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Erich-Kästner-Verfilmung: Dieser „Fabian“ geht uns etwas an

  • Dominik Graf verfilmt Erich Kästners Roman „Fabian" und verleiht dem Dreistundenwerk eine imposante Leichtigkeit.
  • Der Film weiß offenbar mehr über die dunklen Zeitläufe als seine Figuren – auch heutige „Stolpersteine" sind zu sehen.
  • Die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Schilling ist ein Glücksfall.
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Berlin 1931. Die Weimarer Republik windet sich in Überlebenskämpfen. Arbeitslosigkeit, Hunger und Elend hier, sexuelle Anarchie und politischer Extremismus dort. Klingt irgendwie vertraut? Moment, das ist jetzt nicht die nächste Staffel des bombastischen Serienprojekts „Babylon Berlin“, das sich mittlerweile ans Untergangsjahr der Weimarer Republik 1933 herantastet.

Hier lässt sich ein bescheidener junger Mann mit Nachnamen Fabian (Tom Schilling) durch das verruchte Berliner Nachtleben treiben – Typ Beobachter und deshalb zunächst gefeit vor allzu großen Enttäuschungen. Auf die Frage, was er denn tue, antwortet er gelassen: „Ich sehe zu.“ Aber das wird sich bald ändern.

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Fabian versteht sich als Moralist, weshalb er den Abgrund bereits erahnt, in den das Land stürzen wird, das bereits in Auflösungserscheinungen begriffen ist – auch wenn sein Freund Labude (Albrecht Schuch), Reichensohn und trotzdem Kommunist (oder vielleicht auch gerade deswegen), ihn von einem anderen Lauf der Geschichte überzeugen will.

Viel Sinn für historische Durchlässigkeit

Dominik Graf hat Erich Kästners halb autobiografischen Großstadtroman „Fabian“ noch einmal ins Kino gebracht (nach Wolf Gremms Umsetzung von 1980 mit Hans-Peter Hallwachs in der Titelrolle). Auch Kästner arbeitete damals als Werbetexter in Berlin, auch er hatte einen Herzfehler seit seiner Zeit beim Militär.

Mit viel Sinn für historische Durchlässigkeit ist der Regisseur bei der Sache: Durch eine heutige Berliner U-Bahn-Station, bevölkert mit Fahrgästen unserer Gegenwart, folgen wir der Kamera. Auf der anderen Seite steigen wir über die Treppe hinauf ins Licht – und oben warten schon Fabian und das Jahr 1931 auf uns.

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Ein Mann steht vor ihm und stößt schwer atmend hervor: „Dieser verdammte Krieg.“ Ein großer Bogen vom ersten großen Menschenschlachten bis in unsere Gegenwart wird in dieser Szene gespannt.

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Andere Regisseure sind kürzlich noch weiter gegangen bei der Auflösung der Zeitebenen: Christian Petzold siedelte Anna Seghers’ 1944 veröffentlichten Roman „Transit“ 2018 in einer geisterhaft erscheinenden Gegenwart an. Burhan Qurbani ließ in „Berlin Alexanderplatz“ (2020) seinen Franz Biberkopf als afrikanischen Flüchtling Francis im heutigen Berlin auf einer Großbaustelle stranden.

Die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Schilling ist ein Glücksfall

Graf belässt es bei Irritationen: Einmal betreten die Protagonisten das Berliner Trottoir – und auf diesem sind Stolpersteine zu erkennen, die an im Nationalsozialismus ermordete Juden erinnern. Dieser Film weiß offenbar mehr über die dunklen Zeitläufe als seine Figuren, die dann doch im Jahr 1931 verhaftet bleiben und die mörderische Zukunft erst noch selbst durchleben müssen.

Die Liebesgeschichte mit Cornelia (Saskia Rosendahl) hat der Regisseur stärker in den Mittelpunkt gerückt als der Romanautor Kästner. Sie träumt davon, Schauspielerin zu werden – und ist bereit, sich dafür zu korrumpieren und auch die Beziehung zu Fabian zu opfern. Ihr Karriereweg führt über das Bett eines Studiobosses in Berlin-Babelsberg. Durch diesen Verrat, wie Fabian es sieht, wird er empfänglicher und verletzlicher für die Untergangssymptome um ihn herum. Die Geschichte wird gleichzeitig aber auch privater.

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Die Besetzung der Hauptrolle mit Tom Schilling ist ein Glücksfall: Ihn kennen wir schon als begnadeten Drifter aus „Oh, Boy“ (2012). Hier setzt er seinen Weg durch Berliner Nachtclubs fort, trinkt und raucht und macht sich so seine Gedanken. „Hat die Welt überhaupt Talent zur Anständigkeit?“, fragt er seinen Freund Labude.

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Vermutlich nicht: Einmal begeben wir uns unter die Zuschauer eines Etablissements, in dem Verrückte sich auf der Bühne vom Pu­blikum verlachen und beschimpfen lassen. Assoziationen ans Reality-Fernsehen unserer Gegenwart stellen sich unvermittelt ein.

Schwarz-weiße Dokumentarbilder aus dem Archiv, ein verspielter Splitscreen, sogar Zeichentrickelemente: Graf hat ein künstlerisches Konzept entwickelt, das ihm erlaubt, auch bei knappem Budget Zeitkolorit einzufangen. Aus dem Off wird das Geschehen ironisch kommentiert. Dadurch gewinnt dieser Drei-Stunden-Filmbrocken eine ungeahnte Leichtigkeit.

Auch Kästner plante, seinen Roman „Gang vor die Hunde“ zu nennen. Der Verlag wollte nicht, entschied sich für „Geschichte eines Moralisten“ und strich Passagen. Graf hat die erst 2013 erschienene Urfassung als Grundlage für das mit Constantin Lieb geschriebene Drehbuch genommen.

Soll man seinen Film nun als pessimistische Warnung verstehen, dass sich Geschichte vielleicht doch wiederholen könnte? In jedem Fall ist der ungewöhnliche Vergangenheitstrip mehr als einer dieser typisch sepiafarbenen und gut abgehangenen Historienfilme aus dem Archiv des lesenden Bildungsbürgers. Dieser Fabian geht uns auch heute etwas an.

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„Fabian oder Der Gang vor die Hunde“, Regie: Dominik Graf, mit Tom Schilling, Albrecht Schuch, Saskia Rosendahl, Meret Becker, 176 Minuten, FSK 12

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