• Startseite
  • Kultur
  • Die dritte Schuld – Wie Auschwitz immer noch das Land spaltet

Die dritte Schuld – Wie Auschwitz immer noch das Land spaltet

  • 75 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz ist die bundesdeutsche Gesellschaft noch immer gespalten.
  • Noch immer befinden Nichtjuden über Juden, definieren Nichtjuden, wie das Gedenken an den Holocaust aussehen soll.
  • Dabei geht es um viel mehr als nur ein gutes Gewissen.
|
Anzeige
Anzeige

Ein Wort steht für eine Zeitenwende – für ein Zivilisationsbeben, nach dem kein Gedicht mehr möglich war außer Paul Celans „Todesfuge“: Auschwitz. Nach Auschwitz war es lange still, lähmend still im Land. Es folgte eine juristische Aufarbeitung mit den großen Prozessen, obwohl sich doch Unrecht dieser Dimension nicht sühnen lässt. Richter und Staatsanwälte, die das aufrichtig wollten, hatten es schwer in der jungen Bundesrepublik. Der Blick ging scheinbar stets nach vorn – und starrte doch ständig zurück.

Nach der ersten Schuld, der konzertierten, industriellen Ermordung von Millionen Juden und anderen Menschen, die aus dem Rassenwahn-Raster der Nazis fielen, folgte das, was der Autor Ralph Giordano die "zweite Schuld" nannte: „Jede zweite Schuld setzt eine erste voraus – hier: die Schuld der Deutschen unter Hitler. Die zweite Schuld: die Verdrängung und Verleugnung der ersten nach 1945“, so Giordano, der die zweite Schuld 1987 als „den großen Frieden mit den Tätern“ bezeichnete.

Von der jüdischen Publizistin Hilde Walter, die die Nazizeit in der Emigration in Frankreich und den USA überlebte und 1952 als Korrespondentin des "American Council on Germany" in ihre Heimatstadt Berlin zurückkehrte, ist folgendes Zitat überliefert: "Es scheint, dass die Deutschen uns Auschwitz nie verzeihen werden. Das ist ihre Krankheit, und sie verlangen verzweifelt nach Heilung. Aber sie wollen sie leicht und schmerzlos. Sie lehnen es ab, sich unters Messer zu legen, das heißt: sich der Vergangenheit und ihrem Anteil daran zu stellen." Diese sarkastische Aussage erklärt die Tatsache, dass es bis heute eher die Nachkommen der Täter sind, die das Unfassbare an der Todesmaschinerie von Auschwitz nicht zu verkraften scheinen.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Es gibt eine Art bundesdeutschen Gedenkmonopols

Bis heute ist das Land geteilt durch seine Blickwinkel auf Auschwitz – geteilt in eine jüdische und eine nichtjüdische Perspektive. Und dieser nichtjüdische Mehrheits-Blick ist merkwürdig verstellt. Es geht dabei gar nicht um notorische Nazis und Menschen, für die es nach 75 Jahren einfach genug sein muss mit der ewigen Schuld, es geht auch nicht um das verächtliche Kleinreden der Naziverbrechen durch die AfD – es geht darum, dass