Die Weihnachtsgeschichte: Hannes und die Zaubernüsse

  • Manchmal muss man selbst einen Klassiker modernisieren, finden die himmlischen Heerscharen.
  • Und heuern – auf Bitte von ganz oben – den Werbetexter Hannes an, die uralte Geschichte von Maria, Josef und Jesu Geburt etwas, nun ja, aufzupeppen.
  • Eine variantenreiche Weihnachtserzählung von Imre Grimm.
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Hannes hatte sich viel Mühe gegeben. Er hatte eine Kerze angezündet und sein ächzendes Sofa unter seiner am wenigsten schmuddeligen Decke versteckt. Er hatte den geklauten Tannenzweig von der Wohnungstür seiner Flurnachbarin auf seinem Couchtisch drapiert, dann hatte er sein Smartphone gegen seinen besten Erzgebirgischen Husarennussknacker gelehnt, sich hingesetzt und auf den roten „Start“-Knopf gedrückt. „Hallo“, sagte Hannes in die Kamera, „willkommen auf meinem Youtube-Kanal ‚Nuss das sein?‘ Heute teste ich für euch Macadamia, die Königin der Nüsse.“

Hannes liebte Weihnachten

Draußen jaulte eine Straßenbahn vorbei, es nieselte. Noch sechs Tage bis Weihnachten. Hannes kaute Macadamia und murmelte dazu sein fachmännisches Urteil: „Meckt guup“, malmte er mit vollem Mund, „pfergeht auf der Pfunge, nich so pfrocken wie Hawelnuff.“

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Hannes liebte Weihnachten. Und er liebte Nüsse. Immer schon. Ein Tütchen Nüsse war für ihn wie eine Happy Hour fürs Gehirn. Das liegt an dem guten Zeug, das Nüsse enthalten: die Aminosäure Tryptophan für die Glückshormonbildung, Omega-3-Fettsäure, Vitamin B, Antioxidantien, Lecithin, Deltawellen und Gammawellen. Hannes wusste nicht genau, was das alles zu bedeuten hatte. Es störte ihn auch nicht, dass nur 37 Menschen sein jüngstes Video mit dem Titel „Muskatnuss im Ganzen kauen – MACHT ER DAS WIRKLICH??!“ gesehen hatten. Darin war er zu sehen, wie er sieben Minuten lang auf einer Muskatnuss herumlutschte. Zwei Menschen hatten das Video kommentiert. Einer schrieb „LOSER“, der andere schrieb „LOL Reizüberflutung“.

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Hannes glaubte fest an seine Zukunft als Deutschlands erster Nuss-Influencer. Die Vorstellung, für immer in der blöden Agentur hängenzubleiben und weiter Werbeplakate für Tattoostudios und Foodtrucks von irgendwelchen Quinoaköchen gestalten zu müssen, schlug ihm aufs Gemüt. Noch mehr, als es dieser Dezember ohnehin schon tat.

Es war nicht sein Jahr gewesen. Es war nicht das Jahr der ganzen Welt gewesen. Es gibt auf dem ganzen Planeten nicht genug Nüsse, um sich dieses Jahr schön zu knabbern. Hannes beendete seinen Macadamiatest mit der Wertung „fünf von sechs Nüsschen“, drückte auf „Stopp“, pustete die Kerze aus, verließ die Wohnung und schlurfte die Straße herunter zum Café Hotshot.

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Nicht alle Nadeln an der Tanne

„Na? Wie läuft’s in der Nussszene?“, fragte der Barista. Hannes sah ihn an wie etwas, das die Katze hereingebracht hatte. „Nuss ja“, wollte er sagen, aber er verkniff sich den Kalauer. „Cappu, bitte“, murmelte er durch seine Maske. Der Barista kicherte. Hannes stöhnte. Gleich würde er wieder irgendeinen Quatschnamen auf den Becher schreiben. Das fand er seit Jahren lustig.

„Cappu für Helfgott!“, rief der Barista. Helfgott? Der hatte doch nicht alle Nadeln an der Tanne. Hannes nahm den Becher und setzte sich draußen auf einen Fahrradbügel.

Da näherte sich eine sehr kleine Frau, die Hannes noch nie gesehen hatte. Sie trug einen weißen Mantel und eine große Brille. Sie öffnete eine schwarze Aktentasche und zog ein Papier hervor. „Sind Sie Hannes Schneverding?“, fragte sie. „Ich … woher … äh?“, murmelte Hannes. „Bitte beantworten Sie nur meine Frage“, sagte die Frau ernst. „Ich bin Hannes“, sagte Hannes. „Fein, kommen Sie bitte mit“, sagte die Frau.

Hannes war perplex. „Ist nur eine Bitte“, sagte die Frau. „Kommt von ganz oben.“

Eine Bitte von ganz oben zu Weihnachten

Von ganz oben? Was sollte das denn heißen? Aber etwas an ihr stimmte Hannes milde. Er zuckte mit den Achseln, trank seinen Cappuccino aus und folgte der Frau zu einem kleinen weißen Elektroauto. Am Steuer saß ein runzliges Männlein, das ihn anlächelte. „Willkommen, Hannes“, sagte das Männlein. Es war ebenfalls weiß gekleidet.

Lautlos fuhr das Auto los, fast schien es, als schwebte es über den nassen Asphalt. „Musik?“, fragte das Männlein und drückte auf einen Knopf. Eine hinreißende Frauenstimme sang eine Bach-Kantate: „Gottlob! Nun geht das Jahr zu Ende, Das neue rücket schon heran …“ Hannes schloss die Augen und glitt sanft ins Land der Träume.

Als er wieder zu sich kam, saß er in einem großen, silbern glänzenden Saal an einer gewaltigen Tafel, neben sich die weiße Frau. Sie legte den Finger auf die Lippen und deutete ans Ende des von Wolken durchwehten Raumes. Dort stand eine leuchtende Gestalt mit langen Haaren, die wild gestikulierte. Ein Mann? Eine Frau? Hannes konnte es nicht erkennen. „Bin ich tot?“, flüsterte er. „Im Gegenteil“, flüsterte die Frau.

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Wo liegen die Unterschiede zwischen Christkind und Weihnachtsmann und was hat der Nikolaus damit zu tun? Das sind die Ursprünge unserer Weihnachtstraditionen.  © RND

„Freunde“, donnerte die Gestalt, „so geht es nicht weiter! Seit 2000 Jahren erzählen wir den Menschen zu Weihnachten dieselbe Geschichte. Es ist eine sehr schöne Geschichte, selbstverständlich, aber ich habe meine Zweifel, ob die Menschen noch richtig hinhören. Kaiser Augustus, Quirinius, die himmlischen Heerscharen, die Hirten bei den Hürden, was immer das sein soll – alles schön und gut. Aber wir wissen alle, dass unser Evangelist Lukas sich in seinem Evangelium arg kurz gefasst hat damals. Nur 381 Wörter! Das ist nicht viel für unseren wichtigsten Klassiker.“ Die Gestalt blickte streng in Richtung eines schmollenden Mannes, der mit verschränkten Armen am Tisch saß. „Hätte ich gewusst, dass die Geschichte so einschlägt, hätte ich mehr geschrieben“, knurrte der Mann. „Das ist der Evangelist Lukas“, flüsterte die weiße Frau. „Der ist immer schnell beleidigt.“

Zielgruppengenaue Weihnachtsgeschichte

„Und deshalb“, sagte die weißhaarige Gestalt, „habe ich einen Fachmann hinzugebeten, der uns helfen soll, die Weihnachtsgeschichte zielgruppengenau aufzumöbeln. Der sie neu erzählen soll, sodass mehr Menschen sie auf ihre Art verstehen, auch solche, die niemals eine Bibel aufschlagen würden. Ich bin sehr froh, dass diese Person heute mit uns am Tisch sitzt. Liebe Freunde, ich darf euch vorstellen: Hannes!“

Hannes? „Ich?“, fragte Hannes. 50 Augenpaare richteten sich auf ihn. „Sag was“, flüsterte die weiße Frau. Hannes erstarrte. „Ja, äh…“, stotterte er, „guten Tag, ich bin Hannes Schneverding aus der Kronemannstraße, ich bin 47 Jahre alt, alleinstehend, ich arbeite in einer Werbeagentur und bin nebenbei, ähm, Nuss … äh Nuss-Influencer im Internet.“ Hannes war sich nicht sicher, ob man hier wusste, was das Internet ist. Gab es WLAN im Himmel?

„Herzlich willkommen!“, sagte die leuchtende Gestalt. „Danke“, sagte Hannes. „Aber wo bin ich hier?“ Die Gestalt lächelte milde. „Du bist genau richtig“, sagte sie. „Du liebst Weihnachten, du arbeitest in der Werbung, und du kennst dich mit dem Internet aus.“

Ich habe nur 37 Klicks, dachte Hannes. Und mein jüngster Werbekunde war Kutti’s Tattooshop Blut & Gut. Und alles, was ich über Weihnachtsnüsse weiß, ist, dass es nur vier Sorten echte Nüsse gibt: Haselnüsse, Macadamia, Maronen und Walnüsse. Denn Kokosnüsse, Mandeln und Pistazien sind Steinfrüchte, Erdnüsse sind Hülsenfrüchte, Paranüsse sind Baumsamen, Pekanüsse und Cashewnüsse sind Kerne. Mehrfach hatte Hannes schmerzhaft zu spüren bekommen, dass diese Informationen sich in Fragen der zwischenmenschlichen Balz als untauglich erwiesen, Interesse zu erregen.

Die Erzengel werden dich versorgen

„Am besten machst du dich gleich an die Arbeit“, sagte die Gestalt. „Unsere Marktforschung hat gezeigt, dass die Menschen heute zielgruppenspezifisch angesprochen werden möchten. Der Kunde ist König. Wir brauchen die Weihnachtsgeschichte also in mehreren Varianten. Die Erzengel werden dich mit allem versorgen, was du brauchst. Michael! Gabriel! Raphael! Uriel!” Vier bärtige Männer schwebten heran und nahmen Hannes in ihre Mitte. Sie führten ihn aus dem Saal durch einen langen Flur mit Linoleumfußboden und zahllosen Bürotüren zu einer kleinen Stube mit Steinfußboden und holzvertäfelten Wänden. In einer Ecke befand sich ein dunkler Fleck, der wie Tinte aussah. „Wolke sieben“, sagte Gabriel. „Unser bestes Skriptorium.“

Hannes nahm an einem kleinen Schreibtisch Platz, auf dem ein Laptop und eine Bibel lagen. „Wenn du etwas brauchst, denke einfach kurz an uns, dann kommen wir“, sagte der Erzengel Michael. Das Quartett schwebte davon. Hannes schwirrte der Schädel. „Womit soll ich beginnen?“, fragte er sich. Wie würde die Weihnachtsgeschichte wohl heute aussehen, in diesem vermaledeiten Jahr? Hannes begann zu schreiben:

Krippe wegen Beherbergungsverbot

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geimpft würde. Und diese Impfung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Corona Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich impfen ließe, ein jeder in seine Stadt, aber nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln und nicht mehr als fünf Personen aus zwei Haushalten gemeinsam und immer mit zwei Metern Abstand.

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, weil er aus dem Hause und Geschlechte Davids war, damit er sich impfen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger. Zudem gehörte Josef als Diabetiker zur Risikogruppe.

Und als sie dort waren, kam die Zeit, dass Maria gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge, denn wegen des Beherbergungsverbotes durften sie nicht im Hotel übernachten.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie setzten schnell ihren Mundschutz wieder auf, denn sie fürchteten sich sehr vor einem Bußgeld. Und der Engel sprach zu ihnen: ‚Fürchtet euch nicht! Siehe ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren.’”

***

Hannes hielt inne. Und jetzt? Was würde die leuchtende Gestalt sagen? Und was die Erzengel? Da ging die Tür auf, und der Erzengel Michael schwebte schon herein: „Schönschönschön“, sagte er, „das ist aber ein bisschen zu deprimierend. Wir brauchen etwas, das auch Jüngere anspricht. In ihrer Sprache. Diese leidige Pandemiesache muss gar nicht enthalten sein.“ Er schwebte hinaus.

Für Jüngere? Hannes hatte keine Ahnung, wie jüngere Menschen sprechen. Der jüngste Mensch, den er kannte, war der Barista. Und der war auch schon Mitte dreißig. Er seufzte und tippte los:

Ein Engel galoppte heran

„Okay Diggah, da war also ein krasser Kaiserbabo, der mal unlügbar checken wollte, wie cheedo eigentlich seine Squad war. Also sagte er: ‚Harzt mal hier nicht so lost rum, sondern cruised schmoof in eure Hood.’ ‚Bruder, muss los’, sagte auch Josef aus Galiläa, der war ein Ehrenmann, mit Maria, seiner Süßmo, die hatte Kugelgrippe de luxe.

Und als sie in der Hood waren, konnten sie nicht cremig chillen, sondern hatten voll Stress von Geburt her. Und als das Kind da war und Maria und Josef also Ellies waren und voll fly vong der Niecigkeit her, da wrapten sie es in ein Emotuch und legten es in eine Crib, denn sie hatten sonst nix, isso. Im gleichen Kiez merkelten paar unterhopfte Hirtenhomies rum. Und ein Engel galoppte heran, der sagte: ‚Was geht? I bims, der Engel!’

Die Hirten waren dick geflasht vong Licht her und dachten: ‚Holy shit!’, aber der Engel sagte: ‚Chillt mal! Ihr müsst euch gar nicht reinstressen, euch ist heute ein Playa geboren, quasi Sechserpasch für alle Menschen! Epic!’, und die Hirten freuten sich einen Kullerkeks. ‚Yay! Engel, läuft bei dir, alter Swagggernaut! Nicenstein as fuck! Lass ma’ hier nicht weiter fernschimmeln.’ Und sie feierten das Kind voll chillig ab: ‚Ich küss dein Auge! Isch schwör!’”

***

Hannes war sich sicher, dass es auf der ganzen Welt keinen einzigen Jugendlichen gab, der so dachte und sprach. Was er aber wusste: dass es ein Jugendwort gab, dass die Fremdscham angesichts von derlei Anwanzversuchen präzise beschrieb: cringe. Doch die Erzengel waren zufrieden. „Ich verstehe zwar kein Wort, aber klingt vielversprechend, Hannes“, sagte Michael aufmunternd. „Vielleicht schreibst du jetzt mal etwas Gediegeneres für die Älteren. Im Stil von Thomas von Aquin.“ „Thomas von Aquin?“, fragte Hannes. „Das kann ich nicht! Thomas Mann könnte ich versuchen. Quasi für Bildungsbürger.“ „Thomas Mann, auch gut“, sagte der Erzengel Michael.

Hannes beugte sich über den Schreibtisch:

Der Statthalter in Syrien

„Die beglückende Frucht eines Momentes zeigt sich, wenn sie sich denn, was nicht immer geschieht, da sich Perspektive und Ausgangslage mit den Zeitläuften ja zu wandeln pflegen, überhaupt jemals offenbart, gelegentlich erst Jahre, wenn nicht Jahrtausende, nach dem das, was im Moment des Geschehens selbst vielleicht unbeachtlich schien, seinen Zauber zu entfalten beginnt, was damals, als Quirinius Statthalter in Syrien war, auch auf jenen Moment zutraf, der sich, ohne dass ihm jemand sogleich Beachtung geschenkt hätte, in Bethlehem ereignete, als Maria und Josef im Wissen, dass sie ihrer Leibesfrucht harrend dem Augenblick des Gebärens schon nahe war, sich aufgemacht hatten, um dem Gebot des Kaisers Augustus, der sich, und dies zum ersten Male, mit dem Ziel, die Zahl seiner Untertanen zu ermitteln, entschlossen hatte, allen Unwägbarkeiten zum Trotze eine Volkszählung auszurufen, zu folgen und, da es sonst keinen Raum in den Herbergen, deren Wirte sie zu fragen geruht hatten, gab, gezwungen waren, ihr Kind in eine, so sagte man später, als die Geschichte Kreise gezogen hatte, Krippe zu legen, die zum Sinnbild dessen, was jenes Kind verkörpern würde, insofern wurde, als sie der Armut Gestalt gab, aus der Großes und Wahres erwachsen würde in dieser Erzählung, deren Vielfalt und Schönheit einen noch 2000 Jahre später, wenn man sich, was man, wenn man ein liebendes Herz in der Brust trägt, tunlichst sollte, einlässt, verwundern.”

***

Punkt. Endlich. Wenn es in diesem Tempo weiterging, war die Weihnachtsgeschichte Ostern noch nicht fertig. Hannes überprüfte nicht, ob es ihm gelungen war, eine Schneise der Logik in das Dickicht der Kommata zu schlagen. Sollen doch die Erzengel als himmlische Lektoren walten. Der Erzengel Michael nahte schon und trieb Hannes zur Eile an. „Sehr gut, jetzt versuche bitte etwas Modernes, Zeitgemäßes. Die Menschen sollen sich ja wiederfinden in der Geschichte. Es zieht ja kein Mensch mehr mit Eseln durch die Wüste oder folgt irgendwelchen Sternen, außer bei Amazon!“ Hannes guckte fragend. „Du schaffst das! Du bist Profi!“

Hannes verspürte das unwiderstehliche Verlangen nach Nüssen. „Habt ihr Nüsse?“, fragte er. „Hier? Im Himmel? Nein“, sagte der Erzengel Michael. „Wir essen nichts. Kann sein, dass wir noch einen alten Apfel haben, aber der ist ziemlich verschrumpelt.“ Hannes seufzte. Und schrieb drauflos:

Eine Kiste Craftbeer

„In einer großen Stadt mit einem grünen Oberbürgermeister lebten einmal ein alternder Hipster namens Jupp und eine australische Erasmus-Studentin namens Mary in einem geräumigen Loft in Passivbauweise. Jupp designte Möbel für ein schwedisches Einrichtungshaus, Mary verkaufte selbstgezogene schadstofffreie Kerzen bei Etsy. Beide führten eine offene Beziehung – so kam es, dass Mary schwanger wurde, aber nicht von Jupp. Zweifelnd kraulte dieser seinen frisch geölten Bart. Trotzdem zog er los und kaufte einen Emmaljunga-Kinderwagen, zehn Petit-Bateau-Strampler, ein Liegerad mit Anhänger und eine Kiste Craftbeer, um seinen bürgerlichen Ärger herunter zu spülen.

Bevor das Baby zur Welt kam, wollten beide ihren alten Traum verwirklichen: im ausgebauten VW-Bulli 4000 Kilometer nach Israel reisen. „Jupp“, sagte Mary unterwegs etwa im Raum Jordanien, „ich habe das Gefühl, dass unser Kind etwas ganz Besonderes wird.“ „Mary, das glauben alle Eltern“, sagte Jupp, der schon zwei erwachsene Töchter aus einer früheren Ehe hatte. Kurz vor Bethlehem setzten die Wehen ein. Jupp fragte im „Herodion Guesthouse“, im „Habibi Hostel“ und im „Grand Hotel Bethlehem“ nach einem Zimmer, aber alles war belegt. Über Internet buchte er einen “Luxury Guest Room en suite” mit fünf Sternen und 6578 positiven Bewertungen bei Google. Der Realitätsschock war massiv: Der „Guest Room“ war in Wahrheit ein fensterloser Stall voller Stroh. WLAN gab es nicht, dafür einen Ochsen und einen Esel.

Für das Ausfüllen des Beschwerdeformulars blieb keine Zeit. Mary gebar einen Sohn. „Jesses“, sagte Jupp. Doch er konnte nicht anders, als ein Foto von dem Baby auf Instagram zu posten. Das ging prompt viral; es regnete Likes aus aller Welt. Jesus wurde das berühmteste Kind der Welt, Netflix kaufte die Filmrechte und machte aus der Geschichte „Love“, die erfolgreichste Serie aller Zeiten. Und alle lebten 33 Jahre in Frieden, dann endete die erste Staffel mit einem fiesen Cliffhänger – aber wir werden hier nichts spoilern. Frohe Weihnachten!“

***

Hannes ließ die Finger sinken. Er spürte, dass er am Ende seiner Kräfte war. Alle vier Erzengel betraten das Skriptorium. „Hannes“, sagte Michael, „die himmlischen Heerscharen sind dir zu Dank verpflichtet. Wir haben deine Botschaften in alle Welt getragen – und es zeigt sich schon jetzt: Die Zustimmungsraten sind stark gestiegen. Wir haben dank deiner Hilfe Menschen erreicht, die uns sonst niemals zugehört hätten. Die Weihnachtsbotschaft ist mächtiger denn je. Schau, hier!“

