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Filmkritik zum Cannes-Sieger „Parasite“ – Kapitalismus wird seziert

  • Eine bettelarme Familie nistet sich trickreich in einem Haus reicher Leute ein.
  • Mit der beißenden Satire „Parasite“ (Kinostart am 17. Oktober) holte sich Regisseur Bong Joon-ho die Goldene Palme in Cannes.
  • Südkorea hat den Film ins Oscar-Rennen geschickt.
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Über Reich und Arm kann man in diesem Film einiges lernen, zum Beispiel dieses: Arme Leute haben einen spezifischen Geruch – jedenfalls, wenn sie wie die vierköpfige Familie Kim in einem Keller hausen, sich mit dem Falten von Pizza-Pappkartons durchschlagen und Betrunkene oben vor ihrem Fenster urinieren.

Sprüht draußen die Stadtreinigung giftiges Pulver gegen Ungeziefer, dann lassen die Kims das Fenster absichtlich offen – auch wenn sie beim Kampf gegen die kellereigenen Kakerlaken Hustenanfälle in Kauf nehmen müssen. Ist das Internet von der Nachbarin nicht mehr ohne Passwort verfügbar, recken sie ihre Handys in der hinterstem Ecke überm Klo hoch bis unter die Decke, bis glücklicherweise ein paar wenige wackelige Verbindungsbalken auf den Geräten erscheinen – dem neuen Café um die Ecke sei Dank.

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Über Reiche dagegen lässt sich in „Parasite“ lernen, dass es für diese leicht ist, freundlich und großzügig zu sein, eben weil sie reich sind. Denn merke: Jegliches Ungemach lässt sich mit Geld glätten wie mit einem Bügeleisen. Ganz entspannt gewährt der Geschäftsmann Mr. Park im Fonds der Limousine seinem Chauffeur Inflations- oder Wochenendzuschlag.

Heimlich werden alle Familienmitglieder untergebracht

In Bong Joon-hos Film treffen die Familien Kim und Park aufeinander. Nicht ganz zufällig: Die Kims nisten sich im durchgestylten Haus der Parks ein. Erst ergattert Sohn Ki-woo (Woo-sik Choi) als angeblicher Student einen Job als Nachhilfelehrer der Park-Tochter, dann holt er trickreich Schwester Ki-jung (So-dam Park) als Kunsttherapeutin für den kleinen Sohn nach. Es folgen Vater Ki-taek (Kang-ho Song) als Chauffeur und schließlich Mutter Chung-sook (Hyae Jin Chang) als Haushälterin. Und damit wären alle Familienmitglieder untergebracht.

Selbstredend dürfen die wohlhabenden Arbeitgeber keinesfalls wissen, dass sie eine komplette Sippschaft vor sich haben. Trickreich schalten die Kims das bisherige Personal aus, um die eigene Existenz zu sichern. Was die menschlichen Parasiten – wenn man denn diesem Ausdruck aus dem Filmtitel benutzen will – am Leben erhalten müssen, ist ihr Wirt. Und das sind in diesem Fall die Parks.

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Wer genau die „Parasiten“ sind, ist Ansichtssache

Obwohl: Wenn man es recht bedenkt, kann man die ganze Geschichte auch umgekehrt sehen: Schließlich sind es die Parks, die sich ein schönes Leben auf Kosten ihrer Angestellen machen, die sie jederzeit feuern können.

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Spätestens an diesem Punkt darf man nicht weitererzählen: Der südkoreanische Regisseur bittet ausdrücklich darum, nicht zu viel von dem zu verraten, was danach geschieht. Tatsächlich nimmt die Geschichte noch exzessiv-blutige Wendungen. So viel darf man aber sagen: Die Metapher von den Kellerkindern wird munter fortgesponnen. Hier wird dem Zuschauer in beinahe jeder Szene der Gegensatz zwischen denen da oben und denen da unten vor Augen geführt. Etwas anderes als eine wilde Story war auch kaum zu erwarten von diesem Regisseur, der so gekonnt mit Genres spielt. Schon in seinem vergnüglichen Monsterfilm „The Host“ (2006) steckte tief drin Gesellschaftskritisches.

In seinem postapokalyptischen Thriller „Snowpearcer“ (2013) zettelte Bong Joon-ho dann einen Klassenkampf zwischen den Waggons eines Zuges an, der – ohne je zu stoppen – um den in Eis und Schnee erstarrten Globus rattert. Und in der Science-Fiction-Satire „Okja“ (2017, produziert von Netflix) erzählte er von der Freundschaft zwischen einem Mädchen und dessen genmanipuliertem Riesenschwein, das in einer Schlachtfabrik sein Leben lassen soll.

Bon Joon-ho bietet erhellende Blicke auf den Kapitalismus

Nun beweist der Südkoreaner auch in „Parasite“, dass erhellende Blicke auf den gegenwärtigen Kapitalismus und brillante Unterhaltung bestens zusammenpassen. Das sah auch die Jury beim Filmfestival in Cannes so: Dort wurde „Parasite“ im Mai mit der Goldenen Palme dekoriert. Schon bei der Premierenvorstellung gab es erst Szenenapplaus und dann stehende Ovationen. In Südkorea kauften mehr als zehn Millionen Zuschauer Tickets. Kein Wunder, dass das asiatische Land „Parasite“ nun auch ins Rennen um den Auslandsoscar geschickt hat.

Selten ist Klassenkampf von unten – was hier durchaus im Wortsinn zu verstehen ist – in solche schwarzhumorigen Eskapaden abgedriftet. „Parasite“ ist alles andere als ein handelsübliches Sozialdrama. Hier wird von der Spaltung in Arm und Reich im Stile einer beißenden Satire erzählt – schon der Gegensatz zwischen düsterem Wohnungskeller und glitzerndem Edelbungalow ist grandios fotografiert (Kamera: Kyung-pyo Hong).

Vielleicht schießt Bong Joon-ho in der zweiten Filmhälfte ein wenig übers Ziel hinaus. Aber klar wird ebenso: Auch wenn sich Vertreter zweier Klassen unter einem Dach begegnen, trennen sie doch Welten. Könnte sein, dass dieser Befund nicht nur für Südkorea gilt.

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Kinostart in Deutschland: 17. Oktober 2019

Deutscher Titel: „Parasite“

Regie: Bong Joon-ho

Mitwirkende: Woo-sik Choi, So-dam Park, Kang-ho Song

Filmlänge: 132 Minuten

Altersfreigabe: ab 16 Jahren

Von Stefan Stosch/RND

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