Fehlt Ihnen der unbeschwerte Flirt, Jane Birkin?

  • Als Schauspielerin wurde sie bekannt, als Sängerin jubelten ihr die Fans an der Seite ihres damaligen Partners Serge Gainsbourg zu.
  • Nun hat Jane Birkin, die Ikone des französischen Showgeschäfts, ein neues Album vorgestellt.
  • Im Interview spricht die ­74-Jährige über Musik, #MeToo und den schweren Verlust ihrer Tochter.
Steffen Rüth
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Frau Birkin, Sie hatten kürzlich Geburtstag – herzlichen Glückwunsch nachträglich. Haben Sie gefeiert?

Ach je. Ich habe mit einigen lieben Menschen gefrühstückt. Das war sehr schön. Früher habe ich meine Geburtstage geliebt und auch gefeiert. Aber meine Tochter Kate starb am 11. Dezember 2013, drei Tage vor meinem Geburtstag, und seitdem wird dieser Tag niemals mehr so sein, wie er mal war. Um diese Zeit sind alle in der Familie noch trauriger als sonst, dass Kate nicht mehr bei uns ist. Der 14. Dezember ist jetzt vor allem der Geburtstag von Emily, der Tochter meines Bruders Andrew Birkin. An sie denke ich dann, sie wurde zwölf. Emily soll feiern.

Ihr Bruder ist Filmemacher, von ihm stammt der berühmte Klassiker „Der Zementgarten“, in dem Ihre Tochter Charlotte Gainsbourg zu sehen ist.

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Andrew hat sich ziemlich zurückgezogen. Er lebt in Wales weitab vom Schuss mit seiner Familie, seinen Kindern. Er will gar nicht rausgehen, und er will auch keinen Film mehr drehen. Andrew kennt den Verlust. Sein Sohn Anno starb mit 20 Jahren bei einem Autounfall. Er will bei seiner Familie bleiben. Er weiß ja nicht, wie lange er noch hat. Oder sie.

„Kates Tod ist ein Schmerz, der mich immer begleiten wird“

Trauer spielt auch in Ihren neuen Liedern eine wichtige Rolle. Auf Ihrem Album „Oh! Pardon Tu Dormais“ sprechen Sie zum ersten Mal über den Tod Ihrer Tochter Kate Berry, die einen Sturz aus dem Fenster nicht überlebte. Fiel es Ihnen schwer, diese Worte aufzuschreiben und zu singen, oder war das eine Erleichterung?

Es fiel mir nicht schwer. Aber es brachte mir auch keine Katharsis. Die wird nicht kommen. Kates Tod ist ein Schmerz, der mich immer begleiten wird. Der geht nicht mehr weg. Ich schrieb die Worte, die ich jetzt etwa in „Cigarettes“ singe und die teilweise sehr harsch sind, schon vor Jahren in mein Tagebuch. Ich führe ja Tagebuch, seit ich denken kann, in Großbritannien haben wir jetzt den ersten Teil unter dem Titel „Munkey Diaries“ veröffentlicht. Ich musste diese Zeilen also bloß aus meinem Inneren abrufen. Etienne Daho hat ein rohes, ja brutales Stück Musik dazu verfasst. Mich erinnert „Cigarettes“ an ein deutsches Musical der Dreißigerjahre, an Kurt Weill.

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Ist auch „Catch me if cou Can“ ein Lied über Kate?

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Ja. Wieder Kate. Ich denke ständig an sie. Die Musik klingt, als wenn jemand fällt. Und Kate ist aus dem Fenster gefallen. Also schrieb ich über sie. Später, als ich Kates Wohnung aufräumte, fand ich eine Notiz in ihren Sachen. „So glücklich wie Ulysses zwischen seinen Eltern“ stand darauf. Was sie wohl gemeint hat? Ich frage mich, ob Kinder, auch, wenn sie längst erwachsen sind, genau das wollen, zwischen ihren Eltern im Bett liegen. Zurückfinden in die Zeit, als sie klein waren. Sich geborgen und sicher fühlen.

„Ein paar Minuten Leichtigkeit“

Das Album ist wundervoll, aber es ist auch sehr schwer, finden Sie nicht?

Ja. Deshalb gibt es auch Lieder wie „F.R.U.I.T.“. Es handelt davon, dass dieses Wort für mich unaussprechlich ist. Immer schon. Meine Schwester und mein Bruder flüsterten es sich immer in die Ohren, als wir klein waren, und wurden dann hysterisch. Das Lied ist ein Spaß. Ein paar Minuten Leichtigkeit.

Ihr vergangenes Album war 2017 eine symphonische Neubearbeitung der Lieder, die Serge Gainsbourg für Sie schrieb.

