Die mit den schönsten Haaren

  • Man hört ihnen die Achtziger an.
  • Warum auch nicht? Duran Duran klingen trotzdem fit für die Zukunft.
  • Nick Rhodes und John Taylor erzählen, wie sie das schaffen.
|
Anzeige
Anzeige

London. Was Fans alles einfällt, wenn ihre Band einen neuen Song im Fernsehen präsentiert: „Ich erinnere mich daran, dass Prinzessin Diana sagte, dies sei ihre Lieblingsband“, „40 Jahre pure Perfektion!“, „Wären wir in den Achtzigern, wäre dies ein Top-Ten-Hit“, „Oh Nick, du bist immer noch ein toller, kleiner Freak.“

Eine ziemlich gute Zusammenfassung, oder?

Nick Rhodes, der tolle, kleine Freak und Keyboarder von Duran Duran, ist wirklich erfreut darüber, dass „Invisible“, die Single mit dem Hauch Prince, für einen Hit gehalten wird. „Ich bin froh, wenn das jemand sagt – das empfinde ich heute noch genauso wie früher.“ Der 59-Jährige blickt beim Interview sein Gegenüber wie erwartet aus Kajalaugen an. Man erkennt sofort den Bowie-Bewunderer. Bassist John Taylor winkt dagegen ab: „Oh, mein Gott“, sagt der 61-Jährige. „Ich bin selbstbewusst genug. Ich lese solche Kommentare nicht.“

Anzeige

Die Wild-Boys-Jahre liegen lange zurück

Das Youtube-Video vom Auftritt in der „Tonight Show“ im US-Fernsehen wurde bisher mehr als 132.000-mal geklickt. Das erscheint nach Swift-Sheeran-Maßstäben wenig. Doch die britischen Teenieschwarmveteranen können damit zufrieden sein. Sie haben es mit ihrem Wave-Pop bis ins Jetzt geschafft. Ihre Wild-Boys-Jahre liegen lange zurück.

Als Duran Duran 2012 zuletzt in Deutschland tourten, traten sie unter anderem im relativ kleinen Haus Auensee in Leipzig auf. Das hatte Dorfgemeinschaftshausfeeling. Dass sie es nun mit ihrem 15. Album „Future Past“ hierzulande auf Platz acht schafften, ist bemerkenswert. Es ist ihre höchste Platzierung in den deutschen Albumcharts überhaupt. Selbst mit „Seven and the Ragged Tiger“, ihrem Superalbum, gelang ihnen das damals nicht.

Anzeige
Posterboys: Simon Le Bon (von oben links im Uhrzeigersinn), John Taylor, Roger Taylor, Nick Rhodes und Andy Taylor 1980. © Quelle: imago images/United Archives International

„Kitschiges Pappmaché“, urteilte der englische „New Musical Express“ früher. „Die Band, zu der man tanzt, wenn die Bombe fällt“, sagte hingegen Sänger Simon Le Bon. „Sex Pistols meets Chic“, fand John Taylor. Die mit den schönsten Haaren waren sie auf jeden Fall.

Anzeige

„Across the World on Radio for any­one to hear“, heißt es im neuen Song „Anniversary“. Damals, in den Achtzigern, gehörten Duran Duran zu den Kings of Radio-Pop. Die Musiker mischten überall mit, inklusive Band Aid und Bond-Song. Mit „Too Shy“ von Kajagoogoo landete Rhodes sogar einen Hit als Produzent.

Perfekt geföhnter Pop

An die pastellfarbenen Posterboys, die sie im „Rio“-Video verkörperten, scheinen sie nicht gern erinnert zu werden. Sie sehen sich lieber als zukunftsorientierte Art-Rock-Klassiker mit Lust auf Tanzen und Freude am Experiment. Doch perfekt geföhnten Pop machen sie noch immer, auch, wenn sie sich wie jetzt für das Stück „More Joy!“ mit der jungen japanischen Frauen-Indiediscoband Chai zusammentun.

Anzeige

Wir sprechen lange über die Songtexte, die weitestgehend Le Bon verfasst. Taylor beschreibt den Sänger als einen Künstler, der keine Angst davor hat, sich zu offenbaren und dadurch verletzlich zu zeigen. „Er ist der Emotionalste von uns.“ Wie sollte ein perfekter Duran-Duran-Song sein? „Man muss etwas offen lassen, damit der Hörer eine eigene Verbindung herstellen und die Geschichte selbst vollenden kann“, sagt er. Das funktioniere über mehrdeutige, bisweilen abstrakte Zeilen und über Metaphern. In „Hungry like a Wolf“ etwa, ihrem Hit von 1982, reimt Le Bon „I smell like I sound, I‘m lost and I‘m found“. Er nutzt gern die Cut-up-Methode des amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs, die auch David Bowie liebte, also das Zerschneiden und neu Zusammenfügen eines Textes. Manchmal fragten sich die Kollegen deshalb: „Worum geht es hier eigentlich?“

In „Invisible“ beschreibt Le Bon das Gefühl, in einer Liebesbeziehung unsichtbar zu sein. „Egal, was man tut oder was man sagt, man ist nicht in der Lage, die Aufmerksamkeit seiner Partnerin oder seines Partners zu bekommen“, erklärt Taylor. Für Rhodes hingegen geht es in dem Song um eine Welt, in der die Leisen nicht mehr gehört werden und sich verloren fühlen. „Es gibt so viel Lärm da draußen“, sagt er. „Die stumme Masse wird nicht aufgeben, wenn sich der Himmel rot färbt“, singt Le Bon mit ewig junger Husky-Stimme.

