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Es werde Licht! Warum wir den Frühling jetzt ganz dringend brauchen

  • Die gute Nachricht: Der Winter ist vorbei, der Frühling beginnt.
  • Er hilft, in dieser schwierigen Zeit die Welt ein wenig aufzuhellen.
  • Die Pandemie ist noch nicht vorbei, aber immerhin: Here comes the sun. Ein Lob auf eine besondere Jahreszeit.
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Lange haben sie ausgeharrt in der feuchtklammen Kälte und Dunkelheit ihrer Räuberburgen, einen ganzen harten Winter lang zwischen dicken, düsteren Mauern. Doch jetzt, endlich, ist der Frühling da. Sehnend tasten sie sich in die freie Natur, hinaus ins Licht, hinein in die junge Wärme – und sie spüren, wie neue Kraft in alle Poren kriecht und die vereisten Knochen zu tauen beginnen.

„,Erschrick nicht, Birk, sagte Ronja. ‚Jetzt kommt mein Frühlingsschrei!‘ Und sie schrie, gellend wie ein Vogel. Es war ein Jubelschrei, den man weithin über den Wald hörte.“

Ein Schrei der Freude und Erlösung

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Es ist ein Schrei der Freude und Erlösung, den Astrid Lindgren ihre Ronja Räubertochter da schreien lässt, eine Explosion des Glücks angesichts der Rückkehr der Natur nach all den Zumutungen des Winters. Kaum jemand hat den Frühlingsanfang und das Auftauen der erstarrten Herzen aus Kindersicht schöner beschrieben als die schwedische Autorin: „Lange saßen sie still da und waren mitten im Frühling.“ Der Winter ist vorbei. Es ist geschafft.

„Erschrick nicht, Birk, jetzt kommt mein Frühlingsschrei!“: Ronja Räubertochter (Hanna Zetterberg) mit Birk (Dan Håfström) in der schwedisch-norwegischen Verfilmung des Astrid-Lindgren-Klassikers von 1984. © Quelle: dpa

Es ist auch heute das Sehnsuchtsgefühl vieler wintermüder Menschen nach der Corona-Düsternis der vergangenen Monate: Mag die Pandemie noch nicht überstanden sein, mögen uns Ungewissheit, Frust, Erschöpfung und innerer Aufruhr noch eine Weile begleiten – aber immerhin: Der Winter ist vorbei. „Es tönen die Lieder, der Frühling kehrt wieder.“ Aus toten Hölzern kriecht mit grünen Trieben neues Leben, die faszinierende Urkraft der Natur bricht sich blütenreich Bahn, unsichtbar gesteuert von inneren Sensoren des Lichts und der Temperatur, die den Pflanzen aufzeigen: Ja, es ist Zeit. „Süße, wohlbekannte Düfte streifen ahnungsvoll das Land.“

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Die Sonne ist die stärkste Glücksdroge der Natur

Den Moment, in dem der Frühling beginnt, erlebt jeder Mensch auf seine Weise – als plötzlichen Duft in der Nase, als winzige Irritation am Morgen, als warmes Gefühl auf der Haut und im Herzen. Aus grauer Städte Mauern brechen Blüten hervor, es ist jedes Jahr wieder ein Triumph des Lebens. Die Sonne, die stärkste Glücksdroge der Natur, ist zurück. Narzissen, Krokusse und Tulpen blühen, und einer einzigen, prächtigen Buche wachsen bis zu 600.000 neue Blätter. „Nun will der Lenz uns grüßen, / Von Mittag weht es lau“, in der neuen Milde der Natur scheint es fast, als wirke die Luft weicher.

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Nichts anderes als ein gewaltiges Wunder ist das, seit Millionen Jahren. Kurz vor der Angst, der Winter könnte ewig dauern und der Kreislauf des Lebens doch irgendwie aus dem Gleichgewicht geraten sein, kommt dann doch in größter Verlässlichkeit der Frühling. Was für eine Erlösung. Der kalendarische Frühling beginnt dann, wenn Tag und Nacht im Frühjahr gleich lang sind, wenn also die Sonne genau über dem Äquator steht. Seit 2012 fällt dieser Moment auf der Nordhalbkugel auf den 20. März, erst ab 2102 wird es wieder der 21. März sein.

Das Knospen junger Hoffnungen auf Erneuerung

Kein Frühling aber ohne vorheriges Leiden, keine Erlösung ohne Qual. Oder wie ein Sprichwort sagt: Es lenzt eben nicht, ehe es gewintert hat. Das schlägt sich auch im Politischen nieder: Der Prager Frühling 1968 oder der Arabische Frühling ab 2010 stehen für gesellschaftlichen Aufbruch und den Versuch, sich von Unterdrückerregimen zu befreien. Es war das Knospen junger Hoffnungen auf Erneuerung. „Die Blumen blühten auf, die Mädchen trugen ihre Röcke kurz, die Gazetten wurden richtig frech“, schrieb der „Spiegel“ über die Zauberstimmung in Prag – bevor russische Panzer den Blütenträumen den Garaus machten.

Nichts anderes als ein gewaltiges Wunder ist das, seit Millionen Jahren: Blühender Krokus im Frühling. © Quelle: imago images/Rene Traut
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Möglich, dass der Frühling 2021 allein nicht genügen wird, um den Corona-Blues zu vertreiben – aber er hilft ohne Zweifel dabei, die Welt ein wenig aufzuhellen. 81 Prozent der Deutschen haben laut einer Umfrage im Frühling Lust auf Sport und Bewegung im Freien, 61 wollen verreisen, immerhin 45 Prozent haben mehr Lust auf Sex, und 37 Prozent freuen sich – des Menschen Wesen bleibt ein großes Rätsel – tatsächlich auf den Frühjahrsputz.

