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Moritz Bleibtreu: „Wie kann man stolz auf ein Land sein?“

  • In der Serie „Faking Hitler“ spielt Moritz Bleibtreu den Hitler-Tagebuch-Fälscher Konrad Kujau.
  • Im RND-Interview spricht der Schauspieler über rechte Verführungen und seine Distanz zu allem Nationalen.
  • Auch dass er in New York mal eine ganze Zeit lang als Italiener unterwegs war, erzählt Bleibtreu.
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Er habe schon als Kind gewusst, dass er Schau­spieler werden wolle, sagt Moritz Bleibtreu. Dem 1971 geborenen Bleibtreu glaubt man das glatt – stammt er doch aus einer berühmten Schau­spieler­familie, angeführt von der 2009 gestorbenen Mutter Monica Bleibtreu. In der elften Klasse schmiss Moritz die Schule. Erst verschlug es ihn als Au-pair nach Paris, später versuchte er sich am berühmten Actors Studio in New York – und ergatterte dort einen Job als Mädchen für alles.

Im Kino ging es rasant aufwärts: In der Tragi­komödie „Knockin’ on Heaven’s Door“ (1997) machte er Furore als Möchtegern­gangster Abdul („Soll isch dir dein Hirn pusten?“). An der Seite von Franka Potente schrieb er Film­geschichte in „Lola rennt“ (1998). Mit Fatih Akin drehte er fünf Filme, darunter „Im Juli“ (2000), „Solino“ (2002) und „Soul Kitchen“ (2009). In „Der Baader-Meinhof-Komplex“ (2008) spielte er Andreas Baader, in „Jud Süß“ (2010) NS-Propaganda­minister Goebbels. Im Musicalfilm „Ich war noch niemals in New York“ (2019) sang er mit. Im Vorjahr gab er mit dem Thriller „Cortex“ sein Regiedebüt. Und ab 30. November ist er in der RTL+-Serie „Faking Hitler“ dabei.

Herr Bleibtreu, hat Sie das Fach Geschichte in der Schule begeistern können?

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Mir war damals leider nicht klar, wie wichtig es ist, in die Geschichte zu schauen, um die Gegenwart zu kapieren. Ich glaube aber auch, dass mir das Fach nicht wirklich gut nahe­gebracht wurde. Das betraf ganz besonders das Thema National­sozialismus: Wir hatten die NS-Zeit damals bestimmt zwei Jahre lang auf dem Unterrichtsplan, spätestens ab der neunten Klasse, wenn ich mich recht erinnere. Danach blieb bei mir vor allem Überdruss, und ich habe mich erst mal gar nicht mehr dafür interessiert.

War der missglückte Geschichts­unterricht auch ein Grund für Sie, der Schule verfrüht den Rücken zu kehren?

Die Schule hat mich immer mehr gelangweilt. In der elften Klasse bin ich schließlich nicht mehr hingegangen. Mir war klar, dass ich Schauspieler werden wollte. Und damit war ebenso klar, dass ich das Abitur nicht wirklich brauchen würde. Ich stand vor der Wahl, entweder die Elfte zu wiederholen oder meinen Weg als Schauspieler zu suchen.

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Fühlen Sie sich dennoch durch die deutsche Geschichte geprägt?

Ich bin ohne jeglichen Bezug zu so etwas wie National­stolz oder einer nationalen Identität aufgewachsen. Wie kann man stolz auf einen geo­grafischen Ort sein? Wie kann man sich über ein Land definieren? Das habe ich nie verstanden. Das kann auch nicht sonderlich gesund sein. Als Kind stand ich gewisser­maßen zwischen den Fronten: Deutsche haben mich immer gern für einen Ausländer gehalten, und die Ausländer wussten, dass ich keiner von ihnen war. Zugleich ahnte ich schon früh, dass Deutschsein aus inter­nationaler Perspektive nicht unbedingt positiv war.

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Sie sind früh ins Ausland aufgebrochen: Haben Sie denn auch am eigenen Leib Ablehnung zu spüren bekommen?

Da gab es durchaus bizarre Episoden: In New York habe ich mich lieber als Italiener ausgegeben. Zuvor hatte ich ja in Italien gelebt und die Sprache ganz gut gelernt. In New York wohnte ich in Brooklyn in einer italienischen Nach­barschaft. Als mich dort mal wieder jemand fragte „Where are you from?“, da habe ich es mal ausprobiert: „I’m Italian“. Sofort sind für mich alle Türen und Tore aufgegangen. Die Leute waren regelrecht begeistert von diesem vermeintlichen Original­italiener. Und ich dachte nur: Hoffentlich fliege ich jetzt nicht auf. Es ist aber gut gegangen.

Und wie waren Ihre Erfahrungen in Europa?

Zunächst bin ich als Au-pair nach Frankreich gegangen. Ich hatte viele arabische Freunde dort und bin damals zum ersten Mal auf den Konflikt zwischen Arabern und Juden gestoßen – und damit indirekt auch wieder auf die NS-Geschichte und das Deutsch­sein. Manches Mal habe ich mir gewünscht, dass Herkunft nicht so wichtig wäre. Inzwischen verstehe ich mich als eine Art Weltbürger – was nicht heißt, dass mir an Traditionen nichts liegen würde, die Sprache oder Kultur betreffen.