„Invisible“ könnte aber auch ein Song über das Älterwerden sein. Fühlt man sich als Popstar um die 60 unsichtbar oder mehr und mehr abgekoppelt? Wie bleibt man relevant? Indem man sein Ding auch während der Durststrecke durchzieht und trotzdem in Dorfgemeinschaftssälen spielt? „Jeder von uns kennt diese inneren Stimmen, die sagen: Du bist zu alt. Du weißt nicht mehr, was du tust. Du bist nicht mehr auf dem Laufenden. Wen interessiert es noch, was du denkst? All diese Stimmen“, antwortet Taylor. „Unsere Aufgabe als Künstler ist es, gegen diese Stimmen anzukämpfen und die beste Musik zu produzieren, die wir produzieren können. Darauf sind wir gewissermaßen programmiert.“

„Die Welt schien damals sehr düster zu sein“

Mit 19, erzählt er, habe er neben Bowie nur Musik von annähernd Gleichaltrigen gehört. Heute faszinierten ihn vor allem Künstler, die schon in den Sechziger- und Siebzigerjahren aktiv waren. „Ich höre mir nicht wirklich viel von 18-Jährigen an. Weil es einfach ist, interessant zu sein, wenn man 18 ist. Es ist viel schwieriger, diese Energie aufrechtzuerhalten und noch mit 60 oder 70 in der Lage zu sein, etwas von Interesse zu produzieren.“ Bob Dylans epische Single „Murder Most Foul“ aus dem vergangenen Jahr nennt er als ein gutes Beispiel dafür und den Song „Living in a Ghost Town“, mit dem die Rolling Stones als eine der ersten Bands das Eingesperrtsein im Lockdown kommentierten.

Anzeige

Rhodes und seine Duran-Duran-Freunde wuchsen in der englischen Industriestadt Birmingham auf. Eine beängstigend hohe Inflation und viele Streiks belasteten in den Siebzigern ganz England. „Die Welt schien damals sehr düster zu sein“, sagt der Keyboarder. Duran Duran war für ihn das Vehikel, um einen Ausweg aus diesem Grau zu suchen. „Deshalb machten wir damals diese optimistische und aufmunternde Musik. Wir hatten ein großes Verlangen danach, dort herauszukommen.“

Rhodes hatte Andy Warhol und das Empire Star Building, das ganze ferne Glitzern, bis dahin nur auf Bildern gesehen. Schon bald sollte er den New Yorker Künstler tatsächlich kennenlernen. Genauso Bowie, den kreativsten und einflussreichsten Musiker seiner Generation, wie er sagt. „Jedes Bowie-Album in den Siebzigern war eine Überraschung.“ Duran Duran wollten genauso mutig sein wie ihr Idol, sie wollten raus und weit reisen, Space-Oddity-mäßig. Mit 15 habe er sein Zimmer mit Bowie-Postern tapeziert, erzählt Rhodes. „Als ich 19 oder 20 war, waren wir befreundet.“

Flüchten sich Duran Duran mithilfe ihrer Musik auch heute noch ins Bunte? Welche Art Grau will die Band, die mehr als 100 Millionen Alben verkauft hat, im Jahr 2021 hinter sich lassen? Die Welt könne einem bisweilen ziemlich trist vorkommen, sagt Rhodes, gerade jetzt in der Pandemie. „Wir desinfizieren uns die ganze Zeit, wir treffen nicht mehr so viele Freunde, wir machen alles auf Zoom.“ Musik sei für ihn bis heute eine Art Transporter, der ihn an einen anderen Ort bringen kann. Manchmal setze er einfach seine Kopfhörer auf, „um die nächsten 50 Minuten nichts mit dieser Welt zu tun haben“.

Fluchtvehikel Popmusik

Zur grauen Realität gehören wohl auch die Paparazzi. „Duran-Duran-Star Simon Le Bon und Model-Ehefrau Yasmin erhalten die Erlaubnis, ihr Zehn-Betten-Haus zu erweitern – weil ihre Töchter sich weigern, auszuziehen“, titelte im August die „Daily Mail“. Für die englischen Tratsch- und Trashorgane ist die Band offensichtlich bis heute ein Thema, um Auflage zu machen oder Klicks zu generieren. Man findet auch aktuelle Fotos, die den 63-jährigen Sänger in den Ferien zeigen: in einem Poloshirt, das gelinde gesagt ziemlich aufträgt. Rhodes wurde zuletzt in einem Restaurant beim Essen ähnlich unvorteilhaft fotografiert, mit vollem Mund.

Viel lieber erzählt der Keyboarder folgende Geschichte, um den Stellenwert seiner Band zu beschreiben. Er habe mal Leonardo DiCaprios Vater getroffen. „Ich bin Leos Vater, Leonardo DiCaprio“, stellte sich dieser vor. „Oh, schön, Sie kennenzulernen“, entgegnete Rhodes. Und der Vater: „Ich möchte mich bei Ihnen bedanken. Als Leo ein Kind war, habe ich Bandposter und anderes Merchandise verkauft. Damit konnte ich Leos Schule finanzieren. Und ihr Jungs wart immer die Beliebtesten von allen.“

  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen