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Steiner und Madlaina: „Es ist immer noch als Frau viel schwieriger, erfolgreich zu sein“

  • Mit ihren frischen, poetischen Texten haben die beiden Schweizerinnen Steiner & Madlaina bereits Festivals wie das Lollapalooza erobert.
  • Jetzt erscheint ihr neues Album.
  • Im Interview reden sie über feministische Musik, sprechen übers Weltretten – und verraten, ob Madlainas berühmter Bruder Faber ungebeten Tipps gibt.
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Guten Tag, Nora Steiner und Madlaina Pollina. Die nächste Staffel von „Germany’s Next Topmodel“ ist gerade angelaufen. Schauen Sie sich die Sendung an?

Madlaina Pollina: Gibt’s die immer noch? Früher haben wir das häufiger geschaut. Aber mit den Jahren wird es immer schwieriger, sich die Sendung anzusehen. Man kann es nicht mehr so lustig finden wie früher.

Warum nicht?

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Madlaina Pollina: Weil man heute ein bisschen mehr weiß, was okay ist und was nicht.

Nora Steiner: Diese Mädchen werden in diese Zickenkriege verwickelt und häufig als dumm dargestellt.

Ist auch das Frauenbild, das vermittelt wird, ein Problem?

Nora Steiner: Natürlich, auf jeden Fall. Und ich finde, es löst das Pro­blem dann auch nicht mehr, wenn Heidi Klum ein Transgendermodel aufnimmt. So wichtig es auch ist, dass dies geschieht.

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„Die allgemeinen Rollenverteilungen haben eine lange Geschichte“

Sie treten als Singer-Songwriterinnen-Duo schon seit einigen Jahren auf. Auf Ihrem neuen Album singen Sie nun: „Wenn ich ein Junge wäre, würde man mir mehr zutrauen? / Wer bestimmt das Rollenbild der Frauen?“ Haben Sie eine Antwort auf die Frage, wer das Rollenbild der Frauen bestimmt?

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Nora Steiner: Da hat die Gesellschaft einen sehr großen Einfluss. Und das heißt: wir alle.

Madlaina Pollina: Bis zu einem gewissen Punkt sind wir es alle gemeinsam, das stimmt. Aber die allgemeinen Rollenverteilungen, also wer wie zu sein hat, haben schon eine lange Geschichte. Und obwohl sie so alt sind, nehmen sie immer noch sehr viel Einfluss auf uns heute. Wenn wir zurückschauen, etwa auf die Bedeutung der Kirche, haben diese Rollenbilder fast ausschließlich Männer geprägt. Aber seitdem hat sich ja einiges gewandelt. Und deshalb tragen wir jetzt auch alle eine Verantwortung dafür.

Das eben zitierte Lied heißt „Wenn ich ein Junge wäre“. Was wäre denn, wenn Sie ein Junge wären?

Madlaina Pollina: Das können wir uns ja nur vorstellen.

Nora Steiner: Nicht nur. Was wir wissen können: Im Alltag würden wir sicherlich nicht ständig angehupt, angepfiffen, angemacht werden, das ist ziemlich sicher. Und beruflich würde es bedeuten, dass man uns ernster nimmt. Dass uns viele Dinge ganz normal zugetraut werden. Dass man, um ernst und wahrgenommen zu werden, nicht ständig laut werden muss. Und wenn man mal laut wird als Frau, dass man dann nicht gleich als Diva gilt.

Madlaina Pollina: Was ich bei dem Song wichtig finde: Wir meinen damit ja nicht, dass wir Männer sein wollen. Sondern dass wir idealerweise die Überlegung, was wäre, wenn ich ein Junge wäre, gar nicht mehr anstellen müssen. Dass wir also nicht Männer sein müssen, um den Erwartungen an uns gerecht zu werden.

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Gibt es denn Beispiele dafür, dass es Männer in Ihrem Beruf leichter haben als Sie?

Madlaina Pollina: Ja, eindeutig fehlt oft das Zutrauen, von dem Nora eben sprach. Wir müssen sehr oft beweisen, dass wir wirklich unsere Texte selbst schreiben, dass wir das wirklich können. Wir müssen beweisen, dass wir unser Instrument wirklich beherrschen. Und dass wir wissen, wie laut wir den Amplifier aufreißen wollen und wie die Technik funktioniert. Wir müssen uns ständig erklären, und das ist anstrengend.

Nora Steiner: Wir haben neulich eine Rede von Taylor Swift gehört, in der sie über Frauen im Musikbusiness spricht. Taylor Swift ist eine Frau, die so viel erreicht hat. Und trotzdem muss sie sich gegen Zweifel wehren. Wenn man als Frau Erfolg hat, und wenn man weiß, was man will, wird man oft negativ eingestuft. Dann ist man eine Emanze.

Madlaina Pollina: Das Wort habe ich ja schon lange nicht mehr gehört.

Nora Steiner: Es ist immer noch als Frau viel schwieriger, erfolgreich zu sein. Es schwingt häufig immer noch ein bisschen mit, dass es die eigentliche Aufgabe der Frau ist, Kinder zu bekommen und den Haushalt zu schmeißen. Ich glaube, es schwirrt immer noch in den Köpfen vieler Menschen, dass die biologische Aufgabe der Frau etwas anderes ist als ihre Selbstverwirklichung.

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Verstehen Sie sich als feministische Band, als Band mit feministischen Texten?

Nora Steiner: Ja, das sind wir.

Madlaina Pollina: Wir sind nicht nur das, wir machen auch noch andere Sachen. Aber wir haben mit unserer Band und all den Menschen, die mit uns zusammenarbeiten, geklärt, dass wir alle Feministen sind. (lacht)

Sie veröffentlichen Ihr Album in einer schwierigen Zeit. Das Coronavirus macht auch weiterhin Livekonzerte unmöglich. Wären Sie im Moment manchmal froh, nicht Musikerin geworden zu sein?

Madlaina Pollina: Nein, im Gegenteil. Ich merke gerade, dass ich genau das Richtige mache. Ich spüre es, weil mir die Konzerte so wahnsinnig fehlen und ich mich daran erinnere, wie schön es war, als wir noch spielen durften.

Nora Steiner: Da stimme ich dir zu 100 Prozent zu. 2019 haben wir so viele Konzerte gespielt. Man denkt dann oft, dass man müde ist, man hat so viele Leute um sich herum, das Essen ist schlecht. Und dann will man am liebsten Urlaub haben und woanders sein. Das ist dann abends, spätestens wenn das Konzert beginnt, wieder verflogen. Aber jetzt erst merke ich so richtig, dass das alles dazugehört und dass es genau das ist, was ich machen möchte.

Mit Alben verdient man als Musiker und Musikerin heute ja kaum noch Geld. Die viel wichtigere Einnahmequelle sind die Livekonzerte. Können Sie als Berufsmusikerinnen im Moment überhaupt überleben?

Nora Steiner: Das Gute ist, dass wir in der Schweiz leben. Da haben wir die Gagen, die uns jetzt durch den Lockdown weggebrochen sind, zu 80 Prozent entschädigt bekommen. Wir haben Glück, dass wir schon länger im Musikbusiness sind. Wenn das unser erstes Album wäre, wäre die Situation sicherlich eine andere. Aber so müssen wir nicht hungern.

Steiner (l.) und Madlaina. © Quelle: Tim Wettstein

„Uns geht es eigentlich ganz gut“

Das Bild des leidenden Künstlers, das Sie in Ihrem Song „Klischee“ zeichnen, trifft also nicht auf Sie zu?

Madlaina Pollina: Auf gewissen Ebenen natürlich schon. Wir sind natürlich immer leidende Künstler, egal ob wir Geld haben oder nicht. (lacht) Aber wir müssen ehrlich sein: Uns geht es eigentlich ganz gut.

Nora Steiner: Wir hatten allerdings auch schon Phasen, in den wir uns mit sehr, sehr wenig Geld durchschlängeln mussten und uns nur noch von Pasta und Reis ernährt haben. Bis das irgendwann meine Eltern mitbekommen haben und sie mit mehreren Einkaufstüten vor der Tür standen. Mit Essen ...

Madlaina Pollina: ... und Wein.