Wurde über den National­sozialismus in Ihrer Familie geredet?

Nicht wirklich, ich stamme aus einer österrei­chischen Schau­spieler­familie. Meine Mutter Monica Bleibtreu kam aus Wien, mein Vater Hans Brenner aus Innsbruck. Und die österreichische Volksseele hält das Thema National­sozialismus lieber auf Abstand nach dem Motto: Damit haben wir nichts zu tun, das haben die Deutschen verbockt – auch wenn auf Archiv­aufnahmen zu sehen ist, wie Menschen Hitler 1938 in Wien begeistert zuwinken.

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Bei Ihnen zu Hause blieb das Thema außen vor?

So habe ich es erlebt. Zudem bin ich bei meiner Mutter ohne Vater groß geworden und habe meine Großeltern väterlicher­seits nie kennen­gelernt. Ich weiß nur, dass mein Opa Renato Attilio Bleibtreu eine schillernde Figur war. Er hat eine ganze Zeit als Trick­betrüger im Gefängnis gesessen und leitete später ein kleines Theater in der Nähe von Wien.

In Ihrer aktuellen Streaming­serie „Faking Hitler“ werden Sie nun auf besondere Weise mit dem Erbe des National­sozialismus konfrontiert: Die Serie spießt den Skandal von 1983 um die gefälschten Hitler-Tage­bücher auf. Damals waren Sie gerade zwölf Jahre alt. Können Sie sich an die mediale Aufregung erinnern, die diese Story auslöste?

Ich weiß noch genau, dass meine Mutter sich sehr amüsiert hat, als das Magazin „Stern“ den Fälschungen aufgesessen war. Sie hat gesagt: Das war es wohl für den „Stern“. Das hat sich nicht bewahr­heitet: Als wir jetzt für unsere Serie „Faking Hitler“ beim „Stern“ saßen und noch mal die Original­ausgabe in Händen halten durften, erinnerte ich mich auch wieder genau an die Doppel­seite von damals.

Können Sie nach­voll­ziehen, dass der „Stern“ auf die von Konrad Kujau aus­gepinselten Tagebücher hereingefallen ist?

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Die Verführungskraft für den „Stern“-Reporter Gerd Heidemann und auch für alle anderen muss so groß gewesen sein, dass sie unbedingt glauben wollten, dass das alles wahr ist. Sie wollten glauben, dass sie da einen historischen Schatz in Händen halten und plötzlich von Hitlers Verdauungs- und Beziehungs­problemen lesen konnten. Da müssen alle Warnlichter aus­gegangen sein. Das Hitler-Bild wäre allerdings extrem verharmlost worden, wenn sich diese Darstellung durch­gesetzt hätte. Ich habe beim „Stern“ die originalen Fälschungen gesehen: Zumindest in der Rück­schau erscheint es als wahres Wunder, dass diese Werke es bis zur Veröffent­lichung geschafft haben.

Anfang der Neunziger brachte Helmut Dietl den Film „Schtonk!“ über die angeblichen Hitler-Tage­bücher ins Kino. Götz George spielte eine am „Stern“-Reporter Heide­mann angelehnte Figur, Uwe Ochsen­knecht übernahm den Part von Kunst­fälscher Kujau. Nun schlüpfen Lars Eidinger und Sie in diese Rollen. Wozu braucht es diese unglaubliche Geschichte noch einmal als Serie?

Wie Sie bereits sagen: Die Geschichte ist so unglaublich, dass es sich lohnt, sie noch einmal aus einer neuen Perspektive zu erzählen. Das wird schon an meiner Figur Kujau deutlich: Uwe Ochsen­knecht spielte ihn als einen Getriebenen, der sich im Fälschen verlor. Bei uns ist Kujau jemand, der auch das siebte Tagebuch möglichst noch vor dem Abendessen füllen will, um danach sein Bier zu trinken und zu seiner Geliebten zu spazieren.

Was haben Sie über Kujau heraus­gefunden?

Ich habe mir lange Original­aufnahmen von Heidemann und Kujau angehört. Das allein war schon beinahe Comedy. Dazu kommt diese Mundart bei Kujau, dieser Misch­masch aus Schwäbisch und Sächsisch. Kujau wurde in der Oberlausitz geboren und ging dann nach Stuttgart – deshalb spricht er so ein gefälschtes Sächsisch, wie ich das nenne. Dieser Dialekt erweckt meinen Serien-Kujau zum Leben – in Verbindung mit dem Schnauzer im Gesicht. In diesem Kujau steckt etwas Charmantes, aber auch eine gewisse Bauern­schläue.

Hat sich Kujau wirklich als Künstler verstanden?

