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Dok.Fest zeigt Filme über ermordete Studenten, Systemsprenger und eine bewegende Tanzperformance

  • Im vergangenen Jahr kamen mehr als 50.000 Besucher zum Dok.Fest nach München.
  • In diesem Jahr werden die Filme wegen der Coronakrise online gezeigt. Dabei sind wieder viele beeindruckende Dokumentarfilme.
  • Darunter ist der neue Film von Ai Weiwei und ein Wissenschaftler, der das Gehirn seiner todkranken Tochter einfrieren lässt.
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Mit einem bewegenden Auftaktfilm hat am Mittwochabend das diesjährige Dok.Fest München begonnen. Trotz der Coronakrise zeigt das Dokumentarfilmfestival 121 Filme – online natürlich. Es ist das erste Mal, dass das renommierte Festival auf diese Art und Weise stattfinden muss.

Zum Auftakt wurde nach der offiziellen Eröffnung, bei der unter anderem Festivalleiter Daniel Sponsel und die bayerische Staatsministerin für Digitales, Judith Gerlach, sprachen, der Film “The Euphoria of Being” der ungarischen Regisseurin Réka Szabó gezeigt. Darin probt die Auschwitz-Überlebende Eva Fahidi gemeinsam mit der jungen Tänzerin Emese Cuhorka eine Tanzperformance, die Fahidis Schicksal erzählen soll. Ihre Eltern und ihre elfjährige Schwester wurden im Konzentrationslager von ihr getrennt und ermordet. Sie sei sich sicher, Auschwitz nur überlebt zu haben, um davon zu erzählen, sagt die heute 93-Jährige in dem Film.

90-Jährige verarbeitet ihr Trauma Auschwitz mit einer Tanzperformance

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Während der Dreharbeiten war sie 90 Jahre alt, und es ist erstaunlich, mit welcher Energie, mit welcher Ausdauer, Beweglichkeit und mit welchem Mut sie sich in das Abenteuer Tanzperformance stürzt. Bilder voller Lebensfreude und Lebenslust mischen sich mit ihren dunklen und unfassbar traurigen Erinnerungen an die Zeit in und nach Auschwitz. Dazu kommen intensive und intime Momente während der Tanzszenen, ineinanderfließende Arme und Beine, das Miteinander von junger und alter Haut. Emese Cuhorka ist Eva Fahidi dabei eine geduldige Tanzpartnerin und eine aufmerksame Zuhörerin. Am Ende treten die beiden tatsächlich miteinander auf und zeigen eine bewegende Choreografie. Und das gemeinsame Verarbeiten von Fahidis Lebenstrauma war mit dem Film nicht zu Ende: Bevor Corona sie stoppte, waren die beiden in mehr als 70 Auftritten auf den Bühnen Europas zu sehen.

121 Filme kommen aus 42 Ländern

Das Festival läuft nun bis zum 24. Mai – und damit eine Woche länger, als der analoge Wettbewerb zu sehen gewesen wäre. Die 14 Preise werden trotz der Verlegung ins Netz verliehen, die drei Wettbewerbsreihen mit Dok-international, Dok-deutsch, Dok-Horizonte bleiben bestehen. Die 121 Filme kommen aus 42 Ländern. Darunter finden sich 21 Welt- und 69 Deutschland-Premieren. Einige ausgewählte Filme sind:

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“# Unfit. The Psychology of Donald Trump” (Regie: Don Portland / USA, 83 Minuten / Englisch) zeigt eine Reise ins Herz der Finsternis: Journalisten und Psychiater analysieren die Psyche von Donald Trump.

In “Vivos” (Regie: Ai Weiwei / Deutschland, 112 Minuten / Spanisch mit englischen Untertiteln) thematisiert Regisseur Ai Weiwei die furchtbaren Ereignisse im Mexiko des Jahres 2014. Im September des Jahres werden 49 mexikanische Studentinnen und Studenten von Polizeikräften und anderen maskierten Angreifern brutal angegriffen. Sechs von ihnen sterben, der Rest verschwindet spurlos, der Fall ist nach wie vor ungeklärt. “Mit meditativen, atemberaubenden Fotografien und intimen Interviews beschreibt der berühmte Künstler und Filmemacher Ai Weiwei die Geschichten der Opfer und ihrer Angehörigen”, verspricht die Ankündigung.

