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Endlich wieder Theater: Joachim Meyerhoff glänzt als gesellschaftlicher Absteiger

  • „Das Leben des Vernon Subutex“ ist die Geschichte eines rasanten gesellschaftlichen Abstiegs und ein Panorama der französischen Gesellschaft.
  • Regisseur Thomas Ostermeier hat den ersten Teil des Romans nun an der Berliner Schaubühne als Theaterstück inszeniert.
  • Bühnenstar Joachim Meyerhoff spielt die Hauptrolle.
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Am Ende schafft er es nicht mehr, seine Situation zu leugnen. Bis dahin hatte der obdachlos gewordene ehemalige Plattenverkäufer Vernon Subutex den anderen (und sich selbst) immer noch Geschichten erzählt. Etwa, dass er gerade aus Kanada komme und nun eine Unterkunft benötige. Diese und jenen hat er gefragt, ob das nicht spontan ginge, ein, zwei Nächte auf dem Sofa? Aber nun sieht er der Wahrheit und seinen Mitmenschen ins Auge – er streckt die Hand aus, um zu betteln.

„Es war nicht geplant“, sagt Subutex. Er habe einfach die Bewegung gemacht, die Hand ausgestreckt. „Ich habe die Seite gewechselt.“ Die Welt der Aktiven, sagt er, sei für ihn schon weit weg. Die Welt der Aktiven, der Subutex bis vor Kurzem, bis zu seinem gesellschaftlichen Abstieg, noch selbst angehört hatte, sie ist jetzt auf der anderen Seite.

Roman war in Frankreich ein Riesenerfolg

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Als die Schriftstellerin Virginie Despentes 2015 in Frankreich ihren dreiteiligen Roman „Das Leben des Vernon Subutex“ über das Leben eines Absteigers aus der Mitte der Gesellschaft veröffentlichte, war er ein Riesenerfolg. Vernon Subutex hatte mehr als 20 Jahre in seinem Plattenladen „Revolver“ gearbeitet, liebte Musik, wurde geliebt von den Frauen – bis das Internet mit seinen MP3-Musikdateien und später das Streaming Plattenläden fast von heute auf morgen überflüssig machte. Subutex wurde arbeitslos, sie strichen ihm die Arbeitslosenhilfe, und zuletzt flog er aus der Wohnung. „Er hat zugesehen, wie alles den Bach runterging, erst war es wie in Zeitlupe, dann legte der Absturz an Tempo zu.“

Im Mittelpunkt sowohl des Romans als auch der Bühnenadaption seines ersten Teils an der Berliner Schaubühne, die am Freitagabend nach langer pandemiebedingter Wartezeit umjubelte Premiere feierte, steht aber nicht nur Subutex’ Absturz. Despentes, die 2000 in Frankreich wie auch in Deutschland durch ihren Film „Baise moi“ bekannt geworden war, lässt Subutex auf seiner fortwährenden Suche nach einem Schlafplatz eine Reise durch die französische Gesellschaft unternehmen. Er kommt bei ehemaligen Freunden unter, bei Freunden von Freunden oder bei Zufallsbekanntschaften, bei Altlinken und Neurechten, bei Armen und Reichen, bei Überforderten und Unglücklichen.

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Starkes Ensemble: Stephanie Eidt (v.l.), Hêvîn Tekin, Ruth Rosenfeld © Quelle: Thomas Aurin

Und so zeigt das gesellschaftliche Couchsurfing des Vernon Subutex, den Joachim Meyerhoff mit verzottelter Richard-David-Precht-Frisur und seinem norddeutschen Singsangslang als sympathisch verhuschten Spielball der Verhältnisse anlegt, einen Querschnitt der modernen französischen Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die sich in den vergangenen Jahren radikal verändert hat. Da ist Xavier, der sich in seiner Männlichkeit verletzt fühlt, die er vom Einkaufszettel seiner Frau genauso gefährdet sieht wie von Schleier tragenden muslimischen Frauen. Da ist Emilie, die sich von der wilden Punkmusikerin in eine angepasste, pingelige Frau verändert hat, deren Wandel zur braven Bürgerin aber nichts gilt, solange sie keine Kinder hat. Da ist der Reiche Kiko, den Bastian Reiber mit einer genauso komischen wie stechenden Eure-Armut-kotzt-mich-an-Philippika unvergesslich macht.

