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Die Weltraum-WG: Der Amazon-Film „Voyagers“ vergibt große Chancen

  • In „Voyagers“ soll eine Gruppe gezüchteter Teenager einen fernen Planeten kolonialisieren.
  • Aus dieser Vorgabe entwickelt der Regisseur eine „Herr der Fliegen“-Geschichte im Weltall.
  • Die Reise ohne Wiederkehr bietet große Chancen, die aber weitgehend verspielt werden.
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Die Arroganz der menschlichen Spezies ist bizarr. Kaum kann sie ein paar Hopser im Weltall machen, denkt sie darüber nach, den nächsten Planeten zu verunstalten. Wie wäre es denn zum Beispiel mit dem Mars? Das ist so, als hätte man im Restaurant einen Tisch mit Essen vollgeschmiert und zieht nun einen Platz weiter. Soll doch den Dreck beseitigen, wer will – frei nach Motto des Schrottroboters aus dem Pixar-„Wall-E“-Film: „Der Letzte räumt die Erde auf.“

Noch aber setzen hier auf Erden die entscheidenden Fragen viel früher ein: Wie kommt man hin zu dem anderen Planeten? Und vor allem: Kommt man auch wieder zurück?

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Obwohl letzteres Problem nicht jeden zu bedrücken scheint: Als das Aktienunternehmen Mars One vor einem Jahrzehnt ankündigte, bis 2023 Menschen auf den Roten Planeten bringen zu wollen, meldeten sich Zigtausende Kandidaten fürs Trainingsprogramm. Dass ein Rückfahrticket ausdrücklich im Angebot nicht vorgesehen war, schreckte die Möchtegernraumfahrer keineswegs ab. Was, wenn aus dem heillos überambitionierten Projekt wirklich etwas geworden wäre?

Drehbuchautor und Regisseur Neil Burger („Die Bestimmung – Divergent“) zieht die Reise ohne Wiederkehr in „Voyagers“ nun durch. Burgers Prämisse ist dabei der Wirklichkeit näher als Science-Fiction: Die Erde ist wegen der Klimaerwärmung ruiniert. In seinem Thriller werden die Kolonisatoren einer Vorbereitung unterzogen, die auch im Film zumindest kurz ethische Fragen aufwirft: Sie werden gezüchtet. In einer Art Kaspar-Hauser-Labor reifen die mit besten Genen ausgestatteten Astronauten heran. Von den anderen Menschen auf ihrem Heimatplaneten bekommen sie nichts zu sehen. Wen man nicht kennt, den kann man auch nicht vermissen.

Allerdings sollen gar nicht sie selbst den fernen Planeten erkunden, sondern ihre im Raumschiff im Reagenzglas gezeugten Enkel. 86 Jahre werden für den Hinflug veranschlagt – der sonst bei solchen Expeditionen übliche Kälteschlaf ist offenbar keine Option. Einzig der ihnen zugetane Richard (Colin Farrell) besteht darauf, mit den Teenagern an Bord zu gehen – als Erziehungsbeauftragter und Reiseleiter in einer Person.

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Anfangs fasziniert noch das antiseptische Ambiente dieser Reise: Wir hören in den unbekannten Weltraum hinein, und Stille hallt zurück. Richard hat Pinien- und Salbeiproben an Bord mitgebracht und schnuppert daran. Wenigstens einer sehnt sich schmerzlich nach dem blauen Planeten.

Dann aber kippt die Stimmung: Die Raumfahrer erkennen, dass sie mit einem blauen Saft ruhiggestellt werden, um von der Erde aus steuerbar zu bleiben. Sie beschließen, die Droge zu verweigern.

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Was für ein Potenzial steckt in dieser Idee: Wie reagieren Jugendliche auf ihr plötzlich ungezügeltes – nicht nur sexuelles – Verlangen? Wie gehen sie um mit Rivalität? Finden sie eine friedliche Form des Zusammenlebens in ihrer Weltraum-WG, die sie nicht werden verlassen können? Kurz: Steckt tief in ihnen drin das Böse oder doch das Gute?

Doch wie kläglich verschenkt der Regisseur all diese Optionen bei dieser Weltraumklassenfahrt. Er entwickelt ein „Herr der Fliegen“-Ambiente mit Jagdszenen durch endlose weiße Korridore.

Zwei Teams stehen sich feindlich gegenüber und kämpfen um die Führerschaft: hier Chris (Tye Sheridan, Held in Steven Spielbergs „Ready Player One“) und Sela (Lily-Rose Depp, Tochter von Jonny Depp und Vanessa Paradis), die die Mission zu Ende bringen wollen – wenn auch nach ihren eigenen Regeln –, und dort Zac (Fionn Whitehead, bekannt aus Christopher Nolans „Dunkirk“), der mit diabolischem Zug um den Mund Verschwörungstheorien anheizt.

Ängste vor Aliens lassen sich im Weltraum nun mal immer schüren. Adressiert sind diese Fantasien ebenso an die Kinozuschauer: Seit Ellen Ripley wissen wir, dass schleimige Aliens sich gern in menschlichen Wirten einnisten. Dazu kommen die üblichen Ingredienzen: ein Außeneinsatz im All, ein wenig Ballerei mit Plastikgewehren, die aussehen wie von der „Star Wars“-Resterampe, und ein Duell an der Ausstiegsluke. Das alles ist zu vertraut, als dass es überraschen oder beunruhigen könnte.

An den jungen Schauspielern liegt es nicht, dass ihr Schicksal einen kaltlässt. Sie haben bei diesem überschaubaren Plot kaum die Gelegenheit, sich auszuzeichnen.

Regisseur Burger verpasst die Chance, tiefer in die menschliche Natur vorzudringen. Er setzt auf die Eindeutigkeit des Hollywood­moralismus. Ungerührt schaut man deshalb dabei zu, wie sich die Reisenden dem fernen Planeten nähern. Bleibt nur zu hoffen, dass sie wenigstens dort ordentlich aufräumen.

„Voyagers“, bei Amazon, Regie: Neil Burger, mit Tye Sheridan, Fionn Whitehead, Lily-Rose Depp, 110 Minuten

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