Die Frau, die Picasso überlebte

  • Die Französin Françoise Gilot war zehn Jahre mit dem Malergenie Pablo Picasso liiert.
  • 1953 verließ sie ihn – als einzige Frau, die in Picassos Leben einen solchen Schritt wagte.
  • Längst ist sie selbst eine anerkannte Künstlerin. Heute feiert sie ihren 100. Geburtstag.
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Pablo Picasso hat sich in seinem Leben selten mit einer Statistenrolle zufriedengegeben. Auf dem ikonischen Foto von Robert Capa aber dient er als Schirmhalter einer anderen Hauptperson: seiner Partnerin Françoise Gilot. Das Bild entstand 1948 an der Côte d‘Azur. Im Hintergrund freut sich Picassos Neffe Javier Vilató, im Vordergrund strahlt Gilot, und Picasso selbst, der seit sechs Jahren mit der Französin liiert ist, grinst wie ein Matador, der zwischen Selbst- und Unsicherheit schwankt.

Schirmherr: Picasso hält Françoise Gilot die Sonne vom Leib. Im Hintergrund freut sich sein Neffe Javier Vilató. © Quelle: imago images / ZUMA/Keystone

Françoise Gilot hat Pablo Picasso überlebt. Dieser Satz hat verschiedene Ebenen, aber er ist auch wortwörtlich zu nehmen. Zum einen ist es nicht selbstverständlich für eine Partnerin des großen Malers, dass sie nicht an ihm zugrunde gegangen ist. Dora Maar, Olga Chochlowa, Marie-Thérèse Walter oder Jacqueline Roque brachten sich nach ihrer zerbrochenen Liebe zu Picasso um oder verfielen dem Wahnsinn. Wer sich heute aus privaten oder beruflichen Gründen mit toxischen Beziehungen beschäftigt, kann Picasso als einen Paradefall ansehen.

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Françoise Gilot verließ Picasso mit ihren Kindern Paloma und Claude

Zum anderen hat Gilot Picasso überlebt, weil sie sich nicht in Abhängigkeit von ihm begeben hat – nicht seelisch, nicht emotional, nicht finanziell. Sie – und unter anderem dies macht sie so einzigartig – hat Picasso als einzige seiner zahllosen Frauen und Geliebten verlassen. Sie ist gegangen. Sie hat ihn zurückgelassen.

Françoise Gilot und der 40 Jahre ältere Pablo Picasso waren im Mai 1943 im von den Nationalsozialisten besetzten Frankreich ein Paar geworden. Gemeinsam bekamen sie die beiden Kinder Paloma und Claude. Als Gilot Picasso tatsächlich zu verlassen wagte, reagierte dieser wie eine gekränkte Gottheit. „Keine Frau verlässt einen Mann wie mich.“ Und: „Für dich ist die Realität zu Ende – hier, an diesem Punkt endet sie.“ Und: „Es ist deine Pflicht, bei mir zu bleiben und dich um mich und die Kinder zu kümmern. Ob dich das glücklich oder unglücklich macht, geht mich nichts an. Entscheidend für dich sollte sein, dass dein Hierbleiben für andere Glück und Halt bedeutet.“

Dass wir so genau wissen, was der verlassene Künstler sagt, verdanken wir dem Buch „Leben mit Picasso“. Hier hat Gilot ihre Erinnerungen an die zehn intensiven Jahre mit dem Schöpfer von Meisterwerken wie „Guernica“ und „Les Demoiselles d‘Avignon“ festgehalten. Es ist das Testament einer Beziehung. Ein Testament, das Picasso angefochten hat.

Denn bevor das Buch 1964 in Frankreich erschien, versuchte Picasso erfolglos, die Publikation juristisch zu verhindern. Die Reaktion des Malers auf die Trennung fiel noch radikaler aus: Als Gilot selbst künstlerisch Fuß fassen wollte, merkte sie, dass Picasso allen Pariser Galerien untersagt hatte, ihre Bilder zu erwerben oder auszustellen. Der Arm des Meisters war lang.

Eine eigenständige und sehr moderne Frau

Trotzdem konnte Françoise Gilot auch als Künstlerin aus Picassos Schatten treten. 1952 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in Paris. Bis heute malt sie in ihren Ateliers in New York und Paris, stellt aus, verkauft ihre Werke.

Malerin und Schriftstellerin: Hier ist Françoise Gilot auf einem Bild von 1999 zu sehen. © Quelle: Wolfgang Thieme/dpa-Zentralbild/

Am kommenden Freitag wird Gilot 100 Jahre alt. Das Malen hat sie bis ins hohe Alter begleitet. Sie beginne ihre Arbeit immer im Morgengrauen, noch in Pyjama und Pantoffeln. Ein Blick von der Empore zur halb fertigen Leinwand auf der Staffelei, dann steige die Malerin hinab und mache sich sofort ans Werk, schrieb Malte Herwig vor sechs Jahren in seinem Porträt der Malerin. Es zeigt, wie eigenständig und modern diese Frau ist. Und wie sehr sie nach ihrem Buch „Leben mit Picasso“ zu einem ganz anderen Leben gekommen ist, zu einem Leben ohne Picasso.

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In ihren Erinnerungen an die Zeit mit dem berühmten Maler geht es am Rande auch um die politischen Einstellungen des Künstlers, um das Ende der deutschen Besatzung und die Nachkriegszeit. 1944 war Picasso in die Kommunistische Partei eingetreten und bis zu seinem Lebensende 1973 Mitglied geblieben. Die politische Seite Picassos ist unbekannter als sein Werk, seine Frauengeschichten, sein Geniekult. In der Ausstellung „Der geteilte Picasso“, die momentan im Kölner Museum Ludwig zu sehen ist, wird gezeigt, wie sehr sich die Rezeption Picassos in der Bundesrepublik von der in der DDR unterschied.

In der Bundesrepublik ging es mehr um das Malergenie, um den autonomen Künstler, auch um die Person Picasso. In der DDR hingegen stand die Betrachtung eines politischen Künstlers im Vordergrund. Dort ist mehr der Mann interessant, der sich in der Kommunistischen Partei engagiert, der die Friedensbewegung unterstützt. Die Schau, die die bisherige Kuratorin am Kölner Museum Ludwig und zukünftige Sammlungsleiterin des Jüdischen Museums in Berlin, Julia Friedrich, entwickelt hat, zeigt eindrucksvoll die Unterschiede, die sich für das Werk Picassos durch die unterschiedliche Betrachtungsweise ergeben.

Zu sehen sind wenige Originalwerke, heraus sticht das „Mas­sak­er in Ko­rea“ (1951) aus dem Paris­er Musée Pi­cas­so. Gezeigt wird natürlich auch die Friedenstaube. Sie wird zunächst nur im Osten Deutschlands zum Symbol der Friedensbewegung. 1949 hatte sie der Dichter Louis Aragon für das Plakat des Weltfriedenskongresses ausgewählt. Gezeigt wird in Köln der originale Vorhang des Berliner Ensembles aus den Fünfzigerjahren. Bert Brecht hatte in seinem Theater seit der Inszenierung von „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ 1949 auf dem „Großen Vorhang“ die Friedenstaube abgebildet. Der Vorhang begleitet das Ensemble auch auf Gastspielreisen. „Mit seiner Theaterarbeit unter dem Symbol der Taube setzte es demonstrativ ein Zeichen im Kampf für den Erhalt des Friedens“, heißt es im Katalog.

Leihgabe aus Paris: Pablo Picassos „Massaker in Korea“. © Quelle: © Succession Picasso/VG Bild-Kunst, Bonn 2021 Foto: bpk/RMN-Grand Palais/Mathieu Rabeau
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Ein Briefwechsel wiederum zeigt, dass eine Wanderausstellung, die in Nürnberg und anderen westdeutschen Städten zu sehen war, in West-Berlin vom dortigen Senator für Volksbildung abgelehnt wurde – mit der Begründung, Picasso sei „östlich orientiert“. Die politische Orientierung und die – allerdings nicht unumstrittenen – Sympathien der DDR für Picasso hatten für den Maler und die Präsentation seiner Kunst also handfeste Nachteile.

Wenn am Ende der Ausstellung Françoise Gilot wieder in den Blick gerät, sieht man, dass ein Picasso-Bild von ihr zwei verschiedene Titel hat: Im Westen hieß es schlicht „Frau im Lehnstuhl“, in der DDR „Frau mit polnischer Jacke“. Picasso hatte seine Geliebte nach einem Friedenskongress 1948 in Polen mit einem dort erworbenen Mantel gemalt. So zeigt sich auch in diesem Punkt: Es gab in Deutschland nicht nur zwei Systeme, sondern dadurch auch zwei Picassos.

Die Ausstellung „Der geteilte Picasso. Der Künstler und sein Bild in der BRD und der DDR“ im Museum Ludwig in Köln ist noch bis zum 30. Januar zu sehen. Der Katalog, herausgegeben von Julia Friedrich, ist bei Walther König erschienen, umfasst 248 Seiten und kostet 24,80 Euro. Ein exklusiver Film von Peter Nestler ist hier zu sehen.

Françoise Gilot/Carlton Lake: „Leben mit Picasso“. Diogenes. 591 Seiten, 15 Euro.

Malte Herwig: „Françoise Gilot. Die Frau, die Nein sagt. Ihr Leben mit und ohne Picasso“. Diogenes. 240 Seiten, 14 Euro.

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