Frühjahrsmüdigkeit – Schwanken zwischen Sehnen und Sofa

Dem Reisen freilich steht Corona im Weg, den übrigen Aktivitäten oft die sprichwörtliche Frühjahrsmüdigkeit. Sie hat ihren Ursprung in der hormonellen Umstellung vom Schlummerhormon Melatonin auf das Energiehormon Serotonin. Anpassung kostet Kraft. Da kann die Zirbeldrüse hundertmal behaupten, jetzt sei Action angesagt. Der menschliche Körper ist eine zwar geniale, aber eben doch schwergängige Maschine. Im Frühling schwankt er zwischen Erregung und Erschöpfung, quasi zwischen Sehnen und Sofa.

Seit jeher begrüßen Menschen den Frühling als hochwillkommenes Symbol für Aufbruch und Neubeginn. Das spiegelt sich im Monatsnamen April, der wörtlich „sich öffnen“ bedeutet (nach dem lateinischen Begriff aperire), und im mittelalterlich-poetischen Namen Lenz, der sich vom indogermanischen Wort für lang ableitet – die Tage werden länger, „Veronika, der Lenz ist da“.

„Die Nachtigall, sie war entfernt / Der Frühling lockt sie wieder“

Das gilt auch für die Zugvögel, was zumeist mit erfreulichen Geräuschen einhergeht: „Die Nachtigall, sie war entfernt / Der Frühling lockt sie wieder“. Anders verhält es sich mit einer benachbarten Bande von Staren, die von der langen Flugreise offenbar noch etwas tüdelig sind und gern nachts um zwei herumkeckern, als dräue bereits der junge Morgen. Es herrscht tiefste Nacht, die Sterne funkeln, und dann tirilieren die Vögel los wie eine Schulklasse auf Klassenfahrt im Heide-Park. Stare singen nicht sehr schön. Stare klingen wie früher Marcel Reich-Ranicki, wenn ihm ein Buch nicht gefiel. Sie hätten sich gern noch etwas Zeit lassen können. Aber Zugvögel sind auf dem Rückweg eben deutlich schneller. Störche brauchen 80 Tage für den Hinflug ins Winterquartier nach Südafrika – und nur 25 Tage für die Heimkehr. Der Drang, eine Familie zu gründen und die Jungen großzuziehen, treibt sie an.

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„Es wagt der alte Apfelbaum“: Apfelblüte im Frühling. © Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Unvorstellbar war für die Menschen vor der Aufklärung, dass eine andere Kraft als ein gütiger Gott Regie führen könnte bei etwas so Großem und Schönem wie dem Frühling. In der Romantik dann spiegelte sich für Goethe, Hölderlin, Brentano, Fontane, Eichendorff oder Mörike das eigene Sehnen nach seelischem Frieden im Aufbruch der Natur, „wenn die toten Zweige sich regten und ein lindes Wehen meine Wange berührte“ (Hölderlin). „O schüttle ab den schweren Traum / und die lange Winterruh; / Es wagt es der alte Apfelbaum, / Herze, wag’s auch du!“, hoffte Fontane.

Das Kitzeln des Lichts in der Nase

Vor der Industrialisierung freilich, ohne Gasheizung, Strom und Ganzjahressupermärkte voller Flugananas und peruanischen Erdbeeren, stand den Menschen im Vorfrühling der Sinn weniger nach Lyrik, Liebe und Leichtigkeit, sondern nach Wärme und neuer Nahrung. Sie hatten eiskalte Monate in zugigen, verrußten Hütten mit Eiskristallen an den Fenstern ausgeharrt, sie hatten das letzte Sauerkraut aus den Fässern gekratzt und das letzte zusammengeklaubte Brennholz verfeuert. Die Körperkräfte waren aufgebraucht. Das Kitzeln des Lichts in der Nase, die sonnengelbe Blütenexplosion der Forsythiensträucher bedeuteten für sie vor allem: Sie hatten einen weiteren Winter überlebt.

Alte Bräuche in aller Welt künden von dieser Bedeutung des Winterendes: In Japan feiern die Menschen das Kirschblütenfest, in Indien geben sie sich den Farbpulverräuschen des Holi-Festes hin, in südbadischen Dörfern jagt ein Mädchen mit Frühlingszweigen einen als schwarzer Winter verkleideten Jungen durch die Straßen. Anderswo brennen Strohpuppen, und die Bulgaren schenken sich rot-weiße Armbänder, die demjenigen Gesundheit und ein langes Leben schenken sollen, der sie beim ersten Frühlingsboten des Jahres – einem blühenden Baum, einer Schwalbe, einem Storch – an die Frühlingspflanze bindet oder unter einen Stein legt.

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag“: Letzter Schnee liegt auf den Blüten einer Zaubernuss in einem Garten in Ostbrandenburg. © Quelle: Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

„Die Welt wird schöner mit jedem Tag / Man weiß nicht, was noch werden mag, / Das Blühen will nicht enden. / Es blüht das fernste, tiefste Tal: / Nun, armes Herz, vergiß der Qual! / Nun muß sich alles, alles wenden!“, hoffte Ludwig Uhland. Anders als Pflanzen freilich ist dem Menschen die Fähigkeit zu ewigem Wachstum verwehrt. Für uns gibt es keine Verjüngung, kein Wiederauferstehen in jedem Jahr, nur langsames Welken, stetigen Verfall. Die Sterblichkeit ist der Preis für die Freiheit, schreibt der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han („Lob der Erde“).

Es ist fast, als tröste uns die Natur mit dem Frühling darüber hinweg, dass wir selbst sterbliche Wesen sind. Dafür können wir uns – anders als Bäume oder Blumen – frei bewegen. Zum Beispiel dorthin, wo der Frühling am schönsten ist.

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