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Ja, das war eine sehr schöne Erfahrung. Serge hat mich immer aufgemuntert und ermutigt, meine eigene Stimme zu finden. Natürlich habe ich während unserer gemeinsamen Zeit in erster Linie seine Emotionen interpretiert, aber er war ein besonderer Mann. Ich habe das gern getan. Serge war oft traurig, das hört man in seinen Chansons. Ich bin dankbar, dass wir nach dem Ende unserer Liebe befreundet geblieben sind. Vielleicht sogar besser und enger befreundet als in den Jahren, in denen wir zusammen waren.

Eine Platte mit eigenen Stücken hatten Sie zuletzt 2008 veröffentlicht. Wie kam es zu „Oh! Pardon Tu Dormais“?

Mit den Liedern von Serge tourte ich mehrere Jahre um die Welt. Ich hatte nicht vorgehabt, ein weiteres Album zu machen. Aber mein guter Freund Etienne Daho hat nicht aufgehört, mich zu beknien, und schließlich hat er mich zu dem Projekt überredet. Etienne und Jean-Louis Piérot haben die Musik geschrieben, von mir stammen die Texte. Etienne sagte, er liebe mein Theaterstück „Oh! Pardon Tu Dormais“, das später auch zu einem Film verarbeitet wurde. 20 Jahre ist das schon her, wenn nicht noch länger. Ich zog mich zum Schreiben meist in unser Familienhaus in der Bretagne zurück. Etienne mochte meinen lyrischen Ansatz. Die Arbeit war wirklich inspirierend, und zum Glück wurde noch gerade im Februar alles fertig.

„Eifersucht ist die dunkle Seite der Medaille“

Die Lieder sind sehr persönlich. Wie eng sind Ihr veröffentlichtes Tagebuch und dieses Album miteinander verwandt?

Sie sind sich vordergründig nicht so nah. Aber irgendwie sind sie es doch. Etienne und ich haben zum Beispiel das Thema Eifersucht aufgegriffen, über das ich in meinen Aufzeichnungen schreibe, und daraus das Stück „Telle est ma maladie envers toi“ gemacht.

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Ist Ihnen die Eifersucht gut bekannt?

Eifersucht ist die dunkle Seite der Medaille. Du bist furchtbar verliebt und furchtbar glücklich, und im selben Augenblick bist du furchtbar eifersüchtig. Ich kenne dieses schreckliche Gefühl sehr gut. Aber Gott sei Dank ist das vorbei. Heute habe ich niemanden mehr in meinem Leben, auf den ich eifersüchtig sein könnte.

Nun ist Ihnen die Eifersucht abhandengekommen, weil die romantische Liebe fehlt?

So ist es. Die Liebe ist ein Delirium. Ich blicke zurück auf die eifersüchtige Frau, die ich einst war, und ich sehe ein wenig schmeichelhaftes Bild von mir. Die Person, die das Theaterstück „Oh! Pardon Tu Dormais“ geschrieben hat, ist nicht mehr die Person, die ich heute bin. Diese verzweifelte Liebe und die Angst, jemanden zu verlieren, das alles ist nicht mehr Teil meines Lebens. Ich bin nicht mehr verzweifelt im wirklichen Leben. Nur auf diesem Album, da bin ich sehr verzweifelt.

Sie haben einmal eine Liebesbeziehung mit einer Sucht verglichen.

Ich hatte unglaublich bereichernde, aber eben auch unvorstellbar dramatische Liebesverbindungen in meinem Leben. Ich muss das nicht mehr haben. Einige der Menschen, die ich liebte, sind Freunde geblieben. Ich habe es gut getroffen, ich empfinde Zufriedenheit und Dankbarkeit. Doch ich muss zugeben: Wenn ich alte Paare sehe, die auf der Straße Händchen halten, dann werde ich neidisch und denke „Oh, wie süß“. In diesen Momenten wünschte ich, das wäre ich. Aber ich war einfach nie die Art von Person, die es dauerhaft geschafft hat zu lieben. Ich bin sogar Serge davongelaufen. Was soll ich sagen? Meine Lieben hielten nie.

Wissen Sie, woran das lag?

Damit eine Ehe oder eine Beziehung funktioniert, musst du Konzessionen eingehen, immerzu Kompromisse machen. Das lag mir nicht. Meine Schwester, die kann das. Linda ist so ein glückliches Mädchen. Nie scharf auf Dinge, die andere haben. Glücklich mit dem, was sie hat. Sie liebt ihren Ehemann noch immer. Linda ist ein Mensch, mit dem jeder gern verheiratet wäre. Dagegen ich? Nein. Wirklich nicht.

Stilikone mit Korbtasche: Jane Birkin, die Erfinderin der „It-Bag“.

Unterhalten Sie sich mit Ihrer Schwester über die Liebe?