Michael hielt ihm ein iPad vor die Nase. Darauf waren Menschen zu sehen, sehr viele Menschen, in Wohnzimmern, in Küchen, in Kinderzimmern. Es waren Menschen, die erschöpft und müde waren und sich dennoch geduldig zuhörten. Menschen, die sich ausreden ließen. Menschen, die nicht alles daran setzten, Recht zu behalten, sondern sich gegenseitig trösteten und stärkten. Menschen, die sich Mut machten, die am Bett von Kranken saßen oder Kinder in den Schlaf sangen. Menschen, die sich Kerzen anzündeten, die Milde walten ließen mit sich selbst und anderen, die aufeinander Rücksicht nahmen und neu in der trostreichen Überzeugung gestärkt schienen, dass die Schönheit der Welt und die Chance auf Momente des Glücks im Leben jedes Einzelnen nicht durch ein paar Monate der Düsternis zerstört werden können.

„Und jetzt?“, fragte Hannes. Da nahte die weiße Frau, winkte ihn zu sich und deutete auf das weiße Elektroauto. „Steig ein“, sagte sie lächelnd. Hannes setzte sich vorsichtig auf den Rücksitz, das Männlein am Steuer nickte ihm zu. „Musik?“, fragte er. Ein Chor sang eine Bach-Kantate: „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist …“ Wieder nickte Hannes ein.

Tannenzweige auf dem Tisch

Er erwachte in seiner kleinen Wohnung in der Kronemannstraße. Die weiße Frau und das Männlein waren verschwunden. Alles schien wie immer. Die Decke auf dem Sofa. Das Laptop. Die Tannenzweige auf dem Tisch. Daneben aber sah Hannes ein kleines, rotes Tütchen. Es war mit einer Schleife aus weißer Seide verschnürt. Hannes öffnete die Schleife und sah hinein.

Nüsse. Macadamia. Eine Handvoll. Hannes nahm eine Nuss und steckte sie in den Mund. Sofort spürte er, wie Kraft und Wärme durch seinen Körper strömten, wie jede Müdigkeit verschwand, auch alles Zweifeln und Hadern. Das waren keine normalen Nüsse, dachte Hannes. Diese Tüte war der Lohn für seine Arbeit. Es waren Weihnachtszaubernüsse. Er öffnete das Laptop – und traute seinen Augen nicht. Sein Macadamiafilm hatte 6,4 Millionen Klicks. „Dank dir liebe ich Nüsse!“, schrieben mehrere Zuschauer.

Hannes spürte das Verlangen, zum Regal zu gehen. Er besaß nicht viele Bücher. Aber ganz links stand eines, dass er vor vielen Jahren zur Konfirmation bekommen hatte.

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Er schlug Lukas im zweiten Kapitel auf. Und als er zu lesen begann, da fühlte er, dass kein Text der Welt es jemals mit der Kraft dieser 381 Wörter aufnehmen könnte. Plötzlich verstand er, warum Lukas genau so viel geschrieben hatte. Es war kein Wort zu viel und kein Wort zu wenig für diese Geschichte. Hannes las, und es schien ihm, als wirke jedes einzelne dieser uralten Wörter auf seine Seele wie eine Zaubernuss aus seinem Säckchen:

Das Original

„Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Quirinius Statthalter in Syrien war. Und jedermann ging, dass er sich schätzen ließe, ein jeglicher in seine Stadt.

Da machte sich auf auch Josef aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das judäische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum dass er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf dass er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe; die war schwanger.

Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.

Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde. Und des Herrn Engel trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn leuchtete um sie; und sie fürchteten sich sehr. Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids. Und das habt zum Zeichen: Ihr werdet finden das Kind in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen. Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens.

Und da die Engel von ihnen gen Himmel fuhren, sprachen die Hirten untereinander: Lasst uns nun gehen gen Bethlehem und die Geschichte sehen, die da geschehen ist, die uns der Herr kundgetan hat. Und sie kamen eilend und fanden beide, Maria und Josef, dazu das Kind in der Krippe liegen.

Da sie es aber gesehen hatten, breiteten sie das Wort aus, welches zu ihnen von diesem Kinde gesagt war. Und alle, vor die es kam, wunderten sich über die Rede, die ihnen die Hirten gesagt hatten. Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen. Und die Hirten kehrten wieder um, priesen und lobten Gott für alles, was sie gehört und gesehen hatten, wie denn zu ihnen gesagt war.”

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