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Ende gut tut allen gut – so ist Disneys Weihnachtsfilm „Die Eiskönigin II“

  • Neue Frauen hat das Land: Disneys Weihnachtsmärchen „Die Eiskönigin II“ (Start am 19. November) lässt den Kuss der wahren Liebe hinter sich.
  • Königin Elsa und ihre Schwester Anna machen sich auf die Suche nach ihrer Vergangenheit.
  • Und sie ermöglichen ihrem Märchenland Arendelle einen historischen Neuanfang.
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„Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage“, hieß es immer. Dann wurde das Buch zugeklappt und das Licht ausgemacht, man drehte sich im Bett um und die Träume begannen. Märchen endeten mit diesem Satz, der das restliche Leben ihrer Figuren beruhigend belanglos machte. Aber so war es am Ende von Disneys loser Filmadaption von Hans Christian Andersens Geschichte der „Schneekönigin“ ja gerade nicht.

Bei Elsa und Anna hatte der Märchenprinz ausgedient

Nein, es ging nicht darum, der stolzen blonden Eiskönigin Elsa, Herrscherin über das nordisch anmutende Reich Arendelle, den Kuss der wahren Liebe angedeihen zu lassen. Gerade die Gattung Märchenprinz hatte nach den 101 Minuten des ersten Films völlig ausgedient. Was für ein Loser! Aber Elsa wirkte dennoch fehl am Platz, kurz bevor dann der Abspann lief.

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Auch wenn sie am Ende kurz auf dem Schlosshof aufstampfte und selbigen mit ihren magischen Kräften in eine Eislaufbahn verwandelte, auf der dann alle Arendellianer vergnügt herumschlitterten. Auch wenn die Geschwister jetzt die Tore ihres Schlosses geöffnet hatten und speziell Elsa auch ihr Herz geöffnet hatte.

Während ihre lockerere Schwester Anna die neue Offenheit wirklich zu feiern wusste, schien Elsa distanziert, entrückt. Das mochte man auf ein unterkühltes Naturell schieben oder auf das Trauma ihrer Zurückweisung und Diskriminierung aufgrund ihrer vom Volk misstrauisch beäugten Zauberkünste. Sie würde schon warm werden mit ihren Leutchen, dachte man sich damals, 2013, und verließ das Kino, „Lass jetzt los“ pfeifend, diesen Ohrwurm, der den Soundtrack von „Die Eiskönigin“ 2014 zum erfolgreichsten Popalbum in Deutschland machen sollte.

Den Brüdern Grimm wäre ein Sequel zu „Hänsel und Gretel“ nie eingefallen

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Man hätte es besser wissen müssen, schließlich war man hier in Hollywood und nicht bei den Brüdern Grimm, denen nie eingefallen wäre, ein „Hänsel und Gretel II – Die Rache der Knusperhexe“ nachzuschieben. Aber auch wenn der Drang aller kleinen deutschen Mädchen damals zu Elsa-Federmäppchen, Elsa-Bücherranzen, Elsa-Brotzeitboxen und Elsa-Zahnbürsten ging, wurde nicht wie erwartet ein eiliges Sequel geschustert. Das kommt erst jetzt, sechs Jahre später, wo die nächste Generation begeisterter Grundschülerinnen bereitsteht, Elsa, Anna, ihre Freunde und die ihren zweiten Leinwandauftritt begleitende Produktpalette kennenzulernen.

Disney verrät seine selbstbestimmte Herrscherin nicht

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Wer von den alten Fans jetzt aber seufzt und bangt, Disney würde seine Ausnahmefürstin eben im zweiten Anlauf die Prinzenrolle machen lassen, sie „verraten“ und dem Bemanntheitsschicksal von Schneewittchen, Dornröschen, Rapunzel und Co. ausliefern, dem sei versichert: Hauptsache, Prinz, das gilt nicht. Neue Frauen hat das Land. Und behält sie auch in „Die Eiskönigin II“.

Dafür wird jetzt die Geschichte erzählt, wieso Elsa überhaupt dieses Talent hat, die Elemente, speziell das Wasser, aus der Luft zu holen und zu Schnee und Eis gefrieren zu lassen. In einer Art Präludium geht es zurück in die Kindheitstage der Schwestern, als König Agnarr und Königin Iduna noch lebten. Vor dem Zubettgehen erzählen sie ihren kleinen Prinzessinnen noch schnell die Familiengeschichte, wie der Großvater dem zauberisch begabten Nomadenvolk der Northulba das Friedensgeschenk eines Staudamms machte, wie die solchermaßen beschenkten Waldbewohner die Delegation aus Arendelle hinterrücks in einen Kampf verwickelten, wie sich danach über den Wald der vier Geister (Erde, Feuer, Wasser und Luft) ein ewiger Herbst und ewiger Nebel senkte – gruselig und undurchdringlich.

Dass der kleine Agnarr sich damals mehr für ein hübsches, zwischen den Bäumen tanzendes northulbisches Mädchen interessierte und den Ausbruch des Gefechts nicht recht mitbekam, ist, man ahnt es schon, wichtig für den Fortgang des Films.

