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Die Kraft der zwei Herzen: So ist das neue Album von The Who

  • Gitarrist und Songwriter Pete Townshend (74) und Sänger Roger Daltrey (75) haben sich eigentlich auseinandergelebt.
  • Trotzdem haben sie noch gemeinsam ein The-Who-Album aufgenommen.
  • „Who“ (erscheint am 6. Dezember) ist das zweite der britischen Band in 37 Jahren – und eine Rückkehr zu alter Form.
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All das (und noch viel mehr) ist auf dem Cover zu sehen: ein roter Spielzeug-Doppeldeckerbus, der Union Jack, ein Mod-Roller der Marke Honda Juno, ein Flipperspiel, der Boxer Cassius Clay (alias Muhammad Ali), Batman und Robin im Einsatz, englische Frühstücksbohnen, der US-Rock-’n’-Roller Chuck Berry im Entengang. „Who“ heißt das Album mit diesen lustigen Memorykärtchen und man könnte glatt vergessen, es aufzulegen, weil man all die bunten Bildchen so weidlich bestaunt. Aber schließlich ist dies hier ein Album nicht von irgendwem – sondern von The Who.

Jugendbildnisse der beiden überlebenden Originalmitglieder der Londoner Band finden sich auch auf der CD-Hülle: Pete Townshend beim Gitarrenzerschlagen auf der Bühne, Roger Daltrey beim Sichselbstverhüllen in Zigarettenqualm. Damals, zwischen „My Generation“ (1965) und „Quadrophenia“ (1973) waren The Who die Wildesten im Kingdom, die Spezialeinheit der British Invasion, die, angeführt von Beatles und Rolling Stones, den US-Rock ’n’ Roll von der Verschlagerung befreite. Jetzt sind die beiden 75 (Daltrey) respektive 74 (Townshend) Jahre alt. Und man ist gespannt, ob es die alten Männer noch bringen. Also: Press to play!

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Und die Energie der frühen Tage, sie ist sofort wieder da: „Ball and Chain“ ist eine schwere Rockblueswalze, die Ohren zermalmt. Der Text handelt von Amerikas Umgang mit den Menschenrechten: „Drunten in Guantanamo, haben wir immer noch Kugel und Kette / dieses hübsche Stückchen Kuba wurde geschaffen, / um Menschen Schmerz zu bereiten.“

Daltrey zeigt sich im RND-Interview begeistert über das neue Album

Auch „Detour“ (mit „Baba O’Riley“-Anleihen), „Hero Ground Zero“ oder der „Street Song“ über einen Mann, der 2017 nicht aus dem brennenden Grenfell Tower in London entkommen konnte und bei seiner Frau anrief, um sich von ihr zu verabschieden, sind geladen, aggressiv, vorwärtsgerichtet. Im stolpernden „Rockin‘ in Rage“ ist alles wieder vollends so bockbeinig rockend und rollend wie weiland 1971, klingt Daltreys Stimme so kraftvoll und flexibel wie bei „Pinball Wizard“, „Join Together“ und „Won’t Get Fooled Again“. Ein Klassiker von morgen, würden die Charts von heute kompromisslosen Rock ’n’ Roll noch zu würdigen wissen.

Schon im Juni hatte Daltrey im Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) begeistert von „Who“ erzählt: „Ich war skeptisch, ob wir je wieder ein großes Album machen könnten. Aber ich habe lange mit diesen Songs gearbeitet, um in sie reinzugelangen. Und jetzt kommt nach meinem Dafürhalten das Beste heraus, was wir seit „Quadrophenia“ von 1973 gemacht haben.“

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Das ist auch den Mitstreitern geschuldet: Am Schlagzeug bei The Who sitzt schon lange Ringo Starrs Sohn Zak Starkey, der sein erstes Drumset vom 1978 mit 32 Jahren verstorbenen, chaotischen Who-Originaltrommler Keith Moon geschenkt bekam. Den Bass übernimmt der große Pino Palladino für John Entwistle, der 2002 in Las Vegas starb.

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Gefühlig wird das Album, wenn Townshend bei der streicherumflorten Ballade„I’ll Be Back“ einmal selbst das Mikrofon ergreift, seine Mundharmonika auspackt und an alte Zeiten, verflossene Bekanntschaften erinnert. Keine Illusion hat die Band dabei über das Schicksal aller Popmusik „All this music will fade“ – „All diese Musik wird verschwinden“, stößt Daltrey den Opener ins Mikrofon. Aber das wird nicht schnell geschehen, sondern schleifend „wie die Schneide einer Klinge.“ Noch so ein Song für die Ewigkeit.

Ihr „Hope I die before I get old …!“ hatten Daltrey und Townshend 1965 gegen die Spießergesellschaft gesetzt. Einen Rebellionsschrei, der noch Jahrzehnte nachhallte. Niemals konform sein! Sterben wollen die Überlebenden von The Who heute nicht mehr, sie haben aber Wünsche für ein ihnen genehmes Alter. „I don’t wanna get wise“, ruft Daltrey im gleichnamigen Song – „Ich will nicht weise werden.“

Und dann singt er noch davon, wie es war, ein Bluff gewesen zu sein. „Ich war ein Wicht, wir erzählten Lügen / aber zu unserer großen Überraschung / brachte uns all der Mist, den wir machten / einiges Geld ein.“ Das ist selbstironisch, witzig, aber zur Selbstdemontage reicht es nicht. Nicht im Mindesten ändert es etwas an der Legende von zwei alten auseinandergelebten Rock-’n’-Roll-Granden, die, als niemand mehr mit ihnen rechnete, alle überraschten. „Wir sind keine Band mehr“, hatte Townshend jüngst dem amerikanischen „Rolling Stone“ ganz unsentimental gesteckt. Nun, die Band, die keine ist, und die im kommenden Jahr dennoch wieder Konzerte geben wird, hat mit „Who“ ein geradezu überwältigendes Comeback-Album abgeliefert.

Für den „größten Who-Fan“ Heinz Rudolf Kunze waren The Who sowieso „schon immer die wahren Stones“. Und darüber kann man ganz lange nachdenken. The Who, die in stolzen 37 Jahren gerade zwei Studioalben veröffentlichten, sind wieder wer!

The Who: „Who“ (Polydor) erscheint am 6. Dezember auf CD, auf dem halb vergessenen Format Audiokassette, digital sowie als Dreifachvinyl in den Britfarben Rot, Weiß und Blau (auf der weißen Platte ist das bislang ungehörte Demo „Sand“ von 1965).

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