Nora Steiner: Ja, sie waren der Meinung, Wein gehört zum Leben dazu.

Madlaina, Ihr Bruder Julian, besser bekannt als Faber, ist auch Musiker. Ihr Vater Pippo Pollina ebenfalls. Reden die zwei Ihnen beiden auch mal rein?

Madlaina Pollina: Nein, mein Gott, nein. Reinreden, das wäre nicht schön. Das machen sie überhaupt nicht. Aber wenn Nora und ich nach einem Tipp fragen, dann hören sie zu und geben uns einen Rat. Das schon.

Nora, kommen Sie auch aus einer musikalischen Familie? Oder wie hat Ihre Karriere angefangen?

Nora Steiner: Eher nicht. Meine Eltern sind beide Pädagogen. Aber sie lieben beide Musik, wir haben früher unglaublich viel CDs und LPs gehört. Meine Schwester macht auch Musik, Richtung Satire und Kabarett. Sie hat früh begonnen, Gitarre zu spielen, und war damit mein größtes Vorbild. Also habe ich auch damit angefangen. Später habe ich dann ein Gymnasium in Zürich besucht mit Schwerpunkt Musik und bildnerisches Gestalten. Dort habe ich dann Madlaina kennengelernt. So ging alles los mit uns beiden.

Warum kommt eigentlich immer wieder so viel gute Musik aus der Schweiz?

Madlaina Pollina: Ich finde auch, dass wir Schweizer im Moment eine richtig gute Phase haben. Und Österreich auch. Die beiden Länder legen gerade vor. Ich kann mir vorstellen, dass es unter anderem daran liegt, dass der Markt in Deutschland ein wenig einseitig geworden ist. Alles klingt irgendwie gleich. Und alles, was erfolgreich sein soll, soll genauso klingen wie all die Hits zuvor. Da fällt es schwer, sich frisch zu präsentieren. Bei uns in der Schweiz gibt es diesen Markt nicht in der Art. Deshalb ist man weniger von dieser Vorstellung eingenommen, wie man sein soll. Das wäre zumindest meine These.

Gute-Laune-Song mit Brodeln im Hintergrund

Der Opener des Albums, „Es geht mir gut“, kommt als Gute-Laune-Song daher. Aber im Hintergrund, das spürt man beim Hören förmlich, brodelt es. Es kulminiert in der Zeile: „Wenn wir alle Lust drauf hätten, / könnten wir die Welt noch retten.“ Müssen wir alle nur aus unserer Gemütlichkeit aufwachen, um die Welt zu retten?

Nora Steiner: Ja! Jetzt haben Sie es eigentlich schon auf den Punkt gebracht. In dem Song steckt aber auch eine verdeckte Liebesgeschichte über ein Paar, das einfach nur an sich und seine Liebe und nicht an den Rest der Welt denken will. Es ist halt ungemütlich, etwas zu tun.

Was müssen wir denn genau retten?

Nora Steiner: Oh, sehr viel. Bei „Es geht mir gut“ etwa schwingt subtil die Klimakrise mit – mit Zeilen wie „Zu faul für jegliche Debatten / Bleib ich bei vierzig Grad im Schatten“. Vierzig Grad in Zürich sind dann doch eindeutig ein bisschen zu viel. Die Klimakrise ist ein großes Thema, das im Moment komplett außer Acht gelassen wird. Aber das Klima sagt ja nicht: Oh, ihr müsst euch jetzt um Corona kümmern, dann warte ich mit der Krise mal noch ein paar Jahre.

Fühlen Sie sich Ihrer Jugend und Ihrer jungen Jahre beraubt ob der ganzen Probleme wie Klimakrise und Pandemie?

Madlaina Pollina: Das würde ich nicht sagen. Es gab ja auch früher Probleme, und viele Krisen, die es vielleicht in den Siebzigerjahren gab, sind heute erledigt. Was aber sicherlich einen großen Unterschied macht, ist die Vernetzung über das Internet. Wir wissen heute sehr schnell sehr viel. Jeden Tag bekommen wir immer wieder neue Infos aus der ganzen Welt. Und diese Infos können wir jederzeit abrufen. So wird es mehr und mehr zum Alltag, dass man sich Sorgen macht oder ein schlechtes Gewissen hat.