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In “Vivos” geht es um verschwundene und ermordete Studenten in Mexiko. © Quelle: Dok.Fest München

“Hope Frozen” (Regie: Pailin Wedel / Thailand, 76 Minuten / Englisch, Thai mit englischen Untertiteln) erzählt eine unglaubliche Geschichte: Die zweijährige Tochter eines thailändischen Wissenschaftlers ist todkrank. Er und seine Frau treffen eine Entscheidung: Sie lassen das Gehirn des Kindes in der Hoffnung einfrieren, dass es eines Tages wieder zum Leben erweckt werden kann.

In “Lost in Face” (Regie: Valentin Riedl / Deutschland, 81 Minuten) geht es um die Künstlerin Carlotta, die gesichtsblind ist. Das heißt, sie kann das Gesicht eines Menschen nicht vom Gesicht eines Schimpansen unterscheiden. Was bedeutet das für einen Menschen? Für ein Schulkind, das jeden Tag aufs Neue weder Mitschüler und Mitschülerinnen noch Lehrer und Lehrerinnen erkennt? Der Neurowissenschaftler Valentin Riedl nimmt uns in Carlottas Welt mit, in der Gesichter nicht vorkommen. Der Film gewann den Publikumspreis als bester Dokumentarfilm beim Filmfestival Max-Ophüls-Preis.

Was sieht, wer kein Gesicht erkennen kann? In “Lost Faces” geht es um eine gesichtsblinde Frau. © Quelle: Dok.Fest München

“Copper Notes of a Dream” (Regie: Reza Farahmand / Kanada, Iran, 90 Minuten / Arabisch mit englischen Untertiteln): Der zehnjährige Malook lebt mit seiner Schwester in einem Vorort von Damaskus, der im syrischen Bürgerkrieg völlig zerstört worden ist. Die Häuser sind zerbombt, und doch wachsen in Malook Hoffnungen und Träume heran: Er will Sänger werden und plant gemeinsam mit seiner Schwester ein Konzert mit professionellen Musikern. Um Geld dafür zu verdienen, ziehen sie und ihre Freunde die Kupferdrähte aus den Wänden der leerstehenden Gebäude. Der Film wurde mit dem Dokumentarfilmpreis der SOS Kinderdörfer weltweit ausgezeichnet.

In “Punks” (Regie: Maasja Ooms / Niederlande, 90 Minuten / Niederländisch mit englischen Untertiteln) geht es um verhaltensauffällige Jugendliche, die das System sprengen. Ihre Eltern sind mit den Nerven am Ende. Nun beginnt eine letzte Maßnahme: Auf einem abgelegenen Bauernhof in Frankreich müssen die Jugendlichen ihr Leben wieder in den Griff kriegen.

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Corona-Videotagebücher 24 Stunden lang kostenlos zu sehen

Ab Donnerstagabend, 21 Uhr, ist für 24 Stunden zudem kostenfrei der Film “Corona Diaries” zu sehen. Darin dokumentieren Menschen auf der ganzen Welt mit ihren Mobiltelefonen ihren Alltag unter der Pandemie: ein indischer Bauarbeiter, eine spanische Krankenschwester, ein chinesischer Rückkehrer, ein Fahrradkurier in New York, ein afghanisches Mädchen im Flüchtlingscamp Moria. Sie alle schreiben zusammen ein globales Videotagebuch während der bisherigen Hochphase der Pandemie von Mitte März bis Mitte April 2020.

“Corona Diaries”: Weltweit erzählen Menschen, wie sie mit dem Coronavirus umgehen. © Quelle: Dok.Fest München

Das vollständige Programm ist unter diesem Link zu finden. Dort können auch Tickets für die Filme gekauft werden. Einen Film anzusehen kostet 4,50 Euro (wer will, kann auch 5,50 Euro zahlen, in denen 1 Euro Solidaritätsbeitrag für Kinos enthalten ist). Der Festivalpass “All you can watch" (mit Kino-Spende von 3 Euro) kostet 50 Euro.

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