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Deutscher Beitrag beim Filmfest Venedig: Eindringliches, hochaktuelles Kino

  • Regisseurin Julia von Heinz präsentiert ihren hochaktuellen Film beim Festival in Venedig.
  • Das Kinodrama “Und morgen die ganze Welt” stellt die Frage, ob Gewalt gegen rechts erlaubt ist.
  • Wie Jury-Präsidentin Cate Blanchett der Film gefällt, zeigt die Preisvergabe am Sonnabend.
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Manchmal fühlt es sich auch in einem hochaktuellen Film momenteweise so an, als sei man in eine vergangene Zeit gebeamt worden. Und dann fragt man sich zum Beispiel in “Und morgen die ganze Welt” irritiert: Wieso tragen die vornehmlich jungen Menschen darin keinen Mund-Nasen-Schutz, wo doch alle anderen außerhalb des Films einen solchen im Gesicht spazieren führen?

Bei den Filmfestspielen in Venedig sind nun schon seit mehr als einer Woche Masken sogar während der Vorstellungen Pflicht. An diesem Wochenende geht das Festival zu Ende. Allein das ist eine Erfolgsmeldung. Venedig hat in Corona-Zeiten als einzige cineastische Großveranstaltung die Fahnen des Kinos hochgehalten und damit zugleich einer krisengeschüttelten Branche eine Dosis Mut injiziert.

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Auch wenn sich bei manchen beim Fiebermessen und bei hinter Absperrungen versteckten Stars kein rechtes Festivalgefühl eingestellt hat: Kino ist möglich! Das ist eine wichtige Botschaft auch für die Berlinale, die angekündigt hat, im kommenden Februar in die deutsche Hauptstadt einladen zu wollen.

Gerade der deutsche Wettbewerbsbeitrag “Und morgen die ganze Welt” von der 44-jährigen Regisseurin Julia von Heinz lehrt einen aber auch, dass noch andere Dinge auf dieser Welt wichtig sind als ein fieses Virus. Da muss man nur mal Luisa fragen (die noch in der Vor-Corona-Ära unterwegs ist). Die junge Frau weiß genau: Die Rechten sind in dieser Republik auf dem Vormarsch in die Mitte der Gesellschaft. Dagegen muss sie etwas tun.

Revoluzzer- und Liebesgeschichte

Die angehende Jurastudentin kennt das Grundgesetz und kann aus Artikel 20 zitieren: “Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Bundesstaat. Gegen jeden, der es unternimmt, diese Ordnung zu beseitigen, haben alle Deutschen das Recht zum Widerstand, wenn andere Abhilfe nicht möglich ist.”

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Was das bedeuten könnte, lässt die Regisseurin ihre junge Protagonistin Luisa (Mala Emde) quasi in der Praxis testen. Es geht hier aber keinesfalls um Pädagogik mit cineastischen Mitteln, viel mehr um eine Revoluzzer- und Liebesgeschichte mit Thrillerelementen.

Die deutsche Regisseurin Julia von Heinz hofft bei dem 77. Filmfestival in Venedig auf eine Auszeichnung. © Quelle: imago images/Becker&Bredel/dpa/RND Montage Behrens
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Politisches Kino also: Das hat Seltenheitswert auf deutschen Leinwänden. Fatih Akins “Aus dem Nichts” (2017), angelehnt an die NSU-Morde, gehört dazu, ebenso wie “Die fetten Jahre sind vorbei”. In Hans Weingartners Film von 2004 ging eine Clique Spaßrevolutionäre daran, mit saturierten Reichen abzurechnen, und fand sich plötzlich als Kidnapper wider Willen wieder. Daraus erwuchs einige Komik.

Spaß oder Ernst?

Auch Luisa wird gefragt, ob es ihr Ernst ist mit ihrem politischen Engagement. Wer der gut behüteten Tochter aus adeligen Kreisen (Regisseurin von Heinz hat mit “Standesgemäß” mal eine Doku über junge Adelige gedreht) ins Gesicht schaut, ahnt die Antwort bald.

Anfangs ist Luisa noch die Naive. Sie will vor allem eines: dazuzugehören – in diesem Fall zu der Antifa-WG, die mit Tortenwürfen die Republik vor den Neonazis retten will. In dem besetzten Mannheimer Mietshaus trifft sie aber auch auf Alfa (Noah Saavedra), der vor Gewalt gegen Menschen nicht zurückschreckt. Langsam wächst in Luisas Augen die Entschlossenheit.

Woher Luisas Wut stammt, hätte man gern noch ein wenig genauer gewusst – auch wenn Neonazis hier schlimme antisemitische Lieder zur Gitarre klimpern. Luisa schlittert mehr in die Radikalisierung hinein, als dass sie sich dafür entscheidet. Und ein wenig verliebt in den vermeintlichen Draufgänger Alfa ist sie auch.

Momenteweise fühlt man sich an “Die bleierne Zeit” von Margarethe von Trotta erinnert, mit der sich die Regisseurin von Heinz verbunden fühlt. Am Beispiel der Ensslin-Schwestern ging es auch in von Trottas Kinodrama von 1981 um politischen Widerstand und um die Geburt des Terrorismus. Entscheiden muss sich auch die Jurastudentin Luisa, die nicht mehr an eine legale Verteidigung der Verfassung glaubt.

Die Idee zu ihrem Werk hat die Regisseurin zwei Jahrzehnte lang mit sich herumgetragen. Ein wenig filmisch-radikaler Schwung ist in der langen Zeit auf der Strecke geblieben, ihr Thema dagegen wurde immer brisanter. Wie die Jury um Präsidentin Cate Blanchett die Sache sieht, werden wir erfahren, wenn am Sonnabend die Löwen in Venedig vergeben werden.

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