Wie politisch sollte Musik sein?

Madlaina Pollina: Musik muss überhaupt nicht politisch sein. Wenn der Mensch, der die Musik macht, nicht politisch ist, dann soll er es sein lassen. Aber wenn ein Musiker, eine Musikerin eine Meinung hat, sollten sie sie nicht zurückhalten. Diese Meinung zurückzuhalten aus Angst, sein Publikum zu verlieren, fände ich jedenfalls eine sehr schwache Haltung.

Wie wichtig sind Ihnen Ihre Texte im Vergleich zur Musik?

Madlaina Pollina: Wir sind beide Songwriterinnen. Deshalb beginnt sehr vieles mit dem Text. Ich entscheide für mich, ob ich einen Songtext gut finde und ob ich ihn der Band zeigen will, in den ersten Zeilen. Deshalb ist er unfassbar wichtig. Wenn es dann an die Musik geht, bin ich froh, dass wir jetzt eine Band gefunden haben, der ich sehr vertraue. Natürlich ist es auch wichtig, dass der Song gut klingt und dass die Musik gut das transportiert, was ich sagen wollte.

Haben Sie literarische Vorbilder? Sie verweisen etwa in einem Song mal ganz nebenbei auf Georg Büchner. Oder orientieren Sie sich eher an Musikbands?

Madlaina Pollina: Es gibt viele Vorbilder. Alles, was man liest, kann in Songs einfließen, alles kann inspirierend sein.

Nora Steiner: Ich mag „Leonce und Lena“ von Büchner sehr gern, deswegen zitieren wir das Stück. Aber wir lassen uns auch von klassischen Songwritern inspirieren: von Leonard Cohen natürlich, und auf Deutsch von Sven Regener.

Auch musikalisch ist das Album sehr vielfältig. Man merkt die Spiellaune der Band.

Nora Steiner: Auf jeden Fall. Aber weil wir vom Singer-Songwriting kommen, würde ich Madlaina noch einmal zustimmen, dass der Text für uns ein bisschen wichtiger ist als die Musik. Wir verwenden wahnsinnig viel Zeit auf das Texten und überdenken manche Zeile 100 000-mal. Aber ob dann dieser Akkord da steht oder doch jener, ist mir ehrlich gesagt ein bisschen egal.

Sprachvirtuosinnen aus der Schweiz

Alles begann auf einem Musikgymnasium in Zürich. Dort lernten sich Nora Steiner und Madlaina Pollina als Schülerinnen kennen. Zunächst spielten sie als Duo mit Gitarre und Klavier. Mittlerweile begleitet sie eine feste Band.

Vor zwei Jahren erschien das erste Album „Cheers“ unter anderem mit den wunderbaren Songs „Wenn du mir glaubst“ und „Das schöne Leben“. Während Steiner & Madlaina auf diesem Album auch englischsprachige Songs und ein Lied auf Schweizerdeutsch singen, finden sich auf ihrem am Freitag erschienenen, neuen Album „Wünsch mir Glück“ (Glitterhouse Records) ausschließlich Songs auf Hochdeutsch.

Das neue Album "Wünsch mir Glück" ist am 12. Februar erschienen. © Quelle: Tim Wettstein

Nora Steiner ist in einer Pädagogenfamilie groß geworden, Madlaina Pollina stammt aus einer berühmten Musikerfamilie. Ihr Vater ist der italienische Liedermacher Pippo Pollina, ihr Bruder Julian macht unter seinem Künstlernamen Faber Furore. Gemeinsam mit Sophie Hunger und Dino Brandão hat Faber vor Kurzem das fantastische Mundartalbum „Ich liebe Dich“ veröffentlicht.

Sowohl Nora Steiner als auch Madlaina Pollina schreiben Texte für die gemeinsamen Lieder und erweisen sich dabei als intelligente Sprachvirtuosinnen. Wenn das Coronavirus es zulässt, spielen Steiner & Madlaina im Sommer auf mehreren Festivals und gehen im November auf Tour, unter anderem in Hannover, Leipzig und Hamburg.

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