Mit absolutem Recht! Der Mann hat sich das Prädikat Künstler wirklich verdient. Kujaus Fähig­keiten waren unglaublich. Er hat ein Bild von Klee betrachtet und sich gesagt: Diese paar Striche kann ich auch. Genauso konnte er aber auch Rembrandt, Pollock oder Picasso – oder was immer jemand gerade haben wollte. Bloß das Wichtigste in der Kunst hat ihm gefehlt: die einmalige Sicht auf die Welt, also etwas Eigen­ständiges, Einzig­artiges. Er hat es verpasst, seine eigene Sprache in der Kunst zu entwickeln.

Was hat ihn wohl beim Fälschen angespornt?

Womöglich eine Portion Überheb­lichkeit: Er konnte alle anderen nachmalen, aber diese anderen malten immer nur sich selbst. Vielleicht ging es ihm auch darum, die Kunst­szene als elitäre Blase zu entlarven. Es gibt ja diese Attitüde gerade in der bürgerlichen Welt, die nicht versteht, warum ein gelbes Viereck mit drei blauen Punkten nun Kunst sein soll. Deshalb genießen Kunst­fälscher auch so eine große Sympathie. Man weiß bis heute nicht so genau, wie viele Kujaus noch in irgend­welchen Appartements hängen.

Was geht uns die Geschichte der Tagebücher im Jahr 2021 an?

Identitätsdiebstahl ist heute ein großes Thema – wenn auch mit einem ganz anderen Hintergrund. Wer fälscht im Internet heute was? Zum Beispiel bin ich auf Instagram und Facebook so gut wie nicht präsent, dennoch kriege ich jede Woche Meldungen über rund 30 Fakeaccounts, in denen sich jemand als Moritz Bleibtreu ausgibt.

Und was tun Sie mit dieser Information?

Ich schreibe an Herrn Instagram und Frau Facebook: „Entschuldigung, das bin nicht ich, der da unter meinem Namen und mit meinem Gesicht schreibt.“ Manchmal antworten diese Dienste dann: „Der tut nicht nur so, als wäre er Sie. Das sind Sie!“ Und dann muss ich wieder schreiben: „Doch, der tut nur so!“ Das ist wirklich irre. Jeder Prominente dürfte das kennen. Ich muss beweisen, dass ich selbst ich bin. Ich habe irgendwo gelesen, dass im Internet bis zu zehnmal so viele Menschen existieren wie auf der Erde – würde man all die Bots und Fake­accounts zusammen­rechnen.

Macht Ihnen das Angst?

Wenn ich daran denke, welches Instrument Populisten damit in die Hände gegeben wird, dann schon. Es scheint so einfach zu sein, sich im Internet zu verabreden und rechts­extremes Gedanken­gut zu propagieren. Wer Böses im Schilde führt, hat da unendlich viele Kommunikations­kanäle. Und diese haben eine viel größere Durch­schlags­kraft als in den analogen Achtziger­jahren.

Fühlen Sie sich in der digitalen Welt heimisch?

Ich finde es betrüblich, dass wir immer mehr Zeit auf dieser schönen Erde auf Monitore starren. Jedenfalls versuche ich, mein Leben so analog zu leben, wie es nur irgendwie geht. Digital könnten Zeiten auf mich zukommen, die mich überfordern. Im Zweifelsfall frage ich meinen 13-jährigen Sohn. Der weiß schon jetzt viel besser, wie das alles funktioniert.

Zu dieser neuen digitalen Welt gehören auch die Streaming­dienste. Sie haben immer wieder das Kino­erlebnis verteidigt und sind doch immer häufiger in Fernseh­serien zu sehen. Haben Sie den Glauben an die große Leinwand verloren?

Auf gar keinen Fall! Mein nächster Film als Autor und Regisseur – nach meinem Debüt mit dem Psycho­thriller „Cortex“ im Vorjahr – wird hoffentlich wieder ein Kinofilm sein. Zugleich aber passiert mit dem Kino das, was so vielen anderen Künsten bereits passiert ist – es rutscht aus der Mitte der Gesellschaft heraus. Das ist wohl der Lauf der Zeit: Mittler­weile haben viele im Wohnzimmer eine tolle Dolby-Surround-Anlage, schauen auf eine riesige Fernseh­wand und verspüren gar keine Not­wendig­keit mehr, ins Kino zu gehen.

Sollten sie?

Nun ja, Streaming ist auch ein großes Glück, weil so viele Geschichten verfilmt werden, die aufgrund ihrer Struktur gar nicht im Kino unter­zubringen gewesen wären. Und viele Film­schaffende finden Arbeit bei den Streaming­diensten. Aber bei mir ist diese Entwicklung auch mit einem weinenden Auge verbunden – gerade jetzt in der Pandemie, in der Verleiher und Produzenten gar nicht recht wissen, ob die Kinos geöffnet bleiben.

Lässt sich aus Ihren Worten etwa Resig­nation heraushören?

Ich werde immer versuchen, Kinofilme zu machen. Kurz vor Weihnachten startet übrigens mein nächster Kinofilm „Caveman“. Das Kino wird auch künftig den Schwer­punkt meines Schaffens ausmachen. Da können Sie ganz beruhigt sein.

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