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Die zweite Welle: Die Aufarbeitung der Corona-Krise beginnt mit einer Flut von Büchern und Filmen

  • Die Corona-Krise ist noch gar nicht vorbei, da hat die gesellschaftliche Verarbeitung schon begonnen.
  • Vom Pixi-Buch bis zum Essayband, vom “Tagebuch aus Wuhan” bis zur Corona-Liebesschmonzette – Buchverlage, Film- und Fernsehmacher kennen nur noch ein Thema.
  • Mindestens 54 Buchprojekte zu Corona sind geplant. Brauchen wir das alles?
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Er stand im Fahrstuhl, und es war eng. Sehr eng. Auf seinem Smartphone las Mostafa Keshvari verstörende Nachrichten: In China sei ein seltsames Virus ausgebrochen, las der kanadische Filmemacher. Und hier, in Vancouver, bekämen asiatisch aussehende Menschen rassistische Anfeindungen zu spüren.

In Keshvari keimte ein düsterer Gedanke: Wenn jetzt einer von uns hier in diesem Aufzug das Virus in sich trüge, dann wär’s das.

Die zweite Welle rollt an: Die großen deutschen Verlage haben mindestens 54 Buchprojekte zum Thema Corona in der Planung. © Quelle: Frank Rumpenhorst/dpa
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Es war Januar. Aus der Idee wurde ein Drehbuch, aus dem Drehbuch ein beklemmendes Kammerspiel. Und nur wenige Wochen später, am 8. März, war der Film fertig. Der Titel “Corona: Fear Is a Virus”. Eine schwangere junge Frau, ein im Rollstuhl sitzender Nazi mit Hakenkreuztattoo auf der Stirn, ein Geschäftsmann und eine hustende Chinesin stecken in einem Aufzug fest. Das Licht geht aus. Panik breitet sich aus.

Der erste Spielfilm zur Corona-Krise

Keshvari kommt die Ehre zuteil, den ersten Spielfilm zur Corona-Krise gedreht zu haben – noch vor dem globalen Lockdown. “Es ist ein Film über Ängste, die real werden”, sagte er dem Magazin “The Hollywood Reporter”.

Doch der Low-Budget-Schnellschuss von Keshvari ist nur der Auftakt zu einer gewaltigen Flut von Büchern, Filmen, Serien, Sonderheften, die die Pandemie künstlerisch aufarbeiten und eine erste Bilanz ziehen. Sollte der Welt eine zweite Welle des Virus selbst erspart bleiben – der kulturelle zweite Dreh wird niemanden verschonen. Und rollt mit Macht heran. Allein die größten deutschen Verlage planen nach einer Umfrage des RedaktionsNetzwerks Deutschland (RND) für den Sommer und Herbst mindestens 54 Buchprojekte zum Thema Corona.

Nur: Sind wir nicht noch mittendrin? Jetzt schon mit der kulturellen Verarbeitung zu beginnen – ist das nicht, als schriebe man mit 17 Jahren seine Autobiografie? Aber die moderne Medienwelt verlangt nach immer zügigerer Instantanalyse. Der Reflexionszeitraum zwischen einem Weltereignis selbst und seiner gesellschaftlichen Aufarbeitung und Einordnung geht im digitalen Zeitalter gegen null. Parallel zum Strom der Nachrichten läuft ein kommentierender Dauerdiskurs. Und der gebiert massenhaft Corona-Werke in Echtzeit.

Sind die Wunden noch zu frisch?

Der erste deutsche Band, der Corona bilanzierte (“Neustart: 15 Lehren aus der Corona-Krise”), erschien bereits am 1. März. Da gab es hierzulande gerade 57 Infizierte und null Tote. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 brauchte Hollywood fünf Jahre bis zum ersten großen Kinofilm zum Thema: “United 93”.

Damals diskutierten die USA heftig, ob es angesichts der noch frischen Wunde moralisch zu rechtfertigen sei, gegen Geld das Leid der Opfer auszustellen. Und jetzt? Sind es kaum fünf Wochen. Schon Ende Juni will Actionspezialist Michael Bay (“Pearl Harbor”, “Transformers”) mit den Dreharbeiten zu “Songbird” beginnen.

Der Thriller spielt zwei Jahre in der Zukunft in den menschenleeren Straßen von Los Angeles: Das Virus ist noch da, der Lockdown gilt weiter, es geht um die Angst vor einer Regierungsverschwörung und um die wachsende Paranoia in der Bevölkerung.

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Corona – ein blendender Filmstoff

Und es ist ja auch ein blendender Filmstoff. Roland-Emmerich-Filme beginnen genauso wie die Corona-Krise damals, im Februar 2020, der sich so unendlich weit weg anfühlt.

