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Neuer Streit um gewaltverherrlichendes Video

documenta fifteen: Studie arbeitet Antisemitismusdebatte auf

Documenta-Mitarbeiter bauen das umstrittene Großbanner „People's Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz ab.

Documenta-Mitarbeiter bauen das umstrittene Großbanner „People's Justice“ des indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi auf dem Friedrichsplatz ab.

Ein Film, der als terroristische Propaganda verstanden wird – festgestellt von acht Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern. Kunstschaffende, die ihnen deshalb Rassismus und Zensur vorwerfen. Die Documenta Fifteen steht wieder einmal in den Schlagzeilen. Wieder geht es um antisemitische Kunstwerke. Wieder einmal wird die Debatte emotional geführt.

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Nach öffentlicher Kritik an dem propalästinensischen Film „Tokyo Reels“ begutachtete ein eigens für die Aufarbeitung der antisemitischen Vorfälle auf der Documenta eingesetzter wissenschaftlicher Beirat: Das Werk sei in der heutigen Bewertung, mit den Erzählerstimmen, als Aufruf zu Gewalt und terroristischer Propaganda zu sehen. Die Expertengruppe schlug in einem Zwischenbericht vor: Der Film solle nur gezeigt werden, wenn er „in einer Form kontextualisiert werden würde, die ihren Propagandacharakter verdeutlicht, ihre antisemitischen Elemente klar benennt und historische Fehldarstellungen korrigiert“.

Meron Mendel sieht „keine Grundlage für Diskussion“ mit Ruangrupa

Die Reaktion des Kollektivs Ruangrupa, das die künstlerische Leitung der Documenta Fifteen innehat, sowie weiteren Künstlerinnen und Künstlern: Sie werfen Kritikerinnen und Kritikern, wozu etwa das Internationale Auschwitz-Komitee und Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne) gehören, vor, dass sie selbst islamophob, trans- und queerfeindlich und rassistisch seien. Der hessische Antisemitismusbeauftragte, Uwe Becker, warnte in der „Bild“ sodann, dass das weitere Zeigen des Films in dieser Art „vorsätzlich die öffentliche Verbreitung von Terrorismusverherrlichung“ zulasse – was juristische Folgen haben könnte.

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„Wenn der Reflex ist, auf berechtigte Kritik sofort mit dem Rassismusvorwurf zu kommen, obwohl acht anerkannte Wissenschaftler diese Kritik bestätigen, dann gibt es keine Grundlage für eine Diskussion. Dann ist die Diskussionskultur ein Scherbenhaufen“, sagt Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Es gehöre zu den Aufgaben der Kuratoren, zu erläutern, in welchem Zusammenhang Werke zu verstehen seien.

Documenta-Berater legt Amt nach zwei Wochen nieder

Nachdem es bereits zuvor zu Kritik gekommen war, weil einige Werke auf der Kasseler Kunstschau als antisemitisch zu lesen waren, unter anderem das großflächige Bild „People‘s Justice“ des Künstlerkollektivs Taring Padi in Folge dessen gar abgehängt wurde, entbrannte eine Diskussion. Die Aufarbeitung zieht sich noch immer. Mendel wurde wenige Tage nach dem Taring-Padi-Eklat als Berater eingesetzt, kündigte diese Tätigkeit aber nach zwei Wochen.

Vor allem der damaligen Documenta-Generaldirektorin Sabine Schormann machte er Vorwürfe. „Sie hat auf Zeit gespielt“, sagt er auch dem RND. Er habe mehrere Ideen präsentiert, doch umgesetzt wurde zunächst nichts. Schormann trat auf öffentlichen und politischen Druck hin zurück, Alexander Farenholtz übernahm am 18. Juli die Geschäftsführung. „Mit ihm hat sich die Stimmung verändert“, sagt Mendel, „da ist mehr Bereitschaft da.“

Will nicht mehr mitmachen: Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank.

Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank, begleitet eine Studie, die die Antisemitismus-Vorfälle auf der Documenta Fifteen aufarbeiten soll.

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Studie soll Vorfälle der Documenta Fifteen aufarbeiten

Um die Vorfälle gänzlich aufzuklären, arbeiten die Bildungsstätte Anne Frank, das Documenta Institut sowie die Frankfurt University of Applied Science an einer gemeinsamen Studie. Seit Anfang des Monats werden Besucherinnen und Besucher genau wie Künstlerinnen und Künstler und weitere Personen, etwa Kunstexpertinnen und Kunstexperten auf der Documenta befragt.

