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Zum 100. Geburtstag von Friedrich Dürrenmatt: Zur Welt kommen

  • Berühmt geworden ist der Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt durch sein Drama „Der Besuch der alten Dame“.
  • Heute, ­100 Jahre nach seiner Geburt, gilt er vielen als ein Autor von gestern.
  • Dabei werden die politische Kraft und die Aktualität seiner Texte verkannt.
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Die einen müssen raus in die Welt. Sie wollen alles durch eigene Anschauung erfahren, das Leben für sich erobern. Die anderen bleiben zu Hause, holen die Welt in ihre Gedanken, beschäftigen sich in ihrem Innern mit dem Draußen. Der US-Schriftsteller Paul Auster hat es so ausgedrückt: „Die Welt ist in meinem Kopf. Mein Körper ist in der Welt.“

Friedrich Dürrenmatt war solch ein Mensch, den es nicht oft in die Welt hinauszog, in dessen Geist sich aber ein ganzer Kosmos auftat. Schon früh wurde ihm klar, dass etwa der Ort Konolfingen, in dem der Schriftsteller vor 100 Jahren am 5. Januar 1921 geboren wurde, und seine dortigen Beobachtungen, Erfahrungen und Erlebnisse nicht alles sein können.

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„Ein Dorf ist nicht die Welt“, schrieb er später in seinem Erinnerungstext „Dokument“. Und: „Das Dorf wird von der Welt bestimmt, in Ruhe gelassen, vergessen oder vernichtet, nicht umgekehrt.“ So beschäftigte sich der Schweizer schon früh mit den Dingen jenseits des eigenen und des dörflichen Horizonts. Er begann, die Konstellationen der Sterne, die über den Wäldern des Dorfes standen, zu zeichnen. Er war einer der Jungen, die auf dem Bahnsteig saßen und den Zügen hinterherschauten. Und er entdeckte die Welt der Überlieferung mit David und Goliath, Herkules und Theseus, dem Trojanischen Krieg und vielem mehr. All das gehörte für ihn zum „wilden Draußen“. Dies alles führte dazu, dass Dürrenmatt in Konolfingen im wahrsten Sinne zur Welt kam.

„Der Besuch der alten Dame“

Als Schriftsteller, als der er sich seit Mitte der Vierzigerjahre verstand, machte er es sich zur Aufgabe, „die Welt, die ich nicht zu erleben vermochte, wenigstens zu erdenken, der Welt Welten entgegenzusetzen“. Heute kennen wir diese Welten allen voran aus dem Drama „Der Besuch der alten Dame“. Das Stück, in dem die Multimillionärin Claire Zachanassian in ihre Heimatstadt Güllen zurückkehrt, um eine Jugendsünde ihres ehemaligen Geliebten Alfred Ill zu rächen, und in dem sie mit viel Geld die Dorfbewohner dazu bringt, zu Racheengeln zu werden, hat Dürrenmatt 1956 internationalen Ruhm und finanzielle Unabhängigkeit beschert.

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Auch „Die Physiker“ gehören heute noch zu Dürrenmatts häufig gespielten Stücken. Doch bevor dieser mit seinen Grotesken und Tragikomödien zu Ruhm kam, wurde ihm bewusst, was Scheitern heißt. Sein erstes Stück „Es steht geschrieben“ wurde zum Theaterskandal. Den „Turmbau zu Babel“, an dem er ein ganzes Jahr arbeitete, warf er frustriert in den Ofen. Eines seiner noch heute erfolgreichsten Bücher, der Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“, entstand aus reiner Geldnot.

„Wenn man genauer hinschaut, erkennt man hinter der Leuchtspur der großen Erfolge auch Katastrophen und Niederlagen, gescheiterte Theater- und Romanprojekte. Dürrenmatts internationale Erfolge reduzieren sich auf die Produktion eines Jahrzehnts, von circa 1952 bis 1962, als der Autor gerade vierzig geworden war“, schreibt Ulrich Weber in seiner jüngst erschienenen umfassenden Biografie des Dichters (Diogenes, 713 Seiten, 28 Euro). „Vieles, was danach entstand und ihm selbst wichtiger war als seine bekanntesten Werke, wurde von der Kritik zunehmend skeptisch beurteilt und phasenweise kaum mehr wahrgenommen.“

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Kein Schriftsteller, sondern ein Schlachtfeld

Immer mehr Fragmente stapelten sich, immer mehr wurde Dürrenmatts Satz, er sei kein Schriftsteller, sondern ein Schlachtfeld, Realität. Doch der „barocke Dichterfürst, der auf seinem Anwesen oberhalb von Neuchâtel großzügig Hof hielt“ (Ulrich Weber), fand eine neu- und großartige Form, diese Ideen und Fragmente, diese Arbeiten, Niederlagen, Erinnerungen und Reflexionen in seinem autobiografischen Spätwerk „Stoffe“ zum Mittelpunkt seines Schaffens werden zu lassen. Auszüge sind in der gerade neu aufgelegten 37-bändigen Diogenes-Werkausgabe nachzulesen. Ende April soll im selben Verlag eine ausführliche mehr als 2000 Seiten starke Ausgabe der „Stoffe“ erscheinen. Dürrenmatts Monumentalwerk mit mehr als 30. 000 Manuskriptseiten ist auch die literarische Transformation seines Scheiterns in ein großes Gelingen.