Das ist nicht notwendig. Sie kennt mich, und ich kenne sie. Auswendig. Ich stehe immer wieder staunend vor ihrer Güte. Jetzt im Sommer hat sie mich im Krankenhaus besucht. Hätte sie nicht müssen, ich lag nur kurz dort wegen meiner Leukämie, war nichts Schlimmes. Das Hospital lag abgelegen. Sie nahm die Tram, die Metro, dann stieg sie noch sechs Etagen die Treppe rauf, weil sie Angst vor Aufzügen hat. Dann kam sie in mein Zimmer und sagte als Erstes: „Du glaubst gar nicht, wie viele freundliche und nette Menschen ich auf dem Weg hierher zu dir getroffen habe.“ Wenn ich auf Tournee bin, freuen sich immer alle, wenn Linda uns besucht. Alle wissen: Ist sie da, wird es schön.

„Beim ersten Lockdown war es richtig schlimm“

Ihre jüngste Tochter Lou Doillon lebt in Paris, aber Charlotte wohnt mit Ihrer Familie seit vielen Jahren in New York. Oft gesehen haben Sie Ihre Familie in diesem Jahr vermutlich nicht, oder?

Der zweite Lockdown jetzt war nicht so schwer. Ich habe mich weiter mit den alten Ladys getroffen, die ich liebe. Wir sind ein großer Freundeskreis. Ich habe auch meine Kinder gesehen. Ich habe gar nicht gelitten. Aber beim ersten Lockdown war es richtig schlimm. Ich liebe es, unter Menschen zu sein, mehr als alles brauche ich Gesellschaft. Aber ich war brav und klatschte jeden Abend den Krankenschwestern Beifall von meinem Balkon aus.

Sind Sie in Paris geblieben?

Ja. Ich saß zu Hause, war einsam und wartete auf einen Anruf von Charlotte oder Lou. Charlotte meldete sich fast jeden Tag, und Lou machte lustiges Zeug auf Insta­gram. Aber alle waren weg, raus aufs Land gegangen. Während ich doof war und in der Stadt ausharrte. Ich dachte, das macht mich irgendwie solidarischer. So nach dem Motto „Wir halten jetzt alle hier zusammen aus“. Aber habe ich etwas Spannendes erlebt? Nein. Man hockt rum wie im Krankenhaus, ist gelangweilt und null kreativ und wartet darauf, dass sie einen wieder rauslassen.

Immerhin hatten Sie Ihren Hund ­Dolly ...

Oh, Dolly. Meine süße Bulldogge. Der Lockdown hat sie das Leben gekostet. Sie wurde so traurig und niedergeschlagen, weil ihr niemand mehr ein „Hallo, Dolly“ zurief und sie auf der Straße auch nicht mehr getätschelt wurde. Dolly war sehr depressiv, und dann ist sie gestorben.

Das tut mir leid. Im Hintergrund hört man aber doch einen Hund bei Ihnen.

Das ist Bella. Sie ist noch ein Welpe. Mein Bulldoggenmädchen. Wenn du allein lebst, brauchst du einen Hund. Sonst ist es zu trist. Bella sieht Dolly ganz ähnlich, ist jedoch vom Charakter her das komplette Gegenteil. Dolly war ein Engelchen, Bella ist ein Biest.

„Danke, lieber Gott, dass #MeToo existiert“

Sie sind in den freizügigen Swinging Sixties in London groß geworden und sind seit 1966 im Unterhaltungsgeschäft erfolgreich. Was denken Sie über Themen wie Feminismus oder die #MeToo-Debatte?

Es ist interessant, dass Sie das ansprechen. Meine beste Freundin war gerade für zwei Tage zu Besuch. Wir saßen hier und haben stundenlang über diese Fragen gesprochen. Wir hatten uns einen Dokumentarfilm angeschaut über Jeffrey Ep­stein. Was für ein Monster! Ich dachte nur: „Danke, lieber Gott, dass #MeToo existiert und dass diese Gräuel nach und nach ans Licht kommen.“ So was Widerliches. Reiche Schweine, die minderjährige Mädchen missbrauchen, manipulieren und sie als Lügnerinnen hinstellen, wenn sie reden wollen. Das Großartige ist, dass sich diese Frauen heute auch mit viel Geld und guten Anwälten nicht mehr zum Schweigen bringen lassen.

Haben Sie jemals etwas Vergleichbares erleben müssen?

Nein, nicht annähernd. So war es nicht bei uns. Es gab diese kriminelle Energie nicht. Wir kannten keine Männer, die uns auf Inseln bringen und vergewaltigen wollten. Es war nicht so böse, niemand hat uns Angst gemacht.

Fehlt Ihnen auf der anderen Seite dieses unbeschwerte Flirtverhalten der Menschen von früher?

Ich weiß nicht, ob ich das wirklich vermisse. Ich bin fast 75 Jahre alt. Mich baggert keiner mehr an. Manchmal denke ich: leider. Aber es kneift mir auch niemand mehr ungebeten in den Hintern. Seinerzeit sorgte so etwas für Lacher, heute würde jede Frau einen solchen Übergriff als unentschuldbar und abstoßend empfinden.

“Staat, Sex, Amen”
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