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Eltern am Limit: Wenn der Kindergeburtstag zur Partyapokalypse wird

  • Kindergeburtstage sind für Eltern der Ernstfall im Familienalltag. Ist Eierlaufen uncool?
  • Was tun, wenn es aus Eimern schüttet? Was rät das Internet? Und wann ist endlich Abend?
  • In seiner RND-Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen Blick auf die Partyapokalypse: den gefürchteten B-Day.
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Es gibt Tage im Leben eines Elternpaares, in denen die Möglichkeit des gemeinsamen Glücks in den Hintergrund gerät, in denen das Schicksal dem Paar das Äußerste an Langmut und Nervenkraft abverlangt, um das Projekt Familie nicht in den Höllenschlund des Verderbens stürzen zu lassen.

Ich spreche vom Kindergeburtstag. Vom Ernstfall also.

D-Day war gestern – heute ist B-Day

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Kindergeburtstage sind heute gern hochgerüstete Mega­events, die Eltern finanziell und emotional an ihre Grenzen führen. Erst recht, wenn sie zu Hause über die Bühne gehen. D-Day war gestern. Heute ist B-Day.

Es ist unmöglich, die Bedeutung des eigenen Geburtstags im Leben einer Grundschülerin zu überschätzen. Es geht um alles. Um zu ermessen, was ein zu Hause gefeierter Kindergeburtstag den Eltern einer jungen Jubilarin (7) abverlangt, muss man nur in die mitleidigen Augen der Väter und Mütter schauen, die um 15 Uhr die ersten kleinen Gratulantinnen mitsamt liebevoll beklebten Geschenken in den Hausflur stellen. Ihre Münder sagen: „Viel Spaß, bis heute Abend!“ Ihre Augen sagen: „GOTT SEI DANK BIN ICH NICHT DRAN.“

Ein einziger Dennis reicht

Die Glückserwartungen des Geburtstagskindes stehen in umgekehrt diametralem Verhältnis zur Belastung ihrer Erzeuger. Das Internet in seiner unendlichen Weisheit jedoch hält als nimmermüder Lifecoach zahllose „Tipps“ für Eltern bereit, die von Kindergeburtstag befallen sind. So heißt es etwa: „Es ist pädagogisches Geschick und Fingerspitzengefühl gefragt, wenn du die Aufsicht für mehrere Kinder übernimmst, die du nicht gut kennst.“

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Vielen Dank für den wertvollen Hinweis. Ich darf kurz übersetzen: „EIN EINZIGER DENNIS REICHT, UM DIE PARTY ZUM SCHLACHTFELD ZU MACHEN!“

"Räume wertvolle Gegenstände weg": Kinder bei einer Geburtstagsfeier. © Quelle: picture alliance / VisualEyze
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„Nein! Nicht das Fabergé-Ei fürs Eierlaufen!!“

Weiter heißt es behutsam: „Das Verhalten und die Reaktionen von Kindern lassen sich im Gegensatz zu Erwachsenen nicht so leicht voraussagen.“ Auch hier: vielen Dank. Das bedeutet nichts anderes, als dass ALLES PASSIEREN KANN. Eltern sind als Veranstalter eines Kindergeburtstages alles auf einmal: Animateure, Schiedsrichterinnen, Kellner, Köchinnen, Sanitäter, Blauhelmsoldatinnen, Zirkusdirektoren, Erzieher, Sozialpädagoginnen, Ärzte, Psychotherapeutinnen, Ergotherapeuten, Kriseninterventionskräfte, Kummerkasten und Friedensrichterinnen, Zeremonienmeister, Clowns und Heldinnen.