Darin zu finden ist auch die wunderbare Idee aus dem „Turmbau zu Babel“: Nachdem der Turm immer höher gebaut wurde, erreicht der babylonische König Nebukadnezar als Einziger den Himmel, wo er Gott, den „Schöpfer dieser unsinnigen Welt“ töten will. Doch hoch oben entdeckt er nur einen Mann, der „mit einem Besen einige Atome“ zusammenkehrt. Auf die Frage Nebukadnezars, wer er sei, antwortet der Mann: „Dein Vorgänger.“ Dieser, so erklärt er dem wütenden König, habe ebenfalls einmal den Versuch unternommen, den Himmel zu erobern. Dann drückt er Nebukadnezar den Besen in die Hand und verschwindet.

Diese grotesken Wendungen, dieser wunderbar hintersinnige Humor ist zum Markenzeichen Dürrenmatts geworden. So wollte der Schweizer zeigen, wie die Welt wirklich ist. Doch er blieb nicht beim Komischen stehen. „Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat“, schrieb der Dichter in seinen „21 Punkten zu den ‚Physikern’“. Die Komödie wendet sich dann ins Tragische, das Lachen bleibt einem im Halse stecken.

Die vermeintlich leichte Art zu schreiben, sein persönlicher Witz, seine Gemütlichkeit haben zum Irrglauben geführt, Dürrenmatt sei eher der bedächtige Schriftstelleronkel, während sein Schweizer Freund und Widersacher Max Frisch der scharfe politische Geist sei. „Man hielt ihn für einen Clown, weil er einen Clown gespielt hat“, schrieb der Literaturkritiker Hans Mayer über Dürrenmatt. „Dabei ist er einer der tiefsten Denker und einer der klügsten politischen Schriftsteller.“

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Literatur war für Dürrenmatt kein Selbstzweck

Seine satirisch-anklagende Havel-Rede in seinem Todesjahr 1990, in der er die Schweiz als Gefängnis bezeichnete, zeigt das ebenso wie sein Frühwerk „Der Verdacht“, in dem Dürrenmatt als einer der ersten Schriftsteller die Shoah in einem literarischen Werk thematisiert. „Der Besuch der alten Dame“ bleibt bis heute eine hochaktuelle Auseinandersetzung mit den Grenzen von Moral. In „Frank der Fünfte“ geht es um den entfesselten Kapitalismus. Auch ein Satz wie „Das Paradies genügte, um Adam und Eva zu ernähren, zur Erhaltung von Milliarden scheint die Hölle nötig zu sein“ hat leider von seiner Aktualität nichts verloren. Unfassbar prophetisch liest sich in diesen Tagen die 1994 postum erschienene Erzählung „Die Virusepidemie in Südafrika“, die sowohl die Corona-Krise als auch die Rassismusdebatte des Jahres 2020 vorwegnimmt.

Literatur war dabei für Dürrenmatt kein Selbstzweck. „Sie ist in ihrer Gesamtheit das Gewissen der Menschheit, eine ihrer Dokumentationen“, schreibt er. Und: „Die Menschheit spiegelt sich in der Literatur, muss sich in ihr spiegeln, um nicht zu erblinden. Wagen wir den Blick in diesen Spiegel.“

Auch wenn so mancher Stoff heute veraltet ist, lohnt es sich, Dürrenmatt wieder und weiter zu lesen. Allerdings wird man ihm nicht gerecht, wenn man ihn bloß als „Säulenheiligen der Schweiz“ ansieht. Man solle nicht den Fehler begehen, aus Schriftstellern wie Taras Schew­tschenko oder Shakespeare Götter zu machen, schrieb Dürrenmatt 1964 in seiner „Verhinderten Rede von Kiew“. „Machen wir aus ihnen Menschen – auch in der Literatur darf es keinen Personenkult geben.“

Das gilt heute auch für Dürrenmatt. Es lohnt sich, aus dem Säulenheiligen wieder einen aktuell zu lesenden Schriftsteller und einen Menschen zu machen. Es ist ein Gewinn, sich dem Schweizer mit Ulrich Webers kluger Biografie anzunähern. Auch Filme wie „Es geschah am helllichten Tag“ mit Gert Fröbe und Heinz Rühmann oder „The Pledge“ (nach „Das Versprechen“) mit Jack Nicholson öffnen Türen zu Dürrenmatt. Und nicht zuletzt bereitet es Freude, sich mit seinen Werken kritisch und intensiv auseinanderzusetzen. Zumindest sollte man es versuchen. Scheitern, das wissen wir spätestens seit Dürrenmatt, ist erlaubt.

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