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DJ-Legende Westbam: „Ich möchte nicht H. P. Baxx­ter sein“

  • Westbam hat den Anspruch, mit jedem Album etwas neues zu erschaffen.
  • Das unterscheidet ihn von Bands und Künstlern, die ihrem Erfolg dem immer gleichen Sound verdanken.
  • Tauschen möchte Westbam mit ihnen nicht, wie er im Interview verrät.
Steffen Rüth
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Westbam, wie sehr vermissen Sie das Nachtleben?

Ich hätte nie für möglich gehalten, dass ich einmal mehr als ein Jahr lang nicht auflegen würde. Seit mehr als 35 Jahren ist das nie passiert. Ich war immer nachtaktiv, und ich liebe das Nachtleben. Aber der größere Teil meines Schaffens hat immer schon im Studio stattgefunden – dieser Teil ist nach wie vor da. Meine DJ-Tätigkeit ist noch ein wenig im Dornröschenschlaf, doch sie wird daraus auch wieder erwachen, da habe ich keine Sorge.

Wird das neue Nachtleben anders aussehen als das alte?

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Es wird schon ein Neustart sein. Vor Corona war das Nachtleben aus meiner Sicht etwas auf dem absteigenden Ast, die Leute gingen lieber auf Riesenfestivals als in die kleinen Clubs in ihrer Stadt. Ich denke, das wird sich ändern. Ich bin auch überzeugt, dass die Freude am Ausgehen stärker zurückkommen wird, als sie es zuletzt war.

Auf Ihrem neuen Album spielt Ihre Heimatstadt Münster eine maßgebliche Rolle. Marian Gold von Alphaville und Henning Wehland von den ­H-Blockx, die jeweils einem der Songs ihre Stimme geben, stammen auch von dort.

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Das stimmt. Und Inga Humpe, die auf „Wasteland“ singt, kommt aus Hagen, auch nicht weit weg. Auf meinem vorigen Album „The Risky Sets!!!“ waren als Gäste echte Hip-Hop-Weltstars wie Drake, Kendrick Lamar oder Tyler The Creator dabei, nur hat das kaum jemand so richtig mitbekommen. Und superkompliziert war das auch alles. Die Kolleginnen und Kollegen auf diesem Album sind mir deutlich näher. Dieter Meier von Yello, die ich sehr verehre, ist sogar am selben Tag wie ich geboren, dem 4. März. Dieter ist exakt 20 Jahre älter als ich. Faszinierend.

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Das Album hat ein gemächliches Tempo, klingt mehr nach Pop als nach Techno. Sind die wilden Zeiten passé?

„Famous Last Songs Vol. 1“ ist mein Wanderschaftsalbum. Die Platte eignet sich besser zum Flanieren als zum Rennen, die Stücke sind überwiegend reflexiv und getragen.

Sind Sie selbst ein Flaneur?

Während ich an diesen Liedern gearbeitet habe, bin ich zu einem geworden. Meine App sagt, ich habe eine Million Schritte durch Berlin gemacht. Es kann eigentlich keinen Berliner geben, der mehr Straßen dieser Stadt kennt als ich. Ich bin jeden Tag mit der Bahn zu irgendeiner Endhaltestelle gefahren und von dort nach Hause gelaufen.

Wie eine Brieftaube?

Ja, genau so. Das Stadtwandern war mein Corona-Projekt, aber auch jetzt möchte ich es nicht mehr missen. Ich habe dabei an mir festgestellt, dass ich, der vermeintliche Nachtmensch, in Wirklichkeit ein Morgenspaziergänger bin.

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Wurde Ihnen die Lauferei nicht langweilig?

Im Gegenteil. Gehen ist das ultimative Menschsein. Ich kann dabei zum Beispiel super nachdenken. Ich werde den Rest meines Lebens damit weitermachen. Immer zehn Kilometer.

Haben diese Stadtwanderungen das neue Album stark beeinflusst?

