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  • Film „Lieber Thomas“ würdigt Dichter Thomas Brasch - mit Jella Haase und Albrecht Schuch

Raus aus dem engen Leben – der Film „Lieber Thomas“ würdigt den Dichter Thomas Brasch

  • Regisseur Andreas Kleinert würdigt im Biografiefilm „Lieber Thomas“ (Kinostart am 11. November) den Ost-Berliner Dichter Thomas Brasch.
  • An seiner Ausreise aus der DDR litt er ebenso wie an der Enge des sozialistischen Systems.
  • Albrecht Schuch spielt den Zerrissenen überragend.
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Da steht Thomas Brasch (Albrecht Schuch) nun ungläubig in seiner Ost-Berliner Wohnung. Er starrt auf den Brief in seiner Hand, den er so lange schon herbeigesehnt hat. Endlich darf er zusammen mit seiner Freundin Katharina Thalbach (Jella Haase) ausreisen aus der DDR. Und was sagt er ihr, die gerade zur Tür hereinschneit? „Sollen wir uns jetzt freuen?“

Er freut sich eben nicht, und dennoch muss er raus aus diesem engen Land. Hier kann er nicht tun, was ihm das Wichtigste ist im Leben: wie manisch zu arbeiten. Egal ob Lyrik, Prosa, Theater oder Film: Er beschäftigt sich mit allem gleichzeitig – auch auf die Gefahr hin, dass manches davon niemals zu Ende gebracht wird. Seine Versagensängste wird er zeitlebens nicht los.

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Kleinteilig kritzeln – und dann Kokain in die Nase

Ein schönes, auch gewagtes Bild hat Regisseur Andreas Kleinert in seiner Brasch-Kinohommage „Lieber Thomas“ gleich zu Beginn für diese Besessenheit gefunden: Da hat Thomas Brasch den nackten Körper einer Frau bekritzelt, so wie er später den mannshohen Spiegel in seinem Arbeitszimmer von oben bis unten mit Notizen bekritzeln wird, bevor er sich eine weitere Linie Kokain durch die Nase zieht.

Als Brasch viel zu früh 2001 im Alter von gerade einmal 56 Jahren an Herzversagen stirbt, türmt sich ein 16.000 Seiten starkes Manuskript über einen Serien­mörder auf seinem Schreib­tisch. Es handelt vom Verbrechertum als Widerstand gegen das Bürgertum.

Vermutlich hätte sich das Leben des Thomas Brasch auch noch viel politischer erzählen lassen als hier. Rebellisch genug war es. Kleinert spart keinesfalls die Flugblattaktion aus, an der Brasch nach der blutigen Niederschlagung des Aufstands 1968 in der Tschechoslowakei durch die Sowjetunion beteiligt war. Für diese Tat wandert Brasch ins Gefängnis, wird aber bald schon wieder entlassen und soll sich fortan in der Produktion bewähren.

Der Dichter arbeitet sich am selbstzufriedenen Vater ab

Verpfiffen hatte ihn damals wohl der eigene Vater, Familien­patriarch und hoher Partei­funktionär, der es bis zum stellvertretenden Kultur­minister brachte. Horst Brasch (Jörg Schüttauf) holte den Sohn wohl auch wieder aus dem Gefängnis heraus. An der Selbst­zufriedenheit des Vaters über das in der DDR vermeintlich Erreichte arbeitete sich der Sohn mit zunehmender Verzweiflung ab. „Vor den Vätern sterben die Söhne“ heißt Thomas Braschs bekanntestes Werk.

1976 gehörte Brasch zu den Unterzeichnern der Petition gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann. Kurz darauf wechselte auch er auf die andere Seite der deutsch-deutschen Mauer.

Regisseur Kleinert entscheidet sich für eine poetische Herangehensweise

Und doch hat sich Regisseur Kleinert – geboren 1962 in Ost-Berlin, 1989 Absolvent der Filmhochschule Konrad Wolf in Babelsberg – in seinem zweieinhalb Stunden kurzen Schwarz-Weiß-Film für eine poetische Herangehensweise entschieden. Je wirrer es im Kopf seines Protagonisten aussieht, desto mehr surreale Elemente streut der Regisseur unversehens ein.

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Da zuckt man schon mal verblüfft zusammen, wenn der von düsteren Gedanken gequälte Protagonist auf eine an einem Strick baumelnde Ausgabe seiner Selbst trifft und sie vorsichtig von der Zimmerdecke holt. Auch auf eine wilde Schießerei an der Seite seiner Mutter Gerda à la „Bonnie und Clyde“ sollte man sich gefasst machen. Brave Streifen­polizisten sind die Gegner.

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Heimisch wird Brasch nach der Lesart dieses Films auch in der Bundes­republik nicht. Er wehrt sich gegen Vereinnahmung durch den Kapitalismus – und verhandelt doch an einer New Yorker Bar um sechsstellige Dollarbeträge für eine Autobiografie, die er nie schreiben wird. „Sie sind der wildeste Scheiß seit Truman Capote“, ködert ihn der Verleger. Jude, Kommunist, Neinsager, Gefangener in der DDR: Da steckt viel verwertbares literarisches Potenzial drin.

Kleinerts Film ist ein radikales Plädoyer für die Verteidigung des Individuums: „Aber wo ich lebe, will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe, da will ich nicht hin: Aber bleiben will ich, wo ich nie gewesen bin“, lautet eines der berühmtesten Zitate Braschs.

Sucht man nach einem vergleichbaren differenzierten Film über die DDR, fällt einem vor allem Andreas Dresens „Gundermann“ über den singenden Baggerfahrer ein. Auch dieser Gerhard Gundermann ließ sich in keine Schublade einsortieren und war ein Zerrissener in seinem Verhältnis zum eigenen Staat.

Braschs großen Moment mit Franz Josef Strauß spart der Film aus

Als Brasch den Bayerischen Filmpreis im Beisein von Franz Josef Strauß erhielt, bedankte er sich für seine Ausbildung in der DDR – diese hübsche Szene spart der Film leider aus. Dafür sehen wir ihn 1981 in Cannes, wo sein Debütfilm „Engel aus Eisen“ lief.

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Albrecht Schuch spielt diesen Zerrissenen überragend – so wie die allermeisten seiner Rollen, egal ob die als Anti-Gewalt-Trainer in „Systemsprenger“, als Franz Biberkopfs böser Einflüsterer in „Berlin Alexanderplatz“ oder als bester Freund von „Fabian“. Hier lässt er uns mitleiden mit einem halsstarrigen Unbequemen, der sich an nichts und niemanden anpassen mochte.

„Lieber Thomas“, Regie: Andreas Kleinert, mit Albrecht Schuch, Jella Haase, Jörg Schüttauf, 157 Minuten, FSK 16

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