Die weibliche Seite des Bösen

  • Frauen morden seltener als Männer – aber ausgerechnet in der Familie und gegen ihre eigenen Kinder begehen sie oft schwere Gewaltdelikte.
  • Warum quälen und töten Mütter? Oder lassen das zu?
  • Die forensische Psychiaterin und Gerichtsgutachterin Nahlah Saimeh gibt in ihrem Buch „Grausame Frauen“ Erklärungen.
Jutta Rinas
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Da ist dieser kleine Junge, gerade einmal sechs Monate alt, der bewusstlos ins Krankenhaus eingeliefert wird und wenig später an einem Hirnschaden stirbt. Es wird schnell klar: Die eigene Mutter hat ihn mit einem Kissen erstickt. Aber es kommt noch viel schlimmer. Bei der Polizei entschließt die Frau sich zu einem umfassenden Geständnis: Sie hat acht Jahre zuvor bereits ihre kleine Tochter getötet. Diese Tat blieb bis zu diesem Moment unentdeckt.

Die Geschichte ist einer von acht Fällen, die die bekannte forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh in ihrem Buch „Grausame Frauen“ analysiert. Da ist die Geliebte, Sekretärin, bürgerlich, nie straffällig geworden, die ihren Freund zum Mord an dessen Ehefrau überredet. Sie ist es, die am Ende den bezahlten Killer besorgt. Da ist die Alleinerziehende, die ihre achtjährige Tochter dazu anhält, eindeutige sexuelle Handlungen an der eigenen Mutter vorzunehmen, und sich dabei fotografiert. Sie selbst empfindet dabei nichts. Aber ihr neuer Freund, Pharmavertreter aus viel besseren Verhältnissen, verspricht ihr für solche Bilder Geld. Geht sie darauf nicht ein, glaubt sie zudem, kann sie den Mann nicht halten.

Nahlah Saimeh, geboren 1966 in Münster, ist Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sie arbeitet, nachdem sie viele Jahre Forensische Kliniken geleitet hat, jetzt als selbstständige Forensikerin. © Quelle: © Henning Ross Fotografie
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Mehr als 70 Misshandlungsarten

Warum morden Frauen? Warum lassen sie es zu, dass gewalttätige Partner ihre Kinder quälen oder sexuell missbrauchen? Saimeh sucht nach Erklärungen. Anders als es der in Grellrot gehaltene Stempel auf der Titelseite mit der reißerischen Zeile „Schockierende Fälle einer forensischen Psychiaterin“ vermuten lässt, widersteht Saimeh der Versuchung, die Täterinnen zur Schau zu stellen. Dazu passt, dass sie den Fall der „Folterhexe“ von Höxter auslässt, der vor allem in der Boulevardpresse exemplarisch für grausame Frauen steht. Angelika W. und ihr Partner quälten in ihrem Haus jahrelang Frauen. Zwei überlebten nicht. W. gab in dem Prozess mehr als 70 Misshandlungsarten zu. Saimeh verfasste das psychiatrische Gutachten über sie.

Der Expertin, die 18 Jahre lang Kliniken für Forensische Psychiatrie leitete, geht es ausdrücklich nicht um solche monströsen Einzelfälle, sondern um Verbrechen, die bei Frauen häufiger sind. Sie anonymisiert ihre Fälle, behält den sozioökonomischen und -kulturellen Rahmen jedoch bei. Eine von Saimehs bedrückendsten Erkenntnissen ist: Frauen sind zwar viel seltener kriminell gewalttätig als Männer. Das Geschlechterverhältnis in Bezug auf Gewalttaten liegt der Psychiaterin zufolge bei 10:1. 79.960 Haftplätzen für Männer stehen 4260 Haftplätze für Frauen gegenüber. Aber ausgerechnet dort, wo man Frauen aufgrund ihrer Mutterrolle als besonders schützend vermutet, liegen sie vorn. „Wenn die Opfer Neugeborene oder Kleinkinder sind ... und bei Intimiziden, also der Tötung des Partners, treten Frauen stärker in Erscheinung“, heißt es im Vorwort. „Frauen begehen schwere Gewaltdelikte fast immer im familiären Nahraum.“