Auf alle Fälle. Das Wandern war ein Inspirationsflash. Allein und in Bewegung entstanden die Welten in meinem Kopf, die dann zu Songs wurden. Auch als Musiker versuche ich, nicht immer auf denselben Wegen zu latschen, sondern manchmal bewusst ein bisschen von der Straße abzukommen. Das hat natürlich Vor- und Nachteile.

Welche sind das?

Mit jedem neuen Album muss ich erst wieder ein neues Publikum finden. Rammstein, Depeche Mode oder die Toten Hosen haben ihre Formel, an der sie höchstens ein bisschen herumschrauben. Wer diese Bands hört, muss keine Überraschungen fürchten. Aber mein Wunsch ist es eher, für die Leute spannend zu bleiben. Meine künstlerische Freiheit und Unabhängigkeit sind mir wichtiger als die Pflege meiner Marke. Ich bin keine Coca-Cola, die immer und überall genau gleich schmeckt.

Träumen Sie manchmal heimlich davon, mit den Coca-Cola-artigen Künstlern zu tauschen?

Tja, ich ziehe zum Beispiel meinen Hut vor dem Kunstwerk Scooter. Wenn ich seit 30 Jahren nonstop immer das Gleiche mache, verselbstständigt sich das irgendwann und bekommt so eine ganz eigene Stärke. Aber ich möchte nicht H. P. Baxx­ter sein, mit Blondschopf auf die Bühne springen und immer, immer wieder „Hyper, Hyper“ brüllen. Da fällt mir Avicii ein. Ich mochte seine Musik nicht, fand sie seelenlos, aber in seinem persönlichen Drama hat mich dieser Mensch sehr berührt. Wie schrecklich muss es sein, wenn dich alle feiern, doch du selbst bist so tief verzweifelt, dass du dich mit einer Glasscherbe vom Leben in den Tod beförderst?

Der DJ an sich galt lange als der neue Rockstar. Ist mit dem Suizid von Avicii an diesem Bild etwas zerbrochen?

Och, das denke ich nicht. Die Clubkultur ist alles andere als erledigt. Ich dürfte wohl einer der Wegbereiter dieser Entwicklung gewesen sein, dass sich Leute beim Tanzen dem DJ zuwenden. Insofern fühle ich mich einerseits als avantgardistischer Undergroundkünstler und andererseits als Urvater der Idee vom DJ, der zum Millionär wird. Mittlerweile gibt es ja Leute wie David Guetta, die verdienen eine Million pro Abend.

Neidisch?

Ach was. Der Superstar-DJ ist auf einem Niveau angekommen, das noch unterhalb des Kirmes-DJ am Autoscooter liegt. Alles ist genau eingetaktet und funktioniert auf Knopfdruck, irgendwann sagt er: „So, liebe Freunde, und hier kommt meine neue Single.“ Das ist nichts weiter als absurdes, unkreatives Theater. Ich verurteile das nicht. Sollen die Leute doch ruhig nach Ibiza fliegen in den vermeintlich coolsten Club mit der geilsten Lightshow. Das hat meinen Segen. Für mich aber war immer das Drama das Anziehende. Ich liebe Menschen wie James Brown, Diego Maradona oder Jim Morrison. Ich möchte das Leben sehen und keine abgeschliffene, langweilige Routine. Mein DJ-Set ist immer anders, immer individuell und persönlich. Zwei Plattenteller und ein Mischpult und ich selbst mittendrin – dieses Gefühl ist nach wie vor unschlagbar.

Die Genannten sind alle tot. Auch Ihnen war der Exzess nicht fremd. Hatten Sie Glück, überlebt zu haben?

Ich bin immer ein sehr lebensbejahender Mensch gewesen, und ja, ich hatte ein großes Stück vom Kuchen. Ich finde nicht toll, dass diese Künstler gestorben sind, sondern dass sie bis an den Rand ihrer Möglichkeiten gegangen sind – und darüber hinaus.

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