„Eurotrash“ an der Schaubühne: Wind aus den Segeln

  • Neun Monate nach seiner Veröffentlichung feiert Christian Krachts Roman „Eurotrash“ in der Berliner Schaubühne Uraufführung.
  • Die Inszenierung mit Joachim Meyerhoff und Angela Winkler wird vom Publikum gefeiert.
  • Wer ein problematisches Verhältnis zu seiner Mutter hat, muss allerdings stark sein.
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Christian Kracht schreibt belanglosen Unsinn, den keiner lesen will. Findet jedenfalls seine Mutter. Beziehungsweise die Frau, die in seinem Roman „Eurotrash“ als seine Mutter auftritt. Und die Mutter, die an diesem Abend in der Schaubühne von Angela Winkler verkörpert wird. Er solle sich doch mal ein Beispiel an anderen Schriftstellern nehmen, sagt sie, an Knausgard, Houellebecq, Ransmayr, Kehlmann oder Sebald. Rumms, das sitzt.

Keine neun Monate nach seinem Erscheinen feiert Krachts sechster Roman seine Theateruraufführung (und wird in 14 Tagen im Hamburger Thalia-Theater in einer weiteren Premiere zu sehen sein). Auf den rund 200 Seiten der Romanvorlage schreibt Christian Kracht 25 Jahre nach seinem Debüt „Faserland“ (auf das kräftig Bezug genommen wird) erneut über „Christian Kracht“. Aber wie viel Wahrheit und wie viel Fiktion in der Romanfigur steckt, bleibt bei diesem rätselhaften Autor und seinem, wie man es nennen könnte, autorfiktionalen Erzählen wie stets offen. Ob die Romanfigur also „Christian Kracht“ ist oder eher „Christian“ Kracht oder Christian „Kracht“ oder gar „Chris“tian Kr“ac“t, wir wissen es nicht.

Hass, Liebe, Vorwürfe, Hilferufe, Hoffnung, Resignation und Weltverzweiflung

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„Eurotrash“ ist die Geschichte einer Mutter, reich und verwahrlost, medikamentenabhängig und alkoholkrank, die ihren Sohn mit der für verbitterte Mütter typischen Mischung aus Hass, Liebe, Vorwürfen, Hilferufen, Hoffnung, Resignation und Weltverzweiflung (und das alles gern komprimiert in einem Satz, einem Gesichtsausdruck, einem Blick) dauerbearbeitet. Es ist die Geschichte einer Familie, die auf unterschiedliche Weise in die NS-Vergangenheit verstrickt ist, eine Geschichte von Vergewaltigung in der Kindheit, von Neureichtum und Sylter Boheme. Und es ist natürlich die Geschichte eines Sohnes, dessen Lebensaufgabe der Ausbruch aus „dem Kreis des Missbrauchs, aus dem Feuerrad, aus dem sich drehenden Hakenkreuz“ ist.

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Auf der Bühne wird das alles nicht ausgespart, in den Mittelpunkt aber rückt doch deutlich intensiver als in der Vorlage die Mutter-Sohn-Beziehung. Regisseur Jan Bosse hat aus der Erzählform – so wie die Berliner Schaubühne sowieso immer mehr zu einem Ort dramatisierter Prosavorlagen wie zuletzt „Das Leben des Vernon Subutex“ und „Jugend ohne Gott“ oder den Werken von Didier Eribon und Édouard Louis wird – ein Drama für Zwei gemacht.

Nimmt ihrem Sohn oft genug den Wind aus den Segeln: Angela Winkler spielt die Mutter von Christian Kracht (Joachim Meyerhoff). © Quelle: Fabian Schellhorn/Schaubühne Be
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Alles beginnt mit einem erst langsam entstehenden Bühnenbild und einem bedeutungsschweren „Also“. Stéphane Laimé hat die Familienkampfarena zunächst als leeren Raum, quasi als weißes Blatt Papier (von denen es in Krachts Roman am Ende auffällig viele gibt) gelassen. Erst nach und nach füllt sie sich, bevor aus den Tiefen des Bühnenraums ein Segelschiff emporsteigt. Während Mutter und Sohn im Roman vorwiegend mit einer Seilbahn und im Taxi unterwegs sind, dient in Bosses Inszenierung das Schiff als fantastisches Fortbewegungsmittel und als variantenreiches Spielzeug. Warum? Man könnte jetzt natürlich mit Assoziationen um sich werfen: mit dem Mutterschiff oder dem Narrenschiff, mit der klanglichen Übereinstimmung im Französischen von Meer und Mutter (la mer/la mère) oder dem Segel als Metapher für Veränderung, für Freiheit, für das Aus- und Aufbrechen. Aber vielleicht liegt es auch einfach nur daran, dass eine Seilbahn schwieriger auf einer Bühne zu installieren und vor allem zu bespielen ist. Und wer will schon mit einer Seilbahn - nun ja - Schiffbruch erleiden?

