„Die schönste Zeit unseres Lebens“: Alles auf Anfang

  • Ein Griesgram reist im Film „Die schönste Zeit unseres Lebens“ zurück in seine Vergangenheit.
  • Die französische Wohlfühlkomödie bietet einen originellen Nostalgietrip mit Daniel Auteuil.
  • Ein funkelndes Spiel mit Rollen, Kulissen, Zeiten und auch mit Gefühlen durchzieht diesen Film.
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Früher war alles besser. Stimmt nicht? Stimmt doch, jedenfalls aus Sicht des griesgrämigen Zeichners Victor (Daniel Auteuil). Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: „In der Vergangenheit war es noch nicht so furchtbar, man selbst zu sein.“

Und irgendwie hat der Mann ja recht: Früher starrten die Menschen nicht unentwegt auf ihr Handy, sondern unterhielten sich miteinander. Früher waren Karikaturen in Zeitungen noch gefragt, und überhaupt: Die Rolle von gedruckten Zeitungen war unangefochten. Früher durfte man in Bistros auch noch rauchen. Vor allem aber: Früher liebten Victor und seine Frau Marianne sich noch.

Der Miesepeter an ihrer Seite

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Jetzt aber hat die energiestrotzende Marianne (grandiose Grande Dame: Fanny Ardant) die Nase voll von dem Miesepeter an ihrer Seite, der ihr jeden Tag wieder die Lebensfreude verdirbt. Die Psychoanalytikerin setzt den Gatten kurzerhand vor die Tür und legt ihm in ihrer Wut noch ein baldiges Ableben nahe: „Ich glaube, du lebst schon zu lang.“

Doch eröffnet sich Victor in der originellen Wohlfühlkomödie „Die schönste Zeit unseres Lebens“ eine verheißungsvollere Option. Er reist zurück in die Vergangenheit, ins Jahr 1974, Stichtag: 16. Mai. Das ist just jener Tag, an dem er Marianne im verqualmten Bistro La Belle Époque kennenlernte (so auch der französische Originaltitel des Films).

Es braucht für diesen Trip im Film von Regisseur und Drehbuchautor Nicolas Bedos („Die Poesie der Liebe“) aber keine übernatürliche Zeitmaschine: Im Paris unserer Gegenwart können wohlhabende Zeitgenossen sich ihren Ausflug in die Vergangenheit vom ehemaligen Theaterautor Antoine (Guillaume Canet) inszenieren lassen, sofern sie das nötige Kleingeld für so eine aufwendige Inszenierung haben.

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Sie können beispielsweise mit der französischen Königin Marie-Antoinette dinieren, sich mit dem Schriftsteller Ernest Hemingway betrinken oder auch noch einmal mit ihrem Vater den letzten Abend durchleben, an dem sie damals nicht die richtigen Worte fanden. Schauspieler, Set, Requisiten, Dialoge: Alles wird auf Wunsch bereitgestellt. Antoine sitzt derweil hinter den Kulissen und spielt mit Licht, Musik und Gefühlen.

Victor will den alten Zauber spüren

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Filme mit ähnlicher Konstruktion gibt es einige. Da war der arme Truman Burbank, der gar nicht wusste, dass er ein lebenslanger Kandidat in der niemals endenden Liveübertragung der „Truman Show“ (Regie: Peter Weir, 1998) war. Der griechische Regisseur Giorgos Lanthimos erfand in „Alpis“ (2011) Schauspieler, die die Rollen verstorbener Angehöriger in trauernden Familien übernahmen.

Das Sympathische an dieser Komödie ist, dass hier niemand getäuscht wird oder sich selbst täuschen will. Victor weiß sehr genau, dass er sich auf eine Scharade einlässt. Aber er will noch einmal den Zauber spüren, der angeblich jedem Anfang innewohnt. Er will noch einmal nachempfinden, warum er sich damals in Marianne verliebt hat. Er stellt ganz einfach alles auf Anfang.

Zugleich ist Victor Repräsentant der weit verbreiteten Sehnsucht nach einer Zeit, die in der Rückschau nicht so sehr aus den Fugen geraten zu sein scheint wie unsere Gegenwart – was von damaligen, vornehmlich älteren Zeitgenossen wohl ganz anders empfunden wurde.

Victor verliebt sich noch einmal

Und dann betritt Margot (Doria Tillier), geschminkt wie eine jüngere Version von Marianne, das mit viel Detailliebe ausgestattete Bistro – und das Rendezvous gelingt besser als gedacht, ja, viel zu gut: Victor verliebt sich beinahe auf den ersten Blick noch einmal – auch wenn er genau weiß, dass er nicht mehr 25 ist. Zurück in die Gegenwart will er aber nun auch nicht mehr.

Nein, nein, das ist jetzt keine Geschichte nach der Art, in der ein alter Mann und eine junge Frau es irgendwie miteinander probieren. Margot hat sowieso genug zu tun mit ihrem cholerischen Freund Antoine, der hinter den Kulissen wie Gott agiert, nur in sein eigenes Leben keine Ordnung bekommt.

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Ein funkelndes Spiel mit Rollen, Kulissen und Zeiten durchzieht diesen Film. Schein und Sein sind nicht immer ganz leicht auseinanderzuhalten.

Erfüllte und auch unerfüllte Lebensträume

„Die schönste Zeit unseres Lebens“ ist kein müder Abklatsch der französischen Erfolgskomödien, die schon seit einigen Jahren unsere Kinos überschwemmen. Hier geht es um erfüllte und auch um unerfüllte Lebensträume, darum, ob nostalgischen Gefühlen wirklich zu trauen ist, und um die Frage, ob sich eine verbrauchte Liebe wieder auffrischen lässt.

Im großartigen Ensemble sticht besonders die Interaktion der beiden Frauenfiguren heraus, die sich im ganzen Film gar nicht begegnen: Man meint tatsächlich, in der alten Marianne die junge und umgekehrt zu entdecken. Nicht nur für Victor, sondern auch für den Zuschauer hat die doppelte Marianne viel Charme: Wer trifft schon nach einem gemeinsam gelebten Leben noch einmal auf seine zukünftige Frau?

„Die schönste Zeit unseres Lebens“, Regie: Nicolas Bedos, mit Daniel Auteuil, Fanny Ardant, Guillaume Canet, Doria Tillier, 115 Minuten, FSK 12

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