Was führt dazu, dass eine Frau wie jene zweifache Kindsmörderin sich an den wehrlosesten Opfern vergreift, die man sich vorstellen kann: Säuglingen, dazu noch den eigenen Kindern? Der Anlass für ihre zweite Tat ist erschütternd lapidar: Sie hat sich kurz zuvor mit ihrem Freund, einem Wachmann im Sicherheitsdienst, gestritten. Sie will mehr Zeit für die Beziehung, erwartet von ihm, dass er sich für sie ausnahmsweise einen Tag krankmeldet, und fühlt sich zurückgewiesen, als er das verweigert. Die Wut lässt sie an ihrem Jungen aus und quält ihn zu Tode, unfähig, Mitgefühl zu empfinden. Im Gegenteil, neben all dem Zorn, den sie endlich loswerden kann, fühlt sie sogar Genugtuung. Sie habe „ein Gefühl der Gerechtigkeit“ gespürt, sagt sie im Gespräch mit Saimeh.

Eine Mutter lässt zu, dass ihr Sohn zu Tode gequält wird

Die Gerichtsgutachterin kann zeigen, wie verschoben der Blick dieser Frau auf ihre Kinder ist. Das beginnt mit dem Grund für beide Schwangerschaften. Sie bekommt beide Kinder, weil sie eine eigene, intakte Familie ersehnt. Sie selbst kommt aus zerrütteten, von Gewalt geprägten Verhältnissen. „Ich dachte, dass das Kind mich auch lieb haben könnte. Das kannte ich ja von zu Hause nicht“, sagt die 28-Jährige – und kehrt die Rollen von Mutter und Kind damit um. Als sich dieses Gefühl nach der Geburt nicht einstellt, als das Neugeborene sie im Gegenteil ständig für die Erfüllung seiner Grundbedürfnisse „benutzt“, ist sie frustriert – und reagiert darauf mit letztlich tödlicher Wut. „Eigentlich tut so’n Kind ja nichts. Es liegt da und guckt und scheißt und hält dich auf Trab“, sagt sie später. „Im Grunde war ich enttäuscht.“ Ihre Kinder verweigern ihr aus ihrer Sicht aber nicht nur Liebe, sie zeigen ihr durch ihr bloßes Dasein auch noch, dass sie selbst zu warmherzigen Gefühlen unfähig ist. Die Persönlichkeitsstörung der Frau ist so schwer, dass sie sich nach der Verurteilung sterilisieren lässt.

Wozu Frauen fähig sind, um Beziehungen zu Männern aufrechtzuerhalten, zeigen weitere Fälle. Da ist eine Mutter, die zulässt, dass ihr Partner den Sohn zu Tode quält, weil sie Angst hat, ihn zu verlassen.

„Er war mein Prinz. Er war lieb, er war zuverlässig, er war mein Beschützer“, sagt jene Sekretärin über ihren Geliebten, von dem sie irgendwann so abhängig ist, dass sie einen Auftragsmörder für die Ehefrau besorgt. Die Frau hat einen Sohn, der ohne sie aufwachsen muss, als sie nach der Tat für 15 Jahre ins Gefängnis geht. Auch dem Sohn ihres Opfers nimmt sie die Mutter: All das blendet sie für „den Prinzen“ aus.

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Buch zeigt Menschen hinter monströs anmutenden Taten

Von Täterinnen ist die Öffentlichkeit oft besonders schockiert. Saimeh betont, dass die Ursache für ihre Gewaltbereitschaft eine „tiefe Verwundung in ihrem Menschsein an sich ist“. Auf dieser Ebene unterschieden sich Männer und Frauen nicht. Schwere Gewalttaten von Frauen irritierten nur besonders, weil sie dem tradierten Rollenbild der Frau als sanftmütigem, mütterlich warmherzigem Wesen widersprächen.

Es gehört zu den Stärken von Saimehs Buch, dass sie die psychischen Ursachen – vom Mangel an Selbstwertgefühl und damit einhergehender Empathielosigkeit bis hin zu Psychosen und Schizophrenie – verständlich macht. Sie zeigt die Menschen – auch hinter monströs anmutenden Taten.

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Nahlah Saimeh: „Grausame Frauen. Schockierende Fälle einer forensischen Psychiaterin“. Piper Verlag. 256 Seiten, 16 Euro.

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