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“Everyday Life” – Coldplay sind mit dem neuen Album auf Versöhnung aus

  • Auf ihrem ersten Doppelalbum “Everyday Life” (erscheint am 22. November) spielt die Band Coldplay mit vielen musikalischen Stilen.
  • Dabei klingen die Londoner so ungewöhnlich wie nie zuvor.
  • Inhaltlich sind die vier Musiker umarmende, versöhnende Botschafter der Liebe in einer spalterischen Welt.
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“Du musst weitertanzen, auch wenn das Licht ausgeht” singt Chris Martin mit seiner Stimme aus Tränen, Trost und Regenbogen. Und derweil ist das wundersame Doppelalbum “Everyday Life” (aufgeteilt in Platte eins “Sunrise” und Platte zwei “Sunset”) von Coldplay auch schon fast an sein Ende gelangt. Zum Schluss also eine von ihren berührenden Balladen, die keine Band so hinkriegt wie Coldplay, die traurig anmuten, in denen aber von Heilung die Rede ist und in denen guter Rat steckt. Diesmal lautet er “Halt dich am Alltag fest” und ist nur so teuer wie eine CD (respektive zwei).

Die kleinen Dinge sind wichtig – singt Chris Martin

Normal bleiben hilft, die kleinen Dinge sind oft die Wichtigen im Leben. Chris Martin wirft morgens die Arme hoch, so singt er. Und wagt ein “Hallelujah” wie zur Heiligsprechung der eigenen Binsenweisheit. Da denkt natürlich sofort jeder an Leonard Cohen, der die gleiche Aufforderung zum Gotteslob einst mit dem Understatement “I did my best / it wasn’t much” unterstrich. Coldplay geben seit je ihr Bestes und manchmal war es auch des Guten viel zu viel.

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Sind sie jetzt religiös geworden? Der zweite Song trägt den Titel “Church” – ein groovendes Liebeslied, das man durchaus auf höhere Wesen beziehen kann – aber genauso gut auf besonders liebgewonnene irdische.

So weit weg von sich klangen Coldplay nie zuvor

Andere Songs heißen “When I Need a Friend” (ein echter Choral) oder “Champion of the World” (eine Sing-along-Nummer) oder “Old Friends"” (Simon & Garfunkel grüßen). Rätselhafte Titel finden sich – auch die werden positiv dechiffriert. Die Kürzel “Wotw / Potp“ (Akustikgitarre zu Vogelgezwitscher) stehen für “Wonder of the World / Power of the People” und die sinnlich geschwungenen arabischen Schriftzeichen auf dem Cover bedeuten “Kinder Adams” oder schlicht “Menschheit” (eine Collage, indes längst nicht so avantgardistisch wie “Revolution 9” der Beatles).

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Zwar gibt es auch noch düster anmutende Titel wie “Guns” (entpuppt sich als folkig geschrabbelter Blues), “Trouble in Town” (brodelnd, Sting-haft), “Cry, Cry, Cry” (Oldschool-R-’n’-B), “Broken” (ein fingerschnippender Gospel mit Chor) – aber auch hier ist die Botschaft positiv. So bunt, so weit weg von sich selbst klangen Coldplay allerdings nie zuvor. Musikalisch steckt in diesem grauen Cover ihr “Weißes Album”, ihre Wanderung durch viele Popwelten.

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Zwischendurch gibt es freilich immer wieder Anhaltspunkte dafür, dass man hier tatsächlich Chris Martins Quartett vor sich hat: “Orphans” klingt zwischen all den unerhörten Sachen als hätte es Coldplay in eine südafrikanische Township verschlagen – mit “Oh-oh”-Chören à la “Sympathy for the Devil”. Martin erzählt vom Krieg und seinen Opfern wie der kleinen Rosaleen, die im Jenseits von Cherubimen und Seraphimen begleitet wird. Kitsch mit Klasse. Und “Arabesque” ist tanzbar und berührend zugleich. Es vereint Coldplay-Harmonien und arabische Rhythmen und hat ein mitreißendes Saxofonsolo als Kern. “Arabesque” handelt von der einigenden Kraft der Musik, will Frieden schaffen zwischen West und Ost, Abend- und Morgenland, christlicher Welt und Islam. “Wir teilen dasselbe Blut”, barmt Martin.

Ein Wahrheitsalbum für eine Welt, in der die Lüge blüht

Und dieser Gedanke beherrscht das ganze Doppelalbum – ein Versöhnungs- und Umarmungswerk in einer Welt, die auf Spaltung aus ist. Ein Wahrheitsalbum, schlicht und unmissverständlich, in einer Welt, in der die Lüge blüht. Ganz viele “Fix Yous” in Serie.

Man hört Kritik: Eine Platte hätt’s auch getan. Wie aber wäre das “White Album” der Beatles als Einzelwerk gewesen, wie ELOs “Out of the Blue”, Prince‘ “Sign O‘ the Times” oder “Exile on Main St.” von den Stones? Ärmer. Klar, hätten Coldplay sich beschränken können, aber warum nur acht gute Werke tun, wenn man 16-mal für die bessere Welt streiten kann.

Wenn die zweite Platte, “Sunset”, vorbei ist, kann die Nacht kommen, der Brexit, die Wiederwahl Trumps, kann die AfD ihre dumpf-dummen Rechts-nicht-rechts-Spielchen weitertreiben, können auch die nächsten Klimapakete sich als hohle Verpackungen herausstellen. Das Licht ist aus, wir tanzen mutig weiter. Musik verändert die Welt; die Hoffnung stirbt nie; mit Coldplay wird alles gut.

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Coldplay: “Everyday Life” (Parlophone)

Coldplay ist eine britische Pop/Rockband, die sich 1996 in London gegründet hat und inzwischen einer der erfolgreichsten Popacts der Welt ist. Sie besteht aus Chris Martin (Gesang, Keyboards), Jonny Buckland (Gitarre), Guy Berryman (Bass) und Will Champion (Schlagzeug). Ihr erstes Album “Parachutes” mit dem Hit “Yellow” wurde im Sommer 2000 ein durchschlagender Erfolg, auf dem Nachfolger “A Rush of Blood to the Head” (2002) mit den Songs “In My Place”, “The Scientist” und “Clocks” schien die Band in Richtung Rock unterwegs, die nachfolgenden Alben wurden dann poppiger. Die Hallen- und Stadionkonzerte der Band waren Trumphzüge – obgleich eine überwiegende Zahl der Coldplay-Songs balladesken Charakter hat, wurde live eine unglaubliche Intensität erreicht und überdies mit außergewöhnlichen Lichteffekten gearbeitet. “Everyday Life” ist das achte Studioalbum von Coldplay.

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