In dem die erwachsene Elsa dann nächtens von einem wunderschönen Singsang aus den Lüften vom Schlaf abgehalten wird, den nur sie hören kann, der aus dem Norden kommt, wo der verwunschene Wald liegt, und dem sie folgen zu müssen glaubt. Ist es doch das Lied, das ihr die Mutter als Kind vorgesungen hat und mit dem das gleiche Komponistenpaar wie beim ersten Film – Robert Lopez und Kristen Anderson-Lopez – einen weiteren, broadway- und chartstauglichen Evergreen („Wo noch niemand war“) geschaffen hat.

Ein Abenteuer führt zu nationaler Schulderkenntnis und Selbstfindung

Aus Unruhe wird Aufbruch, der Drang, ein Geheimnis zu ergründen, das Ahnen eines auf Erfüllung wartenden Schicksals. Das Abenteuer, das sie zunächst allein unternehmen will, wird zunehmend mysteriös, führt aber zur Befreiung einer schuld- und unrechtsbeladenen Welt und zur Selbstfindung der Königin, die ihre wahre Bestimmung erkennt. Starker Tobak, mehr jedenfalls, als in Märchen für gewöhnlich geschultert wird, wo sonst Kinder böse, kannibalische Vetteln in Öfen schubsen oder verkniffene Rumpelstilzchen zum Sich-mitten-Entzweireißen bringen.

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Natürlich lässt die Clique Elsa nicht allein ziehen. Nicht nur Schwesterchen Anna steht ihr bei, sondern auch der gutherzige Kristoff, der unterwegs wieder und wieder um Annas Hand anhalten möchte, aber nie die richtigen Worte findet, nie die richtige Situation erwischt, weshalb sich sein kluges Rentier Sven mehr als einmal das Fell rauft. Richtig Held darf Kristoff auch erst zum Schluss werden, über die meiste Zeit der 103 Minuten gilt, was uns einst die Eurythmics sangen: „Sisters are doing it for themselves.“

Trumpf ist erneut der warmherzige Schneemann Olaf

Wobei beide voneinander getrennt ihren eigenen Teil des Abenteuers erleben. Anna immerhin hat Olaf dabei, die magisch belebte Schneepersönlichkeit, die den Zuschauer schnell dahinschmelzen lässt, weil sie von Hape Kerkeling erneut mit jeder Menge kultigen Onelinern und einem warmherzigen Wesen ausgestattet wird. Olafs Lied „Wenn ich erst groß bin“, in dem er sinngemäß singt „Das alles wird für mich Sinn machen, wenn ich erst groß bin, / irgendwann werde ich den Sinn darin erkennen, / eines Tages, wenn ich alt und weise bin, / werde ich zurückschauen und erkennen, dass das alles ganz normal war“, gehört zu den Höhepunkten des Films.

Freilich müssen Olaf-Fans ganz stark sein, denn es sieht zwischenzeitlich nicht so aus, als würde Olaf den Ruhestand erreichen, der eine einordnende Lebensrückschau gestattet. Denn nichts hält ewig, schon gar nicht Schneemänner.

Ein Einklangsfilm für die Generation Greta

Die in ihre Regiestühle zurückkehrenden Regisseure Jennifer Lee und Chris Buck haben Adornos berühmten Satz, wonach es „kein richtiges Leben im falschen“ gibt, in ein lohnenswertes Weihnachtsausflugsziel verwandelt. Mag mancher über die Plastikpuppenhaftigkeit der Figuren murren, so sind ihre Charaktere doch komplex genug, um auch von Erwachsenen goutiert zu werden, ist die Botschaft von Emanzipation, Versöhnung und ökologischer Balance doch komplett adventskompatibel. Bevor Völker miteinander harmonieren, müssen sie ihre Geschichte bewältigen, ist die Botschaft des Films an aller Länder Herren, die sich dem verweigern. Und gemeinsames Überleben ist nur mit der Natur möglich, nicht gegen sie. Ein Einklangsfilm für die Generation Greta ist „Eiskönigin II“ auch.

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Märchenhaft ist, dass am Ende das gesamte Volk glücklich ist, nun, da die Geschichtsschreibung korrigiert ist, die Wahrheit auf dem Tisch liegt. Der Frieden zwischen Arendelle und Northulba kann auf der Basis von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gedeihen. Und alle glauben an dieselbe gute Zukunft. Jedenfalls ritzt in Märchenwelten kein Neonazi abseits vom allgemeinen Trubel ein Hakenkreuz in einen Baum und flüstert: „Ihr werdet schon sehen.“

Und wenn sie bis dahin nicht gestorben sind, was für Trickfilmfiguren ja sowieso ein irgendwie irrealer Zustand ist, dann werden wir Anna und Elsa garantiert in ihrem dritten Film erleben. Es war einmal, jetzt ist es zweimal, aber aller guten Dinge sind schließlich drei.

„Die Eiskönigin II“, Regie: Jennifer Lee und Chris Buck, Animationsfilm mit den Stimmen von Dina Kürten, Yvonne Greitzke, Hape Kerkeling, Dauer: 03 Minuten, FK 0