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Evanescence-Musikerin Amy Lee zu neuem Studioalbum: „Alles ist hymnisch“

  • Nach zehn Jahren erscheint mit „The Bitter Truth“ wieder ein Studioalbum der Alternativerocker von Evanescence.
  • Sofort ist es auf Platz zwei der deutschen Albumcharts geklettert.
  • Das sagt Frontfrau Amy Lee zum Erfolg.
Steffen Rüth
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Hannover. Die melodisch-dramatische Rockband Evanescence hat zwar nie mehr ganz an den Ultraerfolg des 2003 veröffentlichten Debütalbums „Fallen“ (mit „My Immortal“ und „Bring Me to Life“) anknüpfen können, ist aber bei vielen Menschen weiterhin sehr beliebt. Das neue Studioalbum „The Bitter Truth“ hört sich absolut nach Evanescence an. Das heißt: große Rockhymnen, große Theatralik, große Gesangsleistung von Amy Lee, dem einzigen verbliebenen Gründungsmitglied. Seit 2015 spielt auch die Stuttgarterin Jen Majura in der Band. Der Name Evanescence heißt auf Deutsch „Vergänglichkeit“.

Ohne Pandemie wäre die Platte nicht fertig

Amy Lee, seit dem letzten E­va­ne­scence-Album mit neuen Songs sind zehn Jahre vergangen. Das ist schon eine sehr lange Zeit, oder finden Sie nicht?

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Wir haben die Dinge nicht gerade überstürzt, das stimmt. Und das Verrückte ist: Ohne Pandemie wäre die Platte wahrscheinlich noch immer nicht fertig, denn wir wären 2020 auf großer Tournee gewesen. Aber so waren wir zu Hause und fast schon gezwungen, unsere ganze Energie in „The Bitter Truth“ zu stecken. Wir hatten einfach keine Ausreden mehr, um noch länger an dem Album herumzuwerkeln.

Warum dauert das bei Ihnen und Ihrer Band denn so lange?

Ich lasse mich von meiner Inspiration treiben, doch manchmal ist dieser Antrieb einfach nicht vorhanden oder nur sehr schwach. Ich habe nicht die ganze Zeit Millionen von Ideen. Wenn ich Musik mache, dann geht das auch nicht so nebenbei. Kreativ zu sein beansprucht und fordert mich zu 100 Prozent. Und zwischendurch ist einfach auch sehr viel Leben passiert. Schöne Dinge wie die Geburt meines Sohnes Jack, der jetzt sechs ist, und furchtbare Ereignisse wie der Tod meines Bruders vor drei Jahren. Robbie starb an einer schweren Form von Epilepsie, an der er die längste Zeit seines Lebens litt.

Tragödien setzen auch Energie frei

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Ihre Songs sind alles andere als leichtfüßig und oberflächlich. Evanescence-Lieder gehen tief. Setzen Tragödien und Dramen in Ihnen eine besondere Energie frei?

Ich denke, so ist das. Alle meine Songtexte basieren auf persönlichen Erfahrungen, sonst würde es sich für mich falsch anfühlen, diese Lieder zu singen. Ich habe in meinem Leben viel durchgemacht und einige einschneidende Verlusterfahrungen durchlitten. Der Tod meines Bruders hat mich auf vielfältige Weise unheimlich getroffen, aber er hat mich auch aufgerüttelt. Ich habe neue Nahrung für meine Haltung bekommen, dass unsere Zeit kostbar ist. Du kannst entweder schreien und am Boden liegen, oder du besinnst dich darauf, dass das Leben trotz aller Schmerzen, die du unweigerlich irgendwann erleiden musst, unheimlich schön ist.

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„Lasst uns all unsere zerbrochenen Teile zum Leuchten bringen“, singen Sie in „Broken Pieces Shine“.

(lacht) Und wieder mal sagt ein Song mehr als tausend meiner Worte. Wir alle sind irgendwo verkorkste, gebrochene Seelen, auch wenn viele von uns das mit einem lächelnden Gesicht zu übertünchen versuchen. Ich persönlich wäre todunglücklich, wenn ich immer so tun würde, als sei alles prima. „Broken Pieces Shine“ ist eine Hymne auf alles Zerbrochene, Kaputte, Unvollkommene. Also auf uns alle. Denn wir sind nicht perfekt, sondern voller Mängel, und das ist in Ordnung so. Wenn wir wieder Konzerte spielen, werden wir die Shows mit genau diesem Lied beginnen.

Musik kann Menschen heilen

Sie haben Evanescence bereits als Teenager gegründet. Was finden Sie seit 25 Jahren in der Musik?

