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Ein Wiedergutmachungsfilm - Clint Eastwoods “Fall Richard Jewell”

  • Ein Held des Alltags wurde zuerst als Bombenretter gefeiert, danach zu Unrecht als Täter verdächtigt.
  • In “Der Fall Richard Jewell” (Kinostart am 19. März) erzählt Clint Eastwood eine packende Geschichte von Vorurteil und Vorverurteilung.
  • Mit der frei erfundenen Story einer zu allem bereiten Reporterin begeht der Regisseur aber einen entscheidenden Fehler.
Martin Schwickert
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Gerade einmal drei Tage lang wurde Richard Jewell als Held gefeiert. Während der Olympischen Spiele in Atlanta hatte der Wachmann am 27.Juli 1996 bei einem Open-Air-Konzert einen verdächtigen Rucksack entdeckt, in dem sich eine Bombe befand. Mit anderen Ordnungskräften räumte er das direkte Umfeld, so dass die nachfolgende Explosion zwar zahlreiche Verletzte, aber nur eine Tote forderte.

Aber schon bald ermittelte das FBI gegen Jewell, dem vorgeworfen wurde, dass er selbst die Bombe gelegt habe, um sich als „falscher Retter“ in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Drei Monate lang war Jewell nicht nur den Ermittlungen der Bundespolizei ausgesetzt, sondern auch der Belagerung durch die Presse, die den Fall mit einem hohen Maß an Vorverurteilung aufgriff. Erst sieben Jahre später wurde der wirkliche Täter gestellt: ein Rechtsradikaler, der danach noch in zwei Abtreibungskliniken und einer Lesben-Bar Bomben zur Explosion gebracht hatte.

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Eastwood lässt Jewell Gerechtigkeit widerfahren

Nun rollt Clint Eastwood in seiner neuen Regiearbeit „Der Fall Richard Jewell“ die Angelegenheit noch einmal auf. Mit seinem herausragenden Hauptdarsteller Paul Walter Hauser („I, Ton­ya“) zeichnet der Film das Bild eines Menschen, der einen großen Respekt vor Autoritäten hat und sich danach sehnt selbst eine Autorität zu sein. Zeit seines Lebens träumt Richard davon Polizist zu werden. Dabei wird ihm sein beruflicher Übereifer oft zum Problem – etwa wenn er als Campus-Wachmann mit dem Schlagstock in der Hand eine kleine Party im Studentenwohnheim unterbinden will.

Aber genau dieser Übereifer ist es, der beim Anschlag in Atlanta Leben rettet. Für den Profiler des FBI Tom Shaw (Jon Hamm) hingegen ist der korpulente Junggeselle, der immer noch bei seiner Mutter wohnt, sich nach Aufmerksamkeit sehnt, zu Hause ein imposantes Arsenal an Schusswaffen hortet und sich in den Verhören um Kopf und Kragen redet, auch ohne harte Beweise der ideale Verdächtige.

Eastwood erzählt gewohnt schnörkellos

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Schnörkellos erzählt Eastwood diese Geschichte und baut sie zum Lehrstück über Vorurteil und Vorverurteilung aus. Dabei nimmt er Ermittlungsbehörden und skandalsüchtige Presse ins Visier, verweist darüber hinaus auf eine manipulierbare Öffentlichkeit, der schlüssige Täterprofile wichtiger sind als die widersprüchliche Wahrheit.

Damit passt diese Fallbeschreibung aus den 90ern bestens in die heutige Welt abgeschlossener Wahrnehmungs- und Meinungsblasen. Aber gerade weil Eastwood sich derart überzeugend für eine differenzierte Sicht auf den unschuldigen Verdächtigen einsetzt, hätte man ihm bei der Darstellung der investigativen Journalistin Cathy Scruggs (Olivia Wilde) selbst Unvoreingenommenheit gewünscht. Dass die Reporterin dem FBI-Mann für ein paar Infos erotische Dienste anbietet, ist Erfindung – und ein billiges sexistisches Klischee, mit dem der Film das eigene Anliegen nachhaltig beschädigt.

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„Der Fall Richard Jewell“, Regie: Clint Eastwood, mit Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, 131 Minuten, FSK 12

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