Ein Nachrichtensprecher sagt, Frankreich habe alle Schulen geschlossen. Das Bild flackert. Schnitt. Die deutsche Kanzlerin blickt ernst und rät dazu, Kontakte zu vermeiden. Schnitt. Spielende Kinder im Kindergarten, eine Erzieherin hustet, Tröpfchen fliegen in Zeitlupe ins Licht der Sonne. Schnitt. Ein Pizzabäcker wuchtet Mehlsäcke aus dem Kofferraum seines Kombis in den Keller. Er blickt zum Himmel auf, als lauere dort das Böse. Schnitt. Kameraschwenk durch ein leeres Theater, ein Programmzettel flattert in den Gang. Schnitt. Unruhige Hunde in einem Zwinger bellen die Luft an. Hunde gehen immer. Schnitt. Zwei Forscher stehen im Labor, Reagenzgläser in den Händen, der eine blickt den anderen an, ein Schweißtropfen auf seiner Stirn fällt in eine Petrischale. Schnitt.

Größer als jede Nacherzählung

Mindestens fünf weitere Filmprojekte sind in Arbeit, darunter “Lockdown” von Regisseur Tom Hewitt (“Garfield – Der Film”) und das spleenig-schrille Trashgemetzel “Corona Zombies”, in dem ein mutiertes Virus aus einer chinesischen Fledermaussuppenfabrik Menschen in blutsaugende Untote verwandelt. Auch der Streamingdienst Amazon Prime Video rechnet mit großem Interesse an Corona-Stoffen. “Die Pandemie ist ein Moment der Zeitgeschichte, der alle betrifft”, sagt Sprecher Michael Ostermeier. “Es herrscht sicher ein großes Interesse beim Publikum, Themen im Umfeld der Krise über Film und Serie behandelt zu sehen”

Trash aus Hollywood: Der Horrorstreifen“Corona Zombies” will von der Aufmerksamkeit profitieren. © Quelle: Handout Full Moon Features
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Das Problem ist: Um mit der Realität mitzuhalten, muss die Fiktion übertreiben. Aber was, wenn die Realität bereits massiv übertreibt? Es ist das Trump-Paradoxon: Je absurder die Wirklichkeit, desto chancenloser die Parodie. Corona ist größer, als es jede Nacherzählung jemals sein könnte.

Kunst als “Vermittlerin des Unaussprechlichen”

Und doch braucht eine Gesellschaft eine kulturelle Katharsis, um die massiven Traumata und Veränderungen, die mit einer solchen Zäsur der Welt einhergehen, verarbeiten zu können. Kunst wirkt als “Vermittlerin des Unaussprechlichen” (Goethe), sie ist in ihren gelungenen Momenten sinnstiftend, und zwar nicht nur auf der Ebene der höheren Literatur. Sie erreicht seelische Schichten, die ihre Nahrung nicht im Alltäglichen finden. “Nur durch extreme Spiegel kann ein jeder sich im Verlorenen wiederfinden”, hat der Bildhauer Till David Trillsam mal gesagt.

“Ich glaube, dass sich vor allem die massiven Verwerfungen durch die wirtschaftlichen Folgen auf die Stoffe auswirken werden”, sagt Christian Granderath, Fernsehfilmchef beim NDR, “vielleicht mehr als die Krankheit selbst.”

Gehen jetzt auch Fernsehliebespaare auf Abstand?

Schon jetzt irritiert es als Zuschauer massiv, wenn sich die Protagonisten in älteren Produktionen umhalsen und küssen oder FBI-Ermittler sich durch Menschenmassen drängeln. Werden die Spielfilme und Serien der Zukunft also in einer Corona-Welt spielen? Werden “Tator”-Finsterlinge eher zum Revolver greifen als zum Messer, um beim Morden die Abstandsregeln einzuhalten? Gehen die wechselnden Turteltauben in der Seifenoper “Rote Rosen” auf Distanz? Klammerblues in Klarsichtfolie?

“Das wird eine echte Herausforderung”, sagt Granderath. Er setzte auf eine “Klaviatur von filmischen Tricks, die Nähe simulieren”. Im Kern aber wollten Zuschauer das sehen, wovon sie träumten. “Und sie träumen davon, in den Arm genommen und getröstet zu werden.”

Aber könnte es nicht auch sein, dass das Publikum in dem Moment, in dem das Virus seinen Klammergriff lockert, von dem alles beherrschenden Thema bitte nichts mehr wissen will? Dass sich im Herbst also die Regale biegen unter der Last unverkaufter Corona-Literatur?

“Literatur dient immer der Verarbeitung von Wirklichkeit”

“Das Thema Corona wird so umfänglich an das Publikum herangetragen, dass man sich fragen darf, ob es nicht irgendwann eine Übersättigung gibt”, sagt auch Simon Decot, Vorstand Programm bei Bastei Lübbe. “Aber wie immer gilt im Buchmarkt: Wenn ein Text zu einem aktuellen Thema einen nachhaltigen Mehrwert bietet, dann taugt er auch mit der Verzögerung, die ein Buch nun mal mit sich bringt, zum Buchprojekt.”

“Bald sehen wir uns wieder”: Das geschlossene Kino “Cinema Paris” am Kurfürstendamm in Berlin. Auch in Kino und Fernsehen droht wie in der Literatur eine Flut von Corona-Stoffen. © Quelle: imago images/IPON

Literatur diene “immer auch der Verarbeitung von Wirklichkeit, im Kinderbuch vielleicht im besonderen Maße”, heißt es auch beim Carlsen-Verlag. “Daher schätzen wir das Interesse groß ein” – etwa für das Pixi-Buch “Corona und der Elefantenabstand” (“Bei Selma ist jetzt alles anders ...”) oder für die unverwüstliche Kinderbuchheldin Conni in “Conni macht Mut in Zeiten von Corona”.

Bei den Kinderbüchern reicht die Bandbreite vom Bilderbuch (“Fred Frosch und das Coronavirus”) über ein Fingerspiel-Hygienebuch (“Händewaschen – ich mach mit!”) und die Familienerzählung (“Wir sehen jetzt alle aus wie Räuber”) bis zum modernen Märchen (“Prinzessin Corona und ihre fantastische Reise zum Wir”), in dem die kleine Königstochter Corona für ein achtsames Leben wirbt.

Welcher Verlag gewinnt das Wettbieten um Drosten?

Aber es sind vor allem Sachbücher zu Corona, die auf den Markt drängen – von Fang Fangs gerade erschienenem “Wuhan Diary: Tagebuch aus einer gesperrten Stad”“ (Hoffmann und Campe) bis zu Cordt Schnibben und David Schravens akribisch recherchierter Schreckenschronik “Corona – Geschichte eines angekündigten Sterbens” (19. Juni). Das ist mal grell-pessimistisch wie in “Shutdown” (“Warum das Zeitalter der Killervirus-Pandemien angebrochen ist”) oder faktenorientiert wie im Ratgeber “33 Fragen und Antworten: Coronavirus” (Piper).

Noch offen ist, welchem Verlag es gelingt, einen Starvirologen wie Christian Drosten für ein Buchprojekt zu gewinnen, das zweifellos ein Bestseller wäre. Der Verlag C. H. Beck spricht darüber aktuell “mit mehreren” Experten, auch der Fischer-Verlag und Bastei Lübbe melden: “Wir sind im Gespräch.”

“Mit der Online-Omi durch die Krise”

Und in der Belletristik? “Wer sich gut unterhalten möchte, der wird ganz froh sein, wenn es mal nicht um Corona geht”, sagt Decot von Bastei Lübbe. Trotzdem erscheinen auch diverse Corona-Romane – von der Liebesschmonzette (“Luisas Tanz: Eine Liebe in Zeiten von Corona”) bis zur twitternden Seniorin Renate Bergmann, hinter der sich der Autor Torsten Rohde verbirgt. Der 14. Band seiner “Online-Omi”-Reihe (“Dann bleiben wir eben zu Hause – Mit der Online-Omi durch die Krise”) ist bereits ein Bestseller.

Eines von mindestens 54 Büchern zum Thema Corona: Die “Online-Omi” Renate Bergmann. © Quelle: Online Omi Corona

Doch nicht alle Corona-Romane sind vollständig geschmackssicher geraten. “Wuhan Virus: Genesis” vom Thüringer Piloten und Autor Frank Pulina etwa zieht eine Verbindung von der Corona-Pandemie zum 2014 verschwundenen Malaysia-Airlines-Flug MH370. (Textauszug: “Die schreiende Mutter hält das aus den Ohren und der Nase blutende Kind in den Armen und schüttelt es. Es ist tot, und auch sie wird diese Welt in wenigen Augenblicken verlassen. Sie sind gemeinsam Passagiere auf Flug MH370 ...”). Pulina schürt damit die Mär vom menschengemachten Virus, das in den Händen skrupelloser Mächtiger zum Unterdrückungswerkzeug für die Massen wird.

Hinter der Buchflut steckt Ungeduld

Im Thriller “Das Corona-Ende” arbeitet die Medizinforscherin Stefanie an einem Impfstoff, um ihren an Covid-19 leidenden Lebenspartner Sebastian zu retten. Die Autoren Matti Sund und Dorit Biel schrieben das Buch in selbst verordneter 14-tägiger Corona-Quarantäne.

Hinter der anschwellenden Flut der Corona-Bücher dürfte auch die Ungeduld stecken, mit der mentalen Verarbeitung schnell zu beginnen, um die Leidenszeit zu verkürzen. Denn jedes Buch, das eine Welt nach Corona beschreibt, wirkt seelisch entlastend, weil es als Indiz dafür taugt, dass das Schlimmste geschafft ist.

Von einer geradezu paradiesischen Zukunft schwärmt etwa Matthias Horx in “Die Zukunft nach Corona”. Er träumt von einem umfassenden Kulturwandel, der die Welt zum Besseren verändert.

Deutlich vorsichtiger ist der italienische Physiker und Bestsellerautor Paolo Giordano, dessen Buch “In Zeiten der Ansteckung” ein präzises Psychogramm der Krise ist. “Ich habe keine Angst davor, zu erkranken”, schreibt er. “Ich habe Angst davor, zu entdecken, dass das Gerüst der Zivilisation, so wie ich sie kenne, ein Kartenhaus ist.”

“Staat, Sex, Amen”
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