Brauner Ökopulli unter dem hellblauen Maßanzug

Jan Bosse, der Kapitän der Inszenierung jedenfalls, hat für das Stück die große Angela Winkler und den umwerfenden Joachim Meyerhoff zusammengebracht. Meyerhoff spielt seinen „Christian Kracht“ als großen Suchenden: als Sohn, der einen Ausweg aus dieser kranken, verrückten, von der Vergangenheit zerstörten Familie finden will. Unter dem hellblauen Maßanzug inklusive Einstecktuck trägt der Föhnwellenträger „Kracht“ einen braunen Ökopulli – den er sich in einer hell erleuchteten Züricher Boutique gekauft hat, weil er ihm „auf anheimelnde Art authentisch“ erschienen ist. So findet der große Suchende wenigstens kurzzeitig in einem Grobstrickpullover (der sich allerdings später als Wollwerk einer Nazikommune herausstellen wird) Sinn und Halt.

Meyerhoffs „Kracht“ gerät manchmal allerdings ein wenig zu exaltiert, zu slapstickhaft und bei aller Grundvirtuosität von Meyerhoffs Spiel ein bisschen abwechslungsarm. Die Gesten des Genervtseins etwa verlieren sich bei ihm in überraschend gleichförmiger Wiederholung, die vielleicht dem zurzeit wenige Kilometer entfernt in der Berlinischen Galerie ausgestellten Schweizer Repititionsfan Ferdinand Hodler gefallen hätte, die während der knapp mehr als zwei Stunden langen Inszenierung aber ob Meyerhoffs sonst so fantastischer Spielfähigkeiten und so berauschender Spiellust eher irritieren. Wobei das allerdings nur ein kleines Aber auf ganz hohem Niveau ist.

An diesem Abend wird aber so oder so alles in den Schatten gestellt von Angela Winkler, die die Mutter in unfassbarer Präzision darstellt. Mit zumeist starrer Miene in ihrem von alkoholbedingten Stürzen übel zugerichteten Gesicht spielt Winkler vor allem mit ihrer Stimme und ihren Augen. Zu sehen, wie sie den die Situation kühl prüfenden, die Umgebung abtasteten Blick älterer Damen in einem Forellenrestaurant imitiert - allein dies ist ein Besuch dieses Stücks wert. All die Boshaftigkeit, die aus verletzter mütterlicher Eitelkeit, deren Nichtloslassenkönnen und ungesund überbordender Liebe resultiert, wird von Angela Winkler in stechenden Augenblicken transportiert und gleichsam seziert. Nur wer das Glück hat, mit einer Mutter zu leben, die ihren Kindern ein eigenes unabhängiges Leben (und sich selbst damit auch) zugesteht, kann beim Anblick von Winklers Spiel frei aufatmen.

Postscriptum 1: An einer Stelle des Romans und der Inszenierung sagt die Mutter: „Wusstest du, dass wir gerade in einem Buch beschrieben werden? Wie bei Cervantes?“ Das verweist nicht nur auf die faktisch-fiktionale Versuchsanordnung des Textes, sondern indirekt auch auf eine nette kleine Nebenerscheinung: Denn Joachim Meyerhoff und Angela Winkler kennen beide die Situation, eine Romanfigur zu sein. Meyerhoff hat sein Leben in mehreren Büchern literarisiert. Und Angela Winkler spielt eine der Hauptrollen in Klaus Pohls wunderbarem Theaterroman „Sein oder Nichtsein“, der von Peter Zadeks Hamlet-Inszenierung aus dem Jahr 1999 erzählt. Den wiederum bewirbt Joachim Meyerhoff auf dem Klappentext in hymnischen Worten. Kreise, die sich schließen.

Postscriptum 2: Das Premierenpublikum applaudierte laut und anhaltend. Christian Kracht (der echte) war ebenfalls anwesend und nahm gemeinsam mit der Theatercrew des Abends den Applaus entgegen. Jan Bosses Inszenierung wurde gefeiert. Und Joachim Meyerhoff und vor allem Angela Winkler sowieso.

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Postscriptum 3: Was Krachts Schreiben angeht, hat Muttern unrecht.

Nächste Inszenierungen an der Berliner Schaubühne am 21., 22., 23., 24., 28. und 29. November sowie am 2., 4. und 5. Dezember.

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