Ey, Bratan: Clueso singt jetzt mit Rapper Capital Bra

  • Ein neues Album soll es Anfang nächsten Jahres geben. Bis dahin will Clueso eine Reihe von Singles veröffentlichen.
  • Gerade erschienen: ein Lied, das er mit den Rappern Capital Bra und KC Rebell singt.
  • Wie es dazu kam, erzählt er im Interview.
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Clueso, 2005 haben Sie eine Prostituierte besungen, die sich nach “Chicago” träumte, weg von der Straße, weg vom Heroin, raus aus der Nacht, raus aus der harten Realität. Jetzt singen Sie “Schnee fällt in ihre Wohnung und bringt sie in eine andere Welt, weil sich zu Hause nichts ändert”. Geht es in “Andere Welt”, ihrer Kooperation mit den Rappern Capital Bra und KC Rebell, um die gleiche Frau?

Nein. “Chicago” war eine biografische Geschichte. In “Andere Welt” besinge ich eine fiktive Person.

Ihre Fans reagieren gespalten auf den Song. “Mal ein Lied von Clueso, was meiner Tochter auch gefällt, und mir gefällt’s auch”, schreibt einer auf Facebook. Ein anderer meint: “Wieso arbeiten tolle Künstler mit solchen Typen zusammen? Ich check es nicht!”. Ja, wieso eigentlich?

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Ich war im Studio von Vincent Stein und Konstantin Scherer (Hip-Hop-Produzenten, unter anderem von Capital Bra, Bushido, Sido und Fler – Anm. d. Red.), um mir Beats anzuhören. Zu einem Track fiel mir sofort eine Melodie ein. Doch Vincent sagte: “Nee, schon vergeben.” Dann bin ich zur Tanke, um mir einen Kaffee zu holen. Als ich zurückkehrte, stand ein Auto mit Blaulicht vor dem Haus. “Weil sich zu Hause nichts ändert, immer Blaulicht am Fenster.” Die Story war damit quasi geboren. Dann erfuhr ich, dass der Track für Capital Bra reserviert ist. “Cool”, dachte ich, “vielleicht gefällt es ihm ja.”

Gefiel’s ihm?

Er hat mir sofort eine Nachricht geschickt. “Ey, Bratan, wir rasieren den Track!” Er wollte sich sofort ransetzen, um seinen Teil zu schreiben. Die Bedingung war, dass es auf seinem Album erscheint. Ich habe es gemacht. Ich finde, es gibt Schlimmeres, als mit jemandem, der 13 Nummer-eins-Hits hat, ein Lied aufzunehmen.

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An Capital Bra scheiden sich die Geister wegen Textzeilen, die Frauen herabwürdigen oder Gewalt verherrlichen.

Gewaltverherrlichende Texte toleriere ich nicht. Man darf aber auch nicht jede Zeile aus dem Zusammenhang zerren. Ich würde eher um andere Rapper einen Bogen machen. Es ist gar nicht so schlimm, wenn die Leute nicht alles cool finden, was ich mache. Wenn man den Leuten hinterherrennt, rennen sie irgendwann weg. Ich habe acht Alben gemacht mit Songs über Frieden, Politik, das Vögeln, whatever. Wenn dir irgendein Song nicht gefällt, dann hör dir halt einen anderen an. Ich werde jetzt erst mal beobachten, wie meine Fans reagieren. Ich habe keinen Bock, wegen eines Features oder Texten, die ich nicht geschrieben habe, gesteinigt zu werden. Ich habe keinen Bock, Leute zu erziehen, ich möchte aber auch nicht selbst erzogen werden.

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Wollen Sie weg vom eher sanften, eher besorgten Trostpop, für den Sie bekannt sind?

Ich bin ja nicht Musiker geworden, um nur mit Menschen rumzuhängen, die so sind wie ich. Ich bin Musiker geworden, um andere Leute, ja, andere Künstler kennenzulernen, um mich inspirieren zu lassen. Ich freue mich, wenn ich aus meiner Welt rauskomme, aus meinem kleinen Erfurt, wo ich mich zusammenbasteln kann, wo ich Ruhe habe. Ich freue mich, wenn ich Leute kennenlerne, die ein bisschen anders sind. “Capi” erinnert mich in gewisser Weise an Udo Lindenberg. Udo hat auch so zwei, drei Raps, die er immer wiederholt. “Keine Panik, ne!” Capital Bra sagt den ganzen Tag “Bratan”, “Bratinas”, “Bratuchas” und “Ich küss dein Auge”. Wie finden Sie denn das Lied?

“Ich freue mich natürlich, dass Leute den Song hören, die mich bisher nicht kannten.”

Ich finde, in der Kunstfigur, die Lindenberg erschuf, liegt jede Menge Selbstironie. Das Straßenköterhafte, das Capital Bra verkörpert, scheint dagegen sehr ernst gemeint zu sein. Man soll nicht über ihn lachen. Sein Textteil ist schlicht, nachrichtensprechermäßig.

Wenn er etwa über Einsamkeit rappt wie in “Andere Welt”, benutzt er zwar einfache Worte – “Sie hat fünf Typen, aber liebt keinen” –, das ist aber scharf beobachtet und geil beschrieben. Das ist nicht so einfach.

Spekulieren Sie darauf, durch Ihre Zusammenarbeit mit dem 15 Jahre jüngeren Capital Bra neue, jüngere Fans zu gewinnen? Nennen wir es die Udo-Lindenberg-Strategie, der Sie 2014 eingeladen hat, bei seiner Neuaufnahme von “Cello” mitzusingen.

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Ich freue mich natürlich, dass Leute den Song hören, die mich bisher nicht kannten. In erster Linie aber sitzen wir wie kleine Kinder im Studio und bauen etwas. Für mich sind solche Kooperationen ein bisschen so, wie auf einem Festival zu spielen. Die Menschen haben ein bestimmtes Bild von dir. Das kannst du dort korrigieren. Wir sind mal bei Rock am Ring vor Marilyn Manson aufgetreten. Wenn geschminkte Marilyn-Manson-Fans plötzlich bei deinem Auftritt genauso abgehen wie deine eigenen, dann hat man echt was erreicht.

Ich habe den Eindruck, als ginge Ihre Befreiungsaktion weiter. 2015 lösten Sie sich von langjährigen Weggefährten: von Ihrem Manager und Ihrer Band. Auf “Handgepäck I”, ihrem jüngsten Album, justierten Sie Ihren Sound, verdüsterten ihn, als wollten Sie sich von den vielen Lenor-Pop-Sängern im Radio, dem fiesen Pathos, diesem Selbsthilfegruppenfeeling distanzieren.

Ich hatte schon immer das Bedürfnis, die Sachen, die ich gemacht habe, mit dem darauf folgenden Projekt zu torpedieren. Bei jedem Album war es so. “Handgepäck I” war ein Songwriterding, sehr introvertiert, sehr ruhig, alle Songs sind auf Reisen entstanden. Jetzt habe ich darauf Bock, dass der Beat rumst. Ich möchte niemanden dissen, aber ich will mit keinem der Produzenten zusammenarbeiten, die zurzeit den Deutschpop prägen. Ich will nicht diesen Sound vom Fließband, den man gewohnt ist, so halb Stadion, halb Säuseln.

Wird es ein “Handgepäck II” geben?

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Ich glaube ja. Jetzt im Moment aber nicht. Ich finde es extrem schön, wie in meinen Anfangszeiten meinen Laptop und mein Reimbuch im Studio auszupacken. Dann fängt der Beat an und ich schreibe darauf einen Melodie und Text. Ich bin gerade eine echte Maschine. Letzte Woche habe ich vier Songs geschrieben. Ich mache mir gerade gar keinen Kopf, ob ich eine Zeile schon mal benutzt habe. Ich denke, es wird Anfang nächsten Jahres ein Album geben. Bis dahin haue ich einfach Songs raus. Im HipHop ist das völlig normal. Ich will es machen, wie viele amerikanische Acts.

“Seltsam, wie dieser Ausblick die Sicht auf alles verändert” und “Der Streuner in mir frisst das letzte Heimweh auf” haben Sie auf “Handgepäck I” gesungen. Reisen, so wie wir es gewohnt sind, ist zurzeit wegen Corona nicht möglich. Fühlen Sie sich dadurch unfrei?

Das Reisen, den Rucksack zu packen, sich von einer anderen Kultur überrollen zu lassen, sich klein zu fühlen, das vermisse ich schon. Noch schlimmer ist jedoch, nicht live spielen zu können. Ich will einfach auftreten, die Fans sehen, mit ihnen feiern. Das fehlt mir total.

Ist Ihre neue Single “Flugmodus” ein Corona-Song? Darin heißt es “Du bist bei mir, ich bin bei dir, komm, lass dich fallen, rückwärts in den Treibsand”. Geht es da um diesen Exit aus dieser, ich nenne es, unendlichen Hast, den die Pandemie ja erzwungen hat?

Der Song ist vor etwa einem Jahr, also vor den Kontaktbeschränkungen, entstanden. Die Zeit, in der ich in L. A. das Video zu “Achterbahn” drehte, hat mich inspiriert. Das Gefühl, in einer anderen Zeitzone zu sein, in einer Stadt, in der jeder träumt, jeder prepared ist für diesen einen Moment. Jeder Uber-Fahrer ist dort Stand-up-Comedian. Ich spüre die Sonne und harte Schatten und eine ganz bestimmte Sehnsucht, Fernweh und Heimweh zugleich. Weg wollen und sich zurückziehen, das passt natürlich zu Corona. Allen, die jetzt Sätze raushauen wie “Endlich konnte ich mich mal mit mir selbst beschäftigen”, muss ich aber sagen: Ey, sorry, wenn du das vorher nicht konntest. Darum geht es doch gar nicht. Es geht darum, auf andere achtzugeben, Schwächere zu schützen. Dass du dabei runterfährst, ist cool. Das kannst du aber eigentlich immer haben. Du musst es nur checken.

“Sag mir, was du willst” wirkt auf mich wie das Selbstgespräch eines 40-Jährigen. Sie sind im April 40 geworden, nicht mehr jung, noch nicht alt. Fühlen Sie sich irgendwie dazwischen?

Auf jeden Fall. Allein wie ich rumlatsche. Jogginghose und Turnschuhe. Ich fühle mich selten so alt, wie ich bin, vielleicht weil ich häufig zu hören bekomme, dass ich jünger aussehe. Ich lebe in einer Welt, die nicht altersaktivierend ist. Gibt es dieses Wort überhaupt? Ich hänge halt nur mit Leuten rum, die sich einschließen, größenwahnsinnige Ideen haben, die wie kleine Kinder spielen, deren Eltern nicht zu Hause sind.

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