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Ex-Nonne über Missbrauchsskandal in katholischer Kirche: „Es ist wirklich hoffnungslos“

  • Die ehemalige Nonne Doris Reisinger hat ein Buch über über den Missbrauchsskandal der katholischen Kirche geschrieben.
  • Dabei spielt auch die Frage nach der Rolle Joseph Ratzingers einen große Part.
  • „Ratzinger trägt nicht nur als Einzelfigur Schuld", so Reisinger.
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München. Welche Rolle spielte Joseph Ratzinger bei der Vertuschung von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche? Der Regisseur Christoph Röhl, der den viel beachteten Dokumentarfilm „Verteidiger des Glaubens“ gedreht hat, und die ehemalige Nonne Doris Reisinger sind dieser Frage für ihr Buch „Nur die Wahrheit rettet“ nachgegangen. Sie zeichnen dabei kein schönes Bild von Papst Benedikt XVI. und seiner Kirche - und Autorin Reisinger hat keine Hoffnung mehr, dass es jemals besser wird, wie sie im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München sagt.

Sie haben mit Christoph Röhl schon für seinen Film „Verteidiger des Glaubens“ zusammengearbeitet. Warum schicken Sie jetzt noch dieses Buch hinterher?

„Es gab so viel Stoff, der in dem Film keinen Platz hatte. Als der Film dann kritisiert worden ist, lag es nahe, die These des Films mit zusätzlichem Stoff zu untermauern. Natürlich kann auch das Buch nicht allem bis ins Detail nachgehen, weil es einfach so viel ist. Wir haben es hier schließlich mit jemandem zu tun, der drei Jahrzehnte lang in Spitzenpositionen in der katholischen Kirche war.“

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Der Film hat heftige Reaktionen von Benedikt-Anhängern ausgelöst. Vor allem bei einer Filmpremiere in Starnberg gab es bemerkenswerte Wortwechsel mit Regisseur Röhl. Woher kommen diese Emotionen?

„Es ist gar keine Frage, dass es eine ganz starke Anhängerschaft gibt, die diesen Mann verehrt und glorifiziert und unter allen Umständen am Mythos Benedikt festhalten will. Es fällt mir persönlich auch gar nicht leicht, diesen Mythos anzugreifen und zu zerpflücken. Aber wir sprechen hier über jemanden, der massiv Versäumnisse angehäuft hat.“

Welche denn?

„Ratzinger trägt nicht nur als Einzelfigur Schuld. Er ist auch Symptom eines Phänomens - ähnlich wie Donald Trump in den USA. Es sagt etwas über die katholische Kirche aus, wenn jemand wie er in eine solche Leitungsfunktion kommt, jemand mit mangelnder Menschenkenntnis, einem hoch idealistischen Kirchenbild und Konfliktscheue, der gar nicht in der Lage ist, gewisse Dinge realpolitisch und nüchtern zu betrachten. Vielleicht ist sein größtes Versäumnis, dass er selbst diese Verantwortung angenommen hat und nicht gesagt hat: Lasst mich lieber Professor sein und Bücher schreiben.“

Gehen Sie davon aus, dass auch in Ratzingers Zeit als Erzbischof von München und Freising Missbrauchsfälle vertuscht wurden?

„Einiges deutet darauf hin. Erstens war es in den 1970ern nachgewiesenermaßen üblich, dass Bischöfe Missbrauchsfälle vertuscht haben. Zweitens wäre es sehr überraschend, wenn es ausgerechnet im Erzbistum München damals keine Fälle gegeben haben sollte. Und drittens wissen wir aus dem Bericht, den das Erzbistum gemeinsam mit der Kanzlei Westphal vorgelegt hat, dass die Aktenführung in München katastrophal war: Akten verschwanden, landeten in Privatwohnungen und wer wollte, konnte missliebige Einträge entfernen. Es würde mich also alles andere als überraschen, wenn Ratzinger auch als Erzbischof von München Missbrauchsfälle vertuscht hat.“

Sie kritisieren auch, dass er kein Wort über die Gewalt- und Missbrauchsvorfälle bei den Regensburger Domspatzen verlor, die sein Bruder Georg als Domkapellmeister lange Jahre leitete...

„Das Eine ist, dass er dazu konsequent geschwiegen hat. Das Schlimmere ist, dass er ausgerechnet den damaligen Regensburger Bischof Gerhard Ludwig Müller zum Präfekten der Glaubenskongregation und damit zum weltweit zuständigen Chefaufklärer in Sachen Kindesmissbrauch gemacht hat. Nachdem Müller sich vor Georg Ratzinger gestellt und die Aufklärungsversuche in Regensburg behindert hatte. Müller sprach von einer „Kampagne“ gegen die Kirche - und Ratzinger betraute ihn mit der Verantwortung für die Ermittlung in Missbrauchsfällen weltweit.“

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Grundlegende Kritik am System der katholischen Kirche ist ja nicht neu. Warum ändert sich dennoch so wenig?

„Alle Entscheidungsgewalt in der Kirche liegt in der Hand einer winzigen, nicht demokratisch legitimierten klerikalen Elite. Wir können den Papst und die Bischöfe nicht abwählen. In der Kirche gibt es keine demokratische Legitimation, keine Rechtsstaatlichkeit, keine Parlamente, keine Gewaltenteilung. Unter diesen Bedingungen kann noch so berechtigte Kritik kaum etwas bewirken.“

Welche Hoffnungen setzten Sie noch in Papst Franziskus?

