zur Abgrenzung von Roman und Autobiografie: „Die Protagonistin wächst ähnlich auf, ist ungefähr zur selben Zeit geboren. Es hätte mir alles genauso passieren können. Alles, was in diesem Buch beschrieben ist, sind Geschichten, die überall stattfinden.“

Kuhnke sagt Auftritt aus Sorge um Sicherheit ab

Im Internet ist die vierfache Mutter Kuhnke als „Quattromilf“ aktiv. Die aus der Pornoindustrie bekannte Abkürzung Milf steht bei ihr für „Mom I'd like to follow“. Kuhnke nimmt in ihrem Kampf gegen Rassismus, für Frauen, gegen Rechtsextremismus, für Minderheiten kein Blatt vor den Mund. Nicht als Comedy-Autorin, nicht als Schwarze, nicht als Frau, nicht auf ihren Social-Media-Accounts mit bis zu sechsstelligen Followerzahlen, von ihr stolz „Quattromob“ genannt.

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Das provoziert viele Gegner. Die Angriffe reichen von Rechtsaußen bis ins bürgerliche Milieu. Sie wird auch persönlich angegangen. Nach einer direkten Bedrohung mit Veröffentlichung der Privatanschrift musste die Familie fluchtartig ihr Zuhause verlassen und eine neue Bleibe suchen.

In einem Statement auf Instagram erklärt Kuhnke nun: Aufgrund der für sie besonderen Sicherheitsmaßnahmen sei eine geplante Lesung mit ihr nicht öffentlich angekündigt worden. Nun habe sie aber erfahren, dass der inhaltlich rechtsaußen stehende Verlag Jungeuropa direkt neben der Bühne des ZDF, auf der sie aufgetreten wäre, einen Stand hat. „Es ist also damit absehbar, dass über den Verlag und Autor*innen hinaus auch weitere Rechtsextreme die Messe besuchen werden, was die Gefahr für mich persönlich unübersehbar gegenwärtig macht.“

Deshalb habe sie sich zum Boykott entschieden und die Teilnahme an der Lesung ihres Debütromans nun abgesagt. „Ich möchte den Verantwortlichen damit aufzeigen, dass die hier getroffene Entscheidung, Nazis den Raum zu bieten, sich darzustellen, vor allem Konsequenzen für Betroffene wie mich hat.“

Die Buchmesse verteidigte sich: Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut, betonte Buchmessen-Chef Jürgen Boos. „Die Buchmesse ist der Ort, der dafür steht. Und wir müssen leider auch Meinungen oder die Präsenz von Menschen aushalten, die ich nicht unbedingt gerne hier hätte.“ Inklusions-Aktivist Raul Krauthausen warnte dagegen vor zu viel Toleranz gegenüber den Intoleranten.

RND/dpa/goe

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