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Ein Haus für den Nationalmaler: Norwegen bekommt ein neues Munch-Museum

  • Edvard Munch ist der wohl berühmteste Sohn Norwegens.
  • Jetzt widmet ihm Oslo ein neues Museum.
  • Damit hat der Maler auch geografisch einen zentralen Platz in seiner Heimat bekommen.
Julia Wäschenbach
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Oslo. Als Edvard Munch 1892 erstmals in Deutschland ausstellte, eingeladen vom Verein Berliner Künstler, löste das einen Skandal aus. Vor allem konservative, ältere Künstler fühlten sich durch seine Malweise provoziert. Die Empörung über seine Kunst hatte aber vor allem eins zur Folge: Sie machte den jungen norwegischen Maler auf einen Schlag international bekannt. Ein Jahr später entstand der „Schrei“.

Kaum ein anderes Kunstwerk ist so berühmt – und so oft reproduziert worden. Ob als Vorbild für die Maske in den „Scream“-Filmen, als Inspiration für Warhols Pop-Art, als Symbol für den Brexit im „Guardian“ oder sogar als Emoji. Jüngst war es ein Zeichen für Schockstarre und Ängste in der Pandemie. „Der Schrei“ ist in vielen schwierigen Situationen angewandt worden, in denen Menschen besorgt und unruhig waren“, sagt Stein Olav Henrichsen, Direktor des neuen Munch-Museums in der norwegischen Hauptstadt Oslo, das am 22. Oktober eröffnet wird.

Mehrere Versionen des berühmten Kunstwerks hatte der 1863 geborene Maler seiner Heimatstadt Oslo gemeinsam mit dem größten Teil seines Nachlasses nach seinem Tod im Jahr 1944 vermacht. Doch besonders viel Platz, um die vielen Tausend Werke angemessen auszustellen, hatten die Kuratoren des Munch-Museums bislang nicht. Seit 1963 war das schmächtige Museum in Tøyen zu Hause, einer von sozialen Problemen belasteten Wohngegend, in die sich kaum ein Tourist oder eine Touristin zufällig verirrte.

Weltberühmt: Edvard Munchs "Der Schrei". © Quelle: Edvard Munch
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„Unsere Sammlung ist sehr groß und das Museum war klein und alt“, erklärt Henrichsen. Doch allein die strengeren Sicherheitsvorkehrungen, die nach dem Raub des „Schrei“ und der „Madonna“ 2004 notwendig wurden, nahmen viel Platz in Anspruch. „Deshalb gab es ein großes Bedürfnis, dem Werk und dem Künstler Edvard Munch ein neues Zuhause zu geben.“

Gestalt nahm dieses neue Zuhause in Form eines imposanten, 13‑stöckigen Baus im neu entstandenen Osloer Kulturviertel Bjørvika an, entworfen von den Architekten des spanischen Büros Estudio Herreros mit Juan Herreros und dem Deutschen Jens Richter an der Spitze.

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Es gibt auch Ausstellungen anderer Künstler

Das hohe, an der Spitze geneigte Gebäude beherbergt künftig nicht nur Munchs Kunst auf mehreren Etagen, sondern auch wechselnde Ausstellungen anderer Künstler, Werkstätten, Räume für Konzerte und Talks sowie Büros und eine Dachterrasse, die über einen gläsernen Aufzug zu erreichen ist. Von der Terrasse aus können die Besucher ihren Blick über den Oslofjord und die Stadt schweifen lassen.

Es ist ein monumentales Gebäude, das weniger das Wesen des Künstlers oder seines Werks als seine Bedeutung für Norwegen widerspiegelt. Fast 60 Meter hoch, mit einer Verkleidung aus recycelten, perforierten Aluminiumplatten. „Die Fassade verleiht dem Munch-Museum in Bjørvika eine rätselhafte und sich ständig verändernde Präsenz und spiegelt die fantastischen Lichtverhältnisse in Oslo wider, die sich im Laufe des Tages und der verschiedenen Jahreszeiten ständig ändern“, sagt Architekt Richter.

Direkt am Oslofjord, an dessen Ufer der Künstler einst Inspiration für seinen „Schrei“ fand, einen Steinwurf von der Oper entfernt, ragt das neue Museum in die Höhe. Munch, der für seine Landsleute nicht nur ein großer Maler, sondern auch eine Identifikationsfigur ist, hat damit, so sehen es die Museumsmacher, nun auch rein geografisch einen zentralen Platz in seiner Heimat bekommen.

Munch bedeutet allen Norwegern etwas

„Edvard Munch ist ein sehr wichtiger Teil unserer Identität in Norwegen“, sagt Henrichsen. „Er begleitet uns von der Kindheit an, alle von uns haben sein Werk in der Schule interpretiert, seine Ausstellungen gesehen. Seine Kunst spricht die Norweger an, sie haben das Gefühl, dass sie immer wieder zu ihm und seiner Kunst zurückkommen können.“ Gerade in der Hauptstadt ist der Wegbereiter des Expressionismus omnipräsent. An nicht weniger als acht Schauplätzen in und um Oslo kann man auf den Spuren des Künstlers wandeln.

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Munch bedeutet allen Norwegern etwas, auch den kleinsten. Deshalb findet in Oslo vor der Eröffnung für Erwachsene auch eine für Kinder statt. Alle sollen Munch gemeinsam feiern und erleben, auch über die Eröffnungstage hinaus.

Düster: Edvard Munchs Selbstporträt. © Quelle: Edvard Munch

Henrichsen sieht das neue Haus als „Leuchtturm seiner Kunst“, aber es geht nicht nur um Munch. „Das Museum ist so konstruiert, dass die Stadt sich hier zu Hause fühlen, sich wohlfühlen soll. Dass die Leute an der Entwicklung des Programms teilhaben. Wir wollen der Gesellschaft um uns herum nicht nur zeigen, was wir meinen und haben, sondern die Gesellschaft soll ein Teil dieses Ortes sein“, sagt der Museumsdirektor. Bei Munch trifft sich Norwegen, so die Idealvorstellung, von 10 Uhr morgens bis 10 Uhr abends. Und manchmal auch die Welt.

Ausländische Touristen dürften – neben dem atemberaubenden Ausblick vom Dach – vor allem die international bekannten Hauptwerke des Künstlers anlocken: „Madonna“, „Vampir“, „Der Tanz des Lebens“ und allen voran der „Schrei“. Im neuen Museum ist den verschiedenen Versionen des berühmten Kunstwerks ein ganzer Raum gewidmet.

Von „Der Schrei“ gibt es mehrere Versionen

„Nur wenige Leute wissen, dass es mehrere Versionen des ‚Schrei‘ gibt“, sagt Henrichsen. „Wir haben mehrere Lithografien, eine Version in Pastell und ein Tempera-Gemälde, und alle sind ziemlich empfindlich, weil sie auf Papier oder Pappe entstanden sind“, sagt Munch-Kuratorin Trine Otte Bak Nielsen. „Das bedeutet, dass sie nur ganz wenig Licht bekommen dürfen. Deshalb tauschen wir die Werke, die wir zeigen, regelmäßig aus, und zeigen immer mindestens eine Version.“

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Die Fragilität von Munchs Kunst ist auch ein Grund dafür, dass in keinen der Ausstellungssäle Tageslicht strömt. „Wir brauchten Räume, die eine sehr stabile Temperatur und ein stabiles Klima haben und nicht zu viel Licht ausgesetzt sind“, erklärt Henrichsen. Statt chronologisch sind Munchs Werke thematisch gruppiert, über Rolltreppen bewegen sich die Besucher von einer Ausstellungsfläche zur nächsten.

Neues norwegisch-deutsches Kuratorennetzwerk entsteht

Die Eröffnung des Museums ist auch Startschuss für ein neues norwegisch-deutsches Kuratorennetzwerk, das von der norwegischen Botschaft in Berlin initiiert wurde. Mit dabei sind etwa Kuratoren der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, des Museums Barberini in Potsdam und des LWL Münster. Auch Munch-Kuratorin Trine Otte Bak Nielsen ist mit dabei.

Dank digitaler Technik können die Museumsgäste ab dem 22. Oktober in einer Multimediainstallation sogar in Munchs letztes Zuhause, eine Villa am Rande von Oslo, eintauchen. Dort lebte der Lieblingsmaler der Norweger von 1916 bis zu seinem Tod. „Er hat gesagt: ‚Mein Zuhause ist meine Erinnerung‘“, erzählt Museumsdirektor Henrichsen. „Deshalb verschafft die Ausstellung Besuchern einen Eintritt in sein Zuhause, seine Erinnerung, sein Leben.“

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