Ehehöllendrama in Berlin: Ring frei zur nächsten Runde

  • Hier können selbst Betroffene über die Dramen der Ehe lachen.
  • Das Deutsche Theater Berlin zeigt Friedrich Dürrenmatts “Play Strindberg” als szenische Lesung.
  • Die Starbesetzung mit Ulrich Matthes und Sophie Rois macht den Abend zu einem bittersüßen Theatererlebnis.
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Gong. Ring frei zu Runde eins. Der Kampf beginnt. Die Ehe ist ein Boxkampf. Doch erst einmal belagern sich Edgar und Alice in Friedrich Dürrenmatts bitterer Komödie “Play Strindberg”. “Lange geschieht nichts”, heißt es in der Regieanweisung des Stücks. Stille. Schmerzende Stille. So fühlt sie sich an, die Ruhe vor dem Orkan.

Es ist bereits ein Genuss, Ulrich Matthes (Edgar) und Sophie Rois (Alice) in diesen langen ersten Sekunden der szenischen Lesung im Deutschen Theater Berlin beim Schweigen zuzuschauen. Dann der erste Schlag, der erste Satz von Edgar: “Spiel was vor!” Es geht um Musik, der Herr will seinen geliebten Marsch, den “Einzug der Bojaren” hören, aber Alice liebt “Solveigs Lied” aus Edward Griegs “Peer-Gynt-Suite”. Die beiden werden sich nicht einig (beileibe nicht zum letzten Mal an diesem Abend), jeder kämpft seinen Kampf mit seinen Mitteln. “Spiel was vor!" – ja, selbstverständlich spielen die beiden einander auch etwas vor im Laufe ihres Ehekampfs. Und wie!

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Friedrich Dürrenmatt hat in “Play Strindberg” August Strindbergs Ehehöllendrama “Der Todestanz” von 1900 verknappt. Edgar, ein ehemaliger Militärschriftsteller, und Alice, eine ehemalige Schauspielerin, leben auf einer Insel und sind ein ehemals glückliches Ehepaar. Sie stehen kurz vor ihrer silbernen Hochzeit, doch von Liebe und Respekt füreinander ist nichts übrig geblieben. “Ehe” steckt halt auch in “ehemals”. Die beiden haben alle Freunde, Bekannten und sogar ihre Dienstboten vergrault und leben einsam in einem Turm.

Glanz und Gloria sind nur noch fern klingende Erinnerungen, hier herrschen Hunger, Durst und gemeinsame Einsamkeit. In der Nähe feiert der Arzt ein rauschendes Fest, nur Edgar und Alice sind nicht eingeladen. Alice sieht der Wahrheit ins Auge, aber Edgar, der immer Herr, nie Getriebener einer Situation sein will, sieht sich nicht als Ausgeladenen, sondern als Akteur, der selbst entschieden hat, der Feier fernzubleiben:

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Alice: Wir sind nicht eingeladen.

Edgar: Weil wir mit diesen Leuten nicht verkehren, und wir verkehren nicht mit diesen Leuten, weil wir nicht wollen, und wir wollen mit ihnen nicht verkehren, weil wir sie verachten.

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Alice: Weil du sie verachtest.

Starbesetzung auf der Bühne

Ulrich Matthes, in lottrigem Uniformmantel, spielt den Möchtegerngebieter Edgar mit durchgehend lauter, durchdringender Stimme. Zwischentöne sind dem armen Offizier fremd. Sophie Rois trägt ein Kleid, in dem sie aussieht, als hätte sie einen Ohrensessel verschluckt und die Ohren schauen an den Schultern noch heraus. Mit ihrer schneidenden Stimme schleudert sie ihrem Ehemann all ihre Wut, ihre Verachtung, den angestauten Hass, entgegen.

Frisch ausgezeichnet: Sophie Rois hat vor wenigen Tagen den Deutschen Schauspielpreis in der Kategorie “Starker Auftritt” bekommen. © Quelle: Getty Images

Und dann ist da noch Manuel Harder, der Alices Vetter Kurt spielt. Dieser kommt auf die Insel, um – wie passend in unseren Tagen – Quarantänemeister zu werden. Kurt hatte die beiden vor 25 Jahren verkuppelt, Edgar sieht in ihm die Ursache allen Übels, Alice ihren Ex-Geliebten. Kurt versucht zu mäßigen, ist mal Stimme der Vernunft, mal Kollaborateur von Alice, mal Gesprächspartner für Edgar, letztlich aber auch Wahrer seiner eigenen Interessen in diesem Trio von Falschspielern. “Spiel was vor!”

Alice und Edgar brauchen keine Abstandsregeln

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“Play Strindberg” ist eines von Friedrich Dürrenmatts Übungsstücken für Schauspieler. Es hat zwar eine lose Handlung und eine lockere Entwicklung, ist aber anders als andere Stücke Dürrenmatts nicht sonderlich durchkomponiert. Adrian Linz hat die Komödie als szenische Lesung angelegt, Rois, Matthes und Harder sitzen zumeist an ihren Tischen mit ihrem Textbuch vor der Nase. Doch sie lesen nicht nur, sie stehen auf, gehen ab, tanzen, treten an einen außerordentlich abgefahrenen Automaten, mit dem die Insulaner morsend mit ihrer Umwelt in Verbindung bleiben, Ulrich Matthes inhaliert (anders kann man es nicht sagen) ein gebratenes Huhn, säuft Whiskey und Wein. Zuweilen gehen die Schauspieler sogar ein paar Schritte aufeinander zu. Doch nie zu weit. Diesem Paar fehlt es dermaßen an Nähe, dass das Distanzspiel gar nicht auffällt. Alice und Edgar brauchen keine Abstandsregeln, sie sind fleischgewordenes Social Distancing.

Publikum feiert die großartigen Schauspieler

Nach einigen Finten in diesem Stück, nach vielen Wirkungstreffern und angetäuschten Schlägen, Vertrauens- und Ehebrüchen geht der ehekriegerische Boxkampf nach zwölf Runden zu Ende. Gong. Die Zuschauer feiern das Trio und verlassen mit viel Freude an den großartigen Schauspielern, die dieses überschaubar abwechslungsreiche Stück in einen kurzweiligen Abend verwandeln, schrecklich amüsiert das Theater. Ihnen wird vielleicht bewusst, dass Ehen und Boxkämpfe immer mit einem Ring beginnen und oft mit einem K. o. enden. Nur selten lachen Betroffene allerdings so wie in dieser Inszenierung. Drum prüfe, wer sich ewig bindet.

Die nächsten Aufführungen am 5., 7. und 21. Oktober sind bereits ausverkauft. Eventuell gibt es noch Karten an der Abendkasse. Der Kartenvorverkauf für den November im Deutschen Theater Berlin beginnt am 10. Oktober.

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