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  • Elton John veröffentlicht neues Album „The Lockdown Sessions“

Elton Johns „Lockdown Sessions“: viele Gäste, viel Sound

  • Er nennt sich selbst den „Prinz Philip der Popmusik“ und hat auf seinen „Lockdown Sessions“ (erscheint am 22. Oktober) einige Royals der Popmusik, aber auch viele junge Musikerinnen und Musiker um sich geschart.
  • Beziehungsweise hat mit ihnen per Zoom oder durch Glaswände getrennt Songs eingespielt.
  • Das Ergebnis ist ein buntes Sammelsurium der Sounds – samt Rücksturz in die Achtzigerjahre.
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Sir Elton John trägt auf dem Cover seines neuen Albums das Ding, das für den Ausfall steht, für all die Sängerinnen und Sänger, die nicht singen konnten in den letzten beinahe zwei Jahren. Für alle Instrumente, die nicht angeschlossen werden konnten, alle Bühnen, deren Lichter ausbleiben mussten und deren Bretter niemanden mehr trugen.

Des Popstars Nasen- und Mundschutz sieht in diesem Fall keinesfalls medizinisch aus, er schimmert in den Regenbogenfarben der LGBTQI+-Community, trägt goldene Sterne und in Rot den Namenszug des Trägers. Während der Pandemie hat Elton John die „Lockdown Sessions“ aufgenommen – ein ungewöhnliches Arbeiten, wie er in den Liner Notes berichtet. Songs entstanden mit den Beteiligten in Zoom-Sessions oder wurden, als die Impfstoffe einiges leichter machten, in durch Glas getrennten Studiokabinen eingespielt.

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Das Album ist ein Popsammelsurium aller Elton-John-Phasen

Das Album ist kein geschlossenes Werk geworden, eher ein Gemischtwarenladen, ein Popsammelsurium. In den letzten Dekaden war John ja zu homogenen Alben zurückgekehrt, wie sie sein Goldenes Zeitalter in den Siebzigerjahren geprägt hatten, die Phase zwischen „Tumbleweed Connection“ (1971) und „A Single Man“ (1978). Und hatte 2010 „The Union“ eingespielt, eine hinreißende Platte mit seinem Vorbild, dem Gitarristen, Pianisten, Sound-Tausendsassa Leon Russell. Der Popkünstler Elton John hatte damit wieder Oberhand gewonnen über den Hitparadenkönig, aber die Welt trug seine Songs jetzt nicht mehr auf der Zunge – 21 Jahre ist der letzte US-Hit her, 15 der letzte zu Hause in der Heimat England.

Mit der Single „Cold Heart“, einem Duett mit der Dark-Pop-Prinzessin Dua Lipa, beginnen die „Lockdown Sessions“. Mit dem Song ist der Sir wieder in die Charts eingezogen. Das ist kein Wunder, verschmilzt das Stück doch die John-Klassiker „Rocket Man“ und „Sacrifice“ zu einem zeitgemäßen Beat: Nummer 25 in den USA, Nummer acht in Deutschland, Nummer eins im Kingdom. Das könnte mit der Ballade „Chosen Family“ mit der britisch-japanischen Kollegin Rina Sawayama ein weiteres Mal gelingen. Es geht über das Wunder der Wahlverwandtschaften. Großer Song.

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Es gibt auch Reminiszenzen an den Elton der Achtzigerjahre

Gäste hat sich Elton eingeladen und war selbst zu Gast bei anderen. Es gibt unter den 16 Stücken auch einprägsamen Elton-John-Pop, wie er in den Achtzigerjahren die Hitparaden beherrschte und lange nicht mehr von ihm zu hören war – „After All“ mit dem amerikanischen Youtube-Star Charlie Puth und eine Neueinspielung von „It‘s a Sin“ der Pet Shop Boys (mit Olly Alexander alias Years & Years). Oder „Orbit“ – einen Dreidekadensong, in dem der Discogeist der Siebzigerjahre mit seinen funkigen Streichern spukt, in dem sich der Wave-Dance von New Order findet und ein Beat aus Bloodhound-Gang-Zeiten.

„Lockdown Sessions“ ist hörbar die Platte eines Sammlers. Bis heute streift Elton John gern durch die Plattenläden, deckt sich – endlos neugierig - mit Musik aller Stile ein. Und so findet man in den „Lockdown Sessions“ faszinierende Indiesounds („The Pink Phantom“ erschien schon auf der letzten Gorillaz-Platte), Soul/Gospel (mit Stevie Wonder, ja, natürlich spielt er Mundharmonika) und Country (eine posthume Zweisamkeit mit dem 2014 verstorbenen Glen Campbell). Deutlich spannender ist das als es die 1993 aufs Weihnachtsgeschäft schielenden „Duets“ waren.

Duett mit Lil Nas X – zwei Paradiesvögel und mutige Männer der Schwulenbewegung

Nicht alles gelingt. „Always Love You“ klingt mit den Sprechgesangsanteilen von Nicki Minaj und Young Thug, als seien in den verschiedenen Glaskabinen zwei verschiedene Songs eingespielt worden und als würde eine ziemlich starke John-Ballade versehentlich kaputtgerappt. Schon besser fusionieren Elton John und der Hiphop in Gestalt von Lil Nas X („Old Town Road“) – in „One of Me“ stehen der „Prinz Philip des Pop und das neue Gesicht des Rap“ (Zitat: Elton John) zusammen auf der Bühne, zwei Paradiesvögel und mutige Männer der Schwulenbewegung.

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Manchmal nimmt John sich zurück. Die Version von Metallicas „Nothing Else Matters“, die auf dem Tributpaket „Metallica Blacklist“ unter einem Dutzend Versionen desselben Songs unterging, erscheint diesmal einzeln als strahlendes Rockjuwel. Am Mikrofon steht Miley Cyrus, John ist hier nur am Piano zu hören, malt ein melancholischen Intro und Outro, musiziert neben Metallica-Bassist Robert Trujillo und mit dem fantastischen Andrew Watt an der Gitarre.

John und Andrew Watt – „Beginn einer wunderbaren Partnerschaft“

Als „Beginn einer wunderbaren Partnerschaft“ bezeichnet John die Zusammenarbeit mit dem 31-jährigen US-Produzenten und Songwriter,, mit dem er unter anderem auch „Simple Things“ aufgenommen hat. Ein Duett mit der gerade ihren Countrygründen Richtung Popmusik entfleuchenden Brandi Carlile (Tipp: unbedingt ihr neues Album „In These Silent Days“ anhören!). Von ihrem „wilden Herzen“ singt Carlile. Dass er „für einen alten Mann doch noch ein junger Mann“ sei, verkündet hingegen John.

Keine Einwände: Er lässt den Worten auch gleich Taten folgen und da brennt das Piano wieder: Zu „E-Ticket“ rockt Elton John mit Pearl-Jam-Sänger Eddie Vedder. Der rasante Song klingt wie ein kleines Schwesterchen von Johns „Saturday Night‘s Alright (For Fighting)“ von 1973. Der Rocket Man entdeckt seine Chuck-Berry-Wurzeln wieder, lässt die wohl schlimmste Berry-Adaption aller Zeiten, seine 1979er-Disco-Version von Johnny B. Goode, glatt vergessen.

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Übernächstes Jahr kommt er dann auf seiner Abschiedstournee noch mal nach Deutschland. Mit ein wenig mehr kollektiver Vernunft als bisher ist dann vielleicht auch das Ding vorm Gesicht, das für Ausfall steht, nicht mehr nötig und man kann atmen und tanzen zugleich – „hopping and bopping to the Crocodile Rock“. Schön wärs ja.

Elton John – „The Lockdown Sessions“ (Mercury/Rocket Entertainment/EMI)

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