Meine beiden Elternlieblingstipps für Kindergeburtstage aus dem Netz sind diese: „Räume wertvolle Gegenstände weg“ („Nein Chantal, nicht das Fabergé-Ei fürs Eierlaufen!!“) und „Hole dir Verstärkung. Passe außerdem die Anzahl der Aufsichtspersonen der Menge der Kinder an. Je mehr Gäste, umso mehr Erwachsene braucht es.“ Das ist richtig. Es ist hart bis unmöglich, 250 Kinder in einem Privathaushalt allein zu betreuen und zu bespaßen. Was viele nicht wissen: Bei Kindergeburtstagen tritt für 24 Stunden der Nato-Bündnisfall ein. Betroffene Eltern können in Brüssel internationale Truppen zur Sicherung des häuslichen Friedens anfordern (Achtung: Ausreichend Parkplätze für geschlossene Verbände von bis zu 40 Militärfahrzeugen bereithalten!).

Die Sehnsucht nach Glücksoasen

Der Aufwand, mit dem Familien Hochzeiten und Kindergeburtstage inszenieren, ist in den letzten Jahren explodiert. Manche Partys für Dreijährige gleichen kleinen Hollywoodevents mit pastellfarbenen Cupcakes, bunten Tischhussen und Schokoladenbrunnen. Darin spiegelt sich in der komplexen Gegenwart, in der die Optimierung des Alltags zu den wichtigsten Fetischen gehört, natürlich die Sehnsucht nach fabelhaften Glücksoasen inmitten des Chaos. Zusätzlicher Druck entsteht durch die Tatsache, dass Kinderpartys immer auch als Beliebtheitscheck taugen. Nur wenig macht Eltern mehr Angst, als dass ihr Kind am Rande der Gemeinschaft stehen könnte.

Paradoxerweise wird so ausgerechnet die Party, die doch Ausdruck des tiefen Wunsches nach Momenten der Leichtigkeit ist, mit Bedeutung überfrachtet.

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Der Kindergeburtstag als Spiegel der Sehnsucht nach Glücksoasen im Chaos: Bunter Teller und Konfetti bei einem Kindergeburtstag. © Quelle: picture alliance

Wir leben in einer „liminalen Periode“, sagt der Ethnologe Victor Turner. Es ist eine Art Schwellenzustand: Die alte Welt vergeht, die neue schimmert schon am Horizont, ist aber noch in weiter Ferne. Das Symptom ist Überforderung – und Sehnsucht nach Schönheit. Die fragmentierte Gesellschaft der Postmoderne dürstet es nach Sinn und Sinnlichkeit. Sogar die unschuldige Mitgebseltüte am Ende der Party wird dabei zum Fashion- und Lifestylestatement. Ein mir gut bekanntes Kind kehrte jüngst von einer Party zurück, bei der am Ende Deodorants als Mitgebsel verteilt wurden. Ich halte das für eine sehr pragmatische, phantastische und ausgefallene Variante. Die Aushaltbarkeit von heranwachsenden männlichen Hominiden steigt durch die Verwendung von Deodorants deutlich.

Die unerträgliche Artigkeit des Seins

Es gibt bei Kindergeburtstagen immer DIESES EINE KIND, das maulend auf dem Sofa hockt, bei nichts mitmachen will und alle zehn Minuten sagt, dass es letzte Woche bei Michelles Geburtstag cooler war. Aber noch schwerer auszuhalten ist die kollektive Bravheit, die gegenwärtige Kinder auszeichnet – die unerträgliche Artigkeit des Seins. Als ordentlicher Angehöriger der Mittelschicht und Mitglied des Fritz-Limo-Soziotops freue ich mich inzwischen über jedes ungezogene Kind. Immer diese wohlgeratenen Menschlein namens Konstantin oder Anna-Berenike, die artig in Lacoste-Poloshirts und Faltenrock ihren Dienst als minderjährige Staatsbürger versehen.

Ich möchte dann immer ganz laut rufen: „Das heißt nicht ‚Wie bitte?‘, das heißt ‚Hä?‘!“ Für solche Kinder müsste es eine Art Anti-Supernanny geben, so eine coole, schwarzhaarige Exstripperin mit dem Tattoo einer rothaarigen Bikinimaus auf dem Oberarm zum Beispiel. Und immer, wenn Anna-Berenike Geige üben soll, sagt die Anti-Supernanny: „Das musst du nicht! Es ist dein Leben. Geh’ raus und kauf dir eine Bassgitarre.“

Liebe ist ein starker Motivator

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Natürlich ist Liebe ein starker Motivator, um ein schönes Fest vorzubereiten. Wir haben uns, was die heimische Geburtstagsparty anging, dem Überbietungswettstreit tapfer verweigert. Es sollte ein Sportfest sein. Das war der Wunsch. Ein Sportfest mit Dosenwerfen, Radfahren, Eierlauf, Dreibeinhopsen, Sackhüpfen und Torwandschießen.