Wir wollen herausfinden, wie darüber debattiert wurde, warum es so viel Sprengkraft hatte, wer die jeweiligen Lager sind.

Meron Mendel, Leiter der Bildungsstätte Anne Frank

Zudem wird die nationale und internationale Berichterstattung zur Documenta und den Antisemitismusvorwürfen ausgewertet. „Wir wollen herausfinden, wie darüber debattiert wurde, warum es so viel Sprengkraft hatte, wer die jeweiligen Lager sind“, sagt Mendel. Bis Ende 2023 sollen die Ergebnisse stehen, „wir haben viel Material und viel auszuwerten“, sagt er.

Antisemitismus auf der Documenta: Auch Publikum äußert sich judenfeindlich

Nach Schormanns Rückzug installierte die Bildungsstätte Anne Frank einen Infostand auf der Documenta – öffentlich zugänglich, also auch ohne Ticket zur Kunstschau aufsuchbar. Mit rund 1000 Menschen traten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in Kontakt, sprachen mit interessierten Menschen über die Grenzen der Kunstfreiheit, warum „People‘s Justice“ als antisemitisch zu lesen ist, wie man Antisemitismus erkennen könne. „Da wurden legitime Fragen diskutiert“, sagt Mendel.

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Doch die Menschen am Stand waren nicht nur Ansprechpartner – sondern auch Projektionsfläche für den Frust. Geschätzt rund 25 Prozent hätten Frust abgeladen und seien antisemitisch ausfällig geworden, sagt Mendel. „Wir hörten Dinge wie, dass die Bildungsstätte Anne Frank hier nichts zu suchen habe, dass Juden die Documenta kaputtmachen, dass das alles eine Medienkampagne ist, um von der Situation in Palästina abzulenken“, sagt Mendel.

Warum ist die Antisemitismus-Kunstdebatte so emotional?

Auch wenn Studien seit Jahren besagen, dass rund ein Drittel der Deutschen – meist eher unbewusst – antisemitisches Gedankengut haben, und er auf der Frankfurter Buchmesse im vergangenen Jahr Erfahrungen mit rechtsgerichteten Menschen machen musste, habe er nicht erwartet, dass Antisemitismus in einem „kulturoffenen, eher linksliberalen Bürgermilieu“ derart verortet sei.

Die Auswertungen der Ergebnisse am Infostand seien aber nicht repräsentativ, sagt Mendel. Deshalb habe er die Studie angeregt. „Wir haben punktuelle Diskussionen, ob bei Taring Padi oder jetzt bei ‚Tokyo Reels‘, aber wir wollen herausfinden, wie es grundsätzlich aussieht“, so Mendel. Erforscht werden soll dabei etwa, warum die Debatte so schnell so emotional geführt wurde. „Offenbar gibt es da eine identitätsstiftende Funktion.“ Spätestens nach dem offenen Brief, den Ruangrupa und andere Kunstschaffende geschrieben haben, sei klar, dass ein fundiertes Gutachten zu all den Vorfällen sinnvoll sei.

Premiere auf der Documenta: Ein Kunstwerk wird abgehängt

Die Documenta Fifteen dauert zwar noch bis Sonntag, 25. September, doch schon jetzt ist klar, dass es sich um die umstrittenste Documenta in der Geschichte handelt. Nie zuvor wurde ein Kunstwerk aufgrund der Diskriminierung und Beleidigung abgehängt. Mit „Tokyo Reels“ könnte nun zum zweiten Mal auf der gleichen Schau ein Kunstwerk entfernt werden – auch wenn sich die Verantwortlichen noch weigern.

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In Anlehnung an die Podiumsdiskussion „Antisemitismus in der Kunst“, die im Juli spontan auf der Documenta stattfand, wird es am 22. September eine Debatte zum Thema „Kunst und Kontext“ geben, organisiert von der Bildungsstätte Anne Frank. Die Künstlerin Hito Steyerl, die Autorin und Journalistin Nele Pollatschek, Julia Alfandari (Leitung Politische Bildung bei der Bildungsstätte Anne Frank) und Jehad Ahmad von der Palästinensischen Gemeinde in Hessen sprechen ab 20 Uhr in der Frankfurt University of Applied Science über den Kunst- und Kulturbetrieb zwischen Antisemitismuskritik und Postkolonialismus. Die Veranstaltung wird online übertragen.

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