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So durchquert die knapp viereinhalbstündige Inszenierung von Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier die Themen, die nicht nur die französische Gesellschaft derzeit beschäftigt: die Angst vieler Menschen vor dem Abstieg, den Aufstieg der Neurechten, die sich wandelnden Rollenbilder von Frauen und Männern, veränderte Geschlechterzuschreibungen, Armut und Reichtum, die tiefe Krise des Kapitalismus, sie zeigt unerfüllte, unglückliche Individuen und eine bebende, zitternde Gesellschaft, sie zeigt Menschen, die mitzuschwimmen versuchen, und Menschen, die sich gegen den Wandel auflehnen. Begleitet wird all das von lauter Indiemusik, klar, es geht ja schließlich um einen Ex-Plattenverkäufer. Taylor Savvy, Ruth Rosenfeld, Henri Maximilian Jakobs und Thomas Witte spielen, singen, schreien, schlagtrommeln, schrammeln live Songs der Dead Kennedys, der Pixies, von Sonic Youth und Portishead – und wie gut das alles zum Stück passt.

Laute Musik: Henri Maximilian Jakobs (v.l.), Thomas Witte und Taylor Savvy. © Quelle: Thomas Aurin

Der Roman und auch Ostermeiers Inszenierung gewinnen vor allem dadurch an Kraft, dass Virginie Despentes nicht werten will. Sie will vor allem begreifen, in welcher Art von Welt wir leben. Sie will verstehen, aus welchen Denkweisen, Interpretationen, Diskursen und Gefühlen sich die Gesellschaft momentan zusammensetzt. Und wie all die denkenden Individuen miteinander agieren, wie sie einander beeinflussen. Das Programmheft zitiert Karl Marx: „Die Gesellschaft besteht nicht aus Individuen, sondern drückt die Summe der Beziehungen aus, worin diese Individuen zueinanderstehen.“ Das zu begreifen wird nicht zuletzt nach der Covid-Krise eine große Aufgabe werden. Darin sieht auch Virginie Despentes in einem Interview mit der Schaubühne die Aktualität ihres Romans. Eine Folge der Pandemie und ihrer ökonomischen Folgen wird sein, „dass es noch mehr Menschen wie Vernon Subutex geben wird. Menschen, die alles verlieren und nur sehr schwer wieder einen Platz in der Gesellschaft finden werden.“

Wohin führt das alles? Über dem Bühnenbild von Nina Wetzel dreht sich den gesamten Abend ein Revolver. „Revolver“, so hieß der Plattenladen von Vernon Subutex, den er verkaufen musste. Aber es schwebt auch die Frage nach potenzieller Gewalt über der Inszenierung, und wie sich die ganzen gesellschaftlichen Spannungen irgendwann entladen werden. Nicht zuletzt: Das Wort „Revolver“ geht auf das lateinische Verb „revolvere“ („zurückrollen“, „zurückwälzen“) zurück. Damit hat es dieselbe Wortwurzel wie das Wort „Revolution“.

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Die Inszenierung, die dank des glänzenden Joachim Meyerhoff und des ausnahmslos starken und spielfreudigen Ensembles um Julia Schubert, Holger Bülow, Stephanie Eidt, Ruth Rosenfeld, Hêvîn Tekin, Bastian Reiber, Axel Wandtke, Mano Thiravong, Blade AliMBaye und Thomas Bading auch nach mehr als vier Stunden mit FFP2-Maske vor der Nase enorm kurzweilig bleibt, fordert keine Revolution, sie ist kein Agitpropstück, sie offenbart, was viele Menschen momentan bewegt. Aber wie es in den liberalen europäischen Gesellschaften unter all den neuen Voraussetzungen unserer Gegenwart weitergeht, diese Frage steht nun einmal im Raum. Und nicht nur das, sie schwebt über allem.

Schaubühne spielt den Sommer über durch

Nächste Vorstellungen am 9. und 10. Juni. Weitere folgen im Juni und im August. Angesichts deutlich gesunkener Corona-Infektionszahlen in Berlin und in Brandenburg hat der Berliner Senat weitgehende Lockerungen für Kulturbetriebe beschlossen. Da die Schaubühne also (weiter natürlich unter Hygienebestimmungen) wieder spielen kann, hat sie entschieden, keine Theaterferien einzulegen, sondern die Sommermonate durchzuspielen. Alle Tickets für Veranstaltungen im Juni, Juli und August sind bereits im Vorverkauf.

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