„Regenwahrscheinlichkeit: 60 Prozent“: Muffins mit der Aufschrift „Happy Birthday“ stehen während eines Kindergeburtstags auf einem Tisch. © Quelle: picture alliance / Andreas Frank

Ein Open-Air-Sportfest also. Im Sommer 2021. Das ist, als plane man einen ruhigen Segelnachmittag am Kap Hoorn. Oder eine ruhige Schachpartie in der ersten Reihe eines Rammstein-Konzerts. Das kannst du vergessen. Regenwahrscheinlichkeit am Partytag: 60 Prozent. Regenwirklichkeit: 100 Prozent. Der Regenradar hatte dieselbe Botschaft an uns wie John Lennon: „Life is what happens to you while you‘re busy making other plans.“

Nimm das, McDonald’s!

Aber wer sagt denn, dass ein Katzenkratzbaum im Wohnzimmer nicht auch eine geeignete Wendemarke beim Eierlaufen sein kann? Wer sagt denn, dass Kinder mehr brauchen als eine kleine Story, eine Handvoll Luftschlangen und grenzenloses Vertrauen in die eigene Fantasie? Nehmt das, Phantasialand, Indoor-Spielparks, Minigolfbuden, Paintballhallen, Trampolinparadiese und McDonald’s! Wir haben ein Sportfest gefeiert.

In Hollywoodfilmen gibt es das Phänomen der Zweidrittelkrise: Etwa nach zwei Dritteln des Films eskaliert die Handlung, bis sich der Held auf dem Tiefpunkt befindet und der Zuschauer sich fragt: Wie will er da wieder rauskommen? Hollywood orientiert sich dabei an der klassischen griechischen Tragödie ebenso wie am westeuropäischen Kindergeburtstag: Nach zwei Dritteln ist das Nervenkostüm dünn, die Konzentration aufgebraucht, die Fanta alle und die Liste der Spiele abgearbeitet. Die Veranstalter (vulgo: Papa und Mama) befinden sich auf dem Tiefpunkt, und der Zuschauer fragt sich: Wie wollen sie da wieder rauskommen?

„Kindergeburtstag gefeiert. Haus zu verkaufen. Für Bastler.“

In dieser Phase 2 der sogenannten Crunchtime – ist nicht dienlich, was das Internet in Erinnerung bringt: „Behalte im Hinterkopf, dass du noch aufräumen und dein Kind ins Bett bringen musst.“ Ist ja toll: UND DAS SOLL MIR JETZT HELFEN ODER WAS?

Irgendwann aber stellte sich bei unserer Party angesichts der glühenden Wangen der Teilnehmenden elterliche Gelassenheit ein. Das Gehirn fühlt sich zwar an, als wurde es durch ein Sieb gepresst. Jeder Muskel schmerzt. Die emotionale Tankanzeige flackert rot. Aber es gibt kaum eine stärkere Droge als Schaffensstolz. Liebe heißt nicht nur zu nehmen. Liebe heißt auch, Sportfeste zu feiern, wenn es aus Eimern schüttet. Bedenke stets, was auch das Netz rät: „Eine Geburtstagsfeier soll Spaß machen und keinen Bildungsauftrag erfüllen.“

Aufräumen fällt dafür aus. Wir schalten stattdessen eine Anzeige: „Kindergeburtstag gefeiert. Haus zu verkaufen. Für Bastler.“

In seiner Kolumne „Über Leben in Deutschland“ wirft Imre Grimm einen satirischen Blick auf den deutschen Alltag – dazu gehören persönliche Erlebnisse, aber auch Kuriositäten aus Politik, Gesellschaft und Kultur.

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