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Filmporträt einer sexuellen Befreierin: “Fragen Sie Dr. Ruth”

  • Die Normalität existiert nicht für die berühmte Sexualtherapeutin Ruth Westheimer.
  • In der Doku "Fragen Sie Dr. Ruth" (Kinostart am 27. August) wird das Porträt einer Frau gezeichnet, die gern unbequem war und Skandale nicht scheute.
  • Ein Glücksfall von Film mit einer hinreißenden, 92-jährigen Protagonistin.
Margret Köhler
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Was ist schon normal? Für Ruth Westheimer gab es nicht die Normalität, ihr ganzes Leben verlief nicht in normalen Bahnen. So will sie auch im hohen Alter vom Ruhestand nichts wissen, hält Vorträge, schreibt Bücher, unterrichtet an der Uni. Ein Energiebündel voller Lebenslust. Ryan White begleitete über ein Jahr die berühmte Sexualtherapeutin bis zu ihrem 90. Geburtstag.

Westheimer ist keine Frau für Kompromisse

Nie nahm die Holocaustüberlebende ein Blatt vor den Mund oder machte Kompromisse. Versierte Moderatoren wie David Letterman oder Jay Leno brachte sie vor der Kamera ins Schwitzen mit der Aufforderung, sinnesfroh Worte wie “Vagina” oder “Penis” auszusprechen oder beim Begriff “Sex” nicht schamvoll zu erröten.

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Ein toller Einstieg in diese wunderbare Doku. Schon in den 1980er-Jahren redete Ruth in ihrer Radiosendung “Sexually Speaking” offen über Sexualität, erst nur in einer 15-minütigen aufgezeichneten nächtlichen Sendung in New York, später dann antwortete die “Göttin des guten Sex” live auf intime Fragen in landesweiten TV-Ausstrahlungen. Und das in der prüden Reagan-Ära, dazu mit unverwechselbarem deutschem Akzent, oft im konventionellen Kostümchen.

In Amerika stieg Westheimer zur Kultfigur auf

Geboren wurde Westheimer 1928 als Karola Ruth Siegel in Frankfurt, ihre jüdisch-orthodoxen Eltern schickten das Kind nach dem Pogrom von 1938 in ein Schweizer Waisenheim, sie selbst wurden in Auschwitz ermordet. Mit 17 wanderte das Mädchen nach Palästina aus und machte in der israelischen Untergrundarmee sogar eine Scharfschützenausbildung, lebte in Frankreich und ging in die USA, wo sie als Tabubrecherin zur Kultfigur aufstieg.

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Trotz Anfeindungen aus dem konservativem Lager bezog sie Position – bei Homosexualität, Abtreibung, Masturbation, Erektionsstörungen oder Aids. Dass sie sich unbeliebt machte, war ihr egal. Skandale waren ihre Aufklärung über weiblichen Orgasmus, die Rolle der Klitoris oder die Funktion des Vibrators. Als Feministin fühlt sie sich aber nicht: “Dafür bin ich zu altmodisch.”

Nicht ausgespart werden Schicksalsschläge, der leider schwächste Teil sind Animationssequenzen die Kindheit betreffend. Man kann nur staunen über dieses kleine Persönchen von nur 1,40 Meter, eine große und außergewöhnliche Persönlichkeit. In all der Ruhelosigkeit schimmern manchmal seelische Verletzungen durch, so wenn sie beim Besuch eines Holocaustmuseums äußert: “Deutsche Juden weinen nicht in der Öffentlichkeit.”

Westheimer spricht auch über Privates und Politik

Ob “Grandma Freud”, wie die Medien sie liebevoll nennen, offen über ihre drei Ehen spricht (die letzte dauerte 40 Jahre), ihre Familie oder ihre politische Haltung – “Fragen Sie Dr. Ruth” ist ein dokumentarischer Glücksfall mit einer perfekten Protagonistin, die Herz und Hirn im Sturm erobert. Übrigens: Kurz vor ihrem 92. Geburtstag nahm sie noch an den Black-Lives-Matter-Demonstrationen in New York teil.

“Fragen Sie Dr. Ruth”, Regie: Ryan White, Dokumentarfilm, 100 Minuten, FSK 6 (Kinostart am 27. Mai)

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