„Mein Verdacht ist, dass Franziskus einfach einer anderen Inszenierung folgt als Benedikt, aber im Wesentlichen gar nicht die Absicht hat, etwas zu verändern. Wie er mit Missbrauch umgeht, ist keinen Deut besser. Er hat vielleicht eine größere Offenheit für Ökumene und Ökologie, aber das System, die Verfassung der Kirche, das ändert sich bei Franziskus auch nicht.“

Sie schildern im Buch auch den 2010 bekannt gewordenen Fall des Priesters H., der nach Missbrauchsvorwürfen von Essen ins Erzbistum München und Freising versetzt wurde und dort selbst nach einer Verurteilung eines Gerichtes weiter in der Arbeit mit Jugendlichen eingesetzt wurde. Kein Einzelfall, oder?

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„Ich halte den Fall H. für geradezu exemplarisch. Er passt zu einem Handlungsmuster, das sich weltweit im kirchlichen Umgang mit Missbrauchsfällen zeigt: Zunächst nimmt man Fälle lange überhaupt nicht zur Kenntnis. Erst wenn Betroffene mit Anwälten auf der Matte stehen und die Medien Wind von der Sache bekommen, gibt es eine kirchliche Reaktion, die aber oft eher wie eine PR-Maßnahme wirkt. Auch Ratzinger hat Fälle jahrelang liegenlassen. Als er 1982 Präfekt der Glaubenskongregation wurde, erbte er einen unbearbeiteten Missbrauchsfall von seinem Vorgänger. Aber den ließ er noch Jahre liegen. Stattdessen kümmerte er sich zuerst um die Frage, ob glutenfreie Hostien konsekriert werden dürfen. Das heißt: Anderes scheint wichtiger als die Sorge um Gewalt gegen Kinder in der Kirche. Das ist bis heute so. Die Kirche versucht immer noch, so wenig wie möglich zu tun. Nur ein kleiner Prozentsatz der mutmaßlichen Täter wird laisiert und statt echter Empathie für die Opfer gibt es PR-taugliche Phrasen und eine Pseudo-Seelsorgehaltung.“

In den vergangenen Jahren hat die katholische Kirche sich in Deutschland immer wieder mit dem Missbrauchsskandal befasst. Ausgleichszahlungen wurden beschlossen, Kommissionen sollen eingerichtet werden... Sehen Sie Licht am Ende des Tunnels?

„Nein. Ich sehe kein Licht am Ende des Tunnels. Ich sehe vor allem zwei Dinge: eine lange Liste an Mini-Schritten, die die Institution geht - aber mit dem Schwerpunkt auf der Öffentlichkeitsarbeit. Nach jahrzehntelangem Druck von Betroffenen und Medien einigt man sich auf viel zu niedrige Zahlungen, die ausdrücklich nicht als Entschädigung, sondern „Anerkennung“ bezeichnet werden. Es ist ein unglaublich ermüdender und kräfteraubender Prozess und ich nehme leider wahr, dass das Grundsystem sich überhaupt nicht ändert. Allein dieses Wort: Anerkennungszahlungen. Dass die Betroffenen von der Institution, die sie gequält hat, ihr Leid anerkannt bekommen müssen, ist unsäglich.

Und der schlimmste Aspekt ist das kirchliche Strafrecht, das dringend gründlich reformiert werden muss. Der sexuelle Übergriff auf ein Kind ist im Kirchenrecht nach wie vor nichts anderes als ein Verstoß gegen den Zölibat. Das Kind, das Opfer dieses Übergriffs, kommt im kirchlichen Strafprozess nicht als Geschädigter oder Ankläger, sondern nur als Zeuge eines priesterlichen Zölibatsverstoßes zu Wort. Es gibt da nach wie vor einen abgrundtiefen Widerspruch zwischen öffentlichkeitswirksamer Rhetorik und wirklichen Taten.

Es ist wirklich hoffnungslos, wenn man den Blick auf kirchliche Verantwortungsträger lenkt. Wenn ich irgendwo Hoffnung sehe, dann bei den Menschen, die keine Angst mehr haben, innerhalb oder außerhalb der Institution für Aufklärung und einen selbstbestimmten, menschenfreundlichen Glauben einzutreten. Von der Institution selbst sehe ich nur wenig Mutmachendes.“

ZUR PERSON: Doris Reisinger wurde 1983 in Ansbach geboren. Sie studierte in Rom, Freiburg und Erfurt Philosophie und katholische Theologie und ist heute als Theologin in Wiesbaden tätig. Nach dem Abitur gehörte sie acht Jahre lang der „Geistlichen Familie Das Werk“ an. In ihrem 2016 erschienenen Buch „Nicht mehr ich“ erzählt die ehemalige Ordensfrau, die damals noch Doris Wagner hieß, davon, wie sie als junge Nonne von einem Priester vergewaltigt wurde. Seit ihrem Austritt aus dem Orden macht sie sich gegen Missbrauch und für Reformen in der katholischen Kirche stark - vor allem für eine Änderung des kirchlichen Strafrechts.

RND/dpa

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