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Heilung. Die Musik war immer wie ein sehr guter Freund für mich. Sie war und ist meine Zufluchtsmöglichkeit, um jenseits von Tod, Angst und Trauma auch Schönheit und Hoffnung erfahren zu können. Ich verlasse mich auf die unfassbare Kraft des Musikerschaffens, um schlimme Erfahrungen wie den Verlust geliebter Menschen in etwas umzuwandeln, das schön ist. Denn dann hat der Schrecken nicht das letzte Wort. Außerdem macht es mir wahnsinnig viel Spaß, Songs zu schreiben, zu singen und mit der Band zusammen zu sein.

Versteht Ihr Sohn schon, was Sie machen?

Ja, sicher. Jack war in den vergangenen Jahren fast immer auf den Tourneen mit dabei. Für einen Vorschuljungen gibt es kaum ein größeres Abenteuer, als im Bett eines fahrenden Busses zu schlafen. Er würde am liebsten im Tourbus leben, und ganz am Ende eines Konzerts rennt er zur Verbeugung mit raus auf die Bühne. Er denkt, der ganze Applaus sei für ihn (lacht). Jetzt im Sommer kommt er in die Grundschule, da müssen wir uns etwas anderes für ihn überlegen. Wahrscheinlich bleibt er mit seinem Vater daheim und darf nur noch in den Ferien mit auf Tour kommen.

Ihre letzte Veröffentlichung vor „The Bitter Truth“ war 2017 das Album „Synthesis“, auf dem Sie Ihre großen Hits wie „Bring Me to Life“ oder „My Immortal“ mit einem Orchester neu aufgenommen haben. Was haben Sie aus der Erfahrung mit dem Klassikalbum für die neue Platte mitgenommen?

Dass wir, so banal es sich auch anhört, wieder richtige Rockmusik machen wollten. Die Liveshows mit dem „Synthesis“-Album waren superschwierig für uns, ich stand in High Heels und Kleid sehr exponiert auf der Bühne, niemand im Publikum brüllte oder warf sein Bier durch die Gegend, man konnte sich absolut nicht verstecken. Nach einer Weile empfand ich diese Stille und Intensität als wohltuend, aber es war uns auch allen bewusst, dass wir bereit waren, wieder in unsere Komfortzone zurückzukehren und eine Rockband zu sein. Das neue Album hat eine schöne Härte, es drängt dynamisch nach vorne, nichts an „The Bitter Truth“ ist subtil. Alles ist hymnisch.

Ich habe eine riesige Verantwortung.

Amy Lee
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Das Verhältnis zu Ihren Fans ist seit vielen Jahren sehr eng. Immer wieder sagen Menschen, Sie und Ihre Band hätten ihnen mit Ihrer Musik das Leben gerettet. Was bedeutet es Ihnen, gerade als gläubiger Christin, gewissermaßen auch eine Seelsorgerin zu sein?

Das bedeutet mir wirklich sehr, sehr viel. Nicht, dass ich nach dieser Rolle gesucht hätte. Als ich „Bring Me to Life“ schrieb, tat ich das für mich und dachte dabei nicht über jemand anderes nach. Aber dann nach Deutschland zu kommen, ein Teenagermädchen kennenzulernen, das eine unbeschreibliche Situation durchleben musste und nicht überzeugt war, ob sie weiterleben wollte, das ist einerseits erschütternd und andererseits bewegend und fast so etwas wie der heilige Teil meiner Arbeit. Ich habe eine riesige Verantwortung, und ich würde nie das Vertrauen der Menschen betrügen. Das Wichtigste, das ich in meiner Musik geben kann, ist völlige Ehrlichkeit.

Mit Popmusikern tauschen? Ausgeschlossen!

Beneiden Sie eigentlich manchmal die ganzen Popmusiker, die einfach irgendwelche fröhlichen Hits ohne Seele und Bedeutung raushauen und sehr gut davon leben?

(lacht) Ja. Aber ich würde niemals mit denen tauschen wollen. Das wäre es nicht wert. Ich bin dankbar, dass unsere Musik uns und andere durch die harten wie die wundervollen Zeiten des Lebens begleitet hat und dass ich selbst in den finstersten Stunden Songs schrieb, an denen ich mich festklammern konnte. Wenn ich nur noch darüber singen dürfte, wie geil es ist, die ganze Nacht Party zu machen, dann würde ich meinen Job sofort an den Nagel hängen. Aber, mein Gott, Party machen (lacht) – ich bin so wahnsinnig bereit, endlich mal wieder mit einem Haufen anderer Menschen so richtig hart zu feiern, du kannst es dir nicht vorstellen.

RND/Steffen Rüth

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