„Die Wütenden“: Die Elenden von heute

  • Der Polizeithriller „Die Wütenden“ ist Frankreichs Kandidat für den Auslands-Oscar.
  • Regisseur Ladj Ly erzählt aus eigener Erfahrung über die Banlieues von Paris.
  • Der packende Film handelt von Menschen, die von der Politik nicht mehr zu erreichen sind.
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Vielleicht hätte sich Polizist Stéphane doch lieber nicht zu dieser Spezialeinheit in dem Pariser Problemviertel versetzen lassen sollen. Jetzt hockt er hinten im Dienstwagen, lässt sich von seinen beiden so ganz und gar nicht auf Teamarbeit abonnierten Kollegen durch Montfermeil chauffieren und dabei über das fein austarierte Gleichgewicht der Gewalt aufklären.

Hier rekrutiert die Muslimbruderschaft ihren Nachwuchs, dort hat sich ein Krimineller zum Bürgermeister des Viertels aufgeschwungen, und ein paar Straßen weiter regiert ein Romazirkusclan. In Montfermeil machen Banden die Herrschaft unter sich aus. Die Claims sind genau abgesteckt.

„So viel hat sich nicht verändert“

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Stéphanes übergriffiger Chef Chris (Alexis Manenti), immer kurz vom Ausrasten, und dessen abgeklärter Partner Gwada (Djibril Zonga) sind ein Baustein in diesem fragilen sozialen Gefüge. Die Polizei ist hier vor allem dazu da, um möglichst geschickt zwischen verfeindeten Gruppen zu moderieren – und Schwächere die eigene Macht spüren zu lassen.

Ein wenig Kultur bekommt Stéphane (Damien Bonnard) aber auch mit bei dieser Sightseeingtour durch die Viertel der Pariser Banlieue: Die Schule heiße Victor Hugo, erläutert ihm Chris (Alexis Manenti). Der Schriftsteller habe hier große Teile seines Romans „Les Misérables“ geschrieben. Worauf Stéphane kurz und knapp einwirft: „So viel hat sich seitdem ja nicht verändert.“

„Les Misérables“ heißt denn auch Ladj Lys Polizeithriller im Original. Der deutsche Verleih hat ihm den Zusatztitel „Die Wütenden“ verpasst, während das 1862 erschienene Buch die Übersetzung „Die Elenden“ trug. Diese Verschiebung hat durchaus ihre Berechtigung, wie der energiegeladene Film zeigt. Hier fliegen Molotowcocktails, und Hochhausflure werden zum qualmenden Schlachtgebiet.

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Victor Hugo erzählte 1862 in „Les Misérables“ von der hoffnungslosen Situation der niederen Schichten und setzte dagegen das großherzige Handeln Einzelner – vor allem des einstigen Sträflings Jean Valjean. Wegen des Diebstahls von Brot war er zu vier Jahren Haft verurteilt worden und kehrte unerkannt als Wohltäter in die Gesellschaft zurück.

Kollegen mit zweifelhafter Dienstauffassung

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Bald muss sich auch Stéphane entscheiden, auf wessen Seite er sich schlägt: Hält er sich an Recht und Gesetz – oder hält er den Kollegen mit der zweifelhaften Dienstauffassung die Treue? Erst recht dann, als die Situation aus dem Ruder läuft.

Ein Regisseur muss schon viel Selbstvertrauen haben, um sich bei seinem Spielfilmdebüt auf Victor Hugo zu berufen. Ladj Ly verfügt offenbar darüber – und das keineswegs zu Unrecht: Beim Festival in Cannes gewann er im Mai mit den „Wütenden“ den Jurypreis. Nun hat er es mit seinem Polizistenthriller im Rennen um den Auslands-Oscar unter die letzten Fünf geschafft.

Autobiografische Bezüge des Regisseurs

Zu seiner Geschichte hat der 1978 geborene Ly einen autobiografischen Bezug: Er ist in Montfermeil aufgewachsen, seine Familie stammt aus Mali. Für seinen Dokumentarfilm „365 jours à Clichy-Montfermeil“ verfolgte er die im Jahr 2005 hochkochenden Auseinandersetzungen in den Pariser Banlieues und wurde dabei Zeuge eines brutalen Polizeieinsatzes. Aufgrund seiner Aufnahmen (gefilmt mit einer Videokamera) wurden die Polizisten später zur Rechenschaft gezogen.

Ly fügt noch ein wichtiges Element hinzu: Solidarität und Zusammenhalt. Im Hintergrund seines im Jahr 2018 angesiedelten Films gewinnt die französische Fußballnationalmannschaft gerade die Weltmeisterschaft. Die Franzosen liegen sich in den Armen – in Montfermeil kocht derweil die Volksseele, als dem Zirkusclan ein Löwenjunges geklaut wird und gegenseitige Verdächtigungen im Raum stehen.

Wo ist der Löwe?

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Das ungleiche Polizistentrio muss das Tier so schnell wie möglich wiederfinden, bevor sich all die muskelbepackten Machos gegenseitig an die Gurgel gehen. Tatsächlich entdecken sie es auf Instagram in den Armen eines stolzen Jugendlichen. Issa (Issa Perica) hat das Katzenjunge zum Spaß mitgehen lassen. Die Gelegenheit war günstig.

Doch als Chris und Co. versuchen, des Löwen habhaft zu werden, löst sich ein Schuss. Und was in den Augen von Chris und Gwade viel schlimmer ist als der verletzte Jugendliche: Ein anderer hat den Vorfall mit seiner Drohne zufällig gefilmt. Sie machen Jagd auf die Bilder, bevor diese im Netz landen.

Einblicke in eine Parallelgesellschaft

Der Regisseur beschränkt sich in kaum einem Moment auf die reine Interaktion zwischen den drei Polizisten – anders etwa, als es Antoine Fuqua tat, als dieser in „Training Day“ (2001) mit Denzel Washington und Ethan Hawke in die Elendsquartiere von Los Angeles abtauchte. Ly gibt Einblicke in die Parallelgesellschaften der sogenannten Abgehängten und lässt diverse Gruppierungen zu Wort kommen.

Eines verbindet sie alle: Die Wut ist der Antrieb ihres Handelns. Die offizielle französische Regierungspolitik jedweder Couleur kann diese zornigen Menschen in Montfermeil nicht mehr erreichen.

„Die Wütenden – Les Misérables“, Regie: Ladj Ly, mit Damien Bonnard, Alexis Manenti, Djebril Didier Zonga, 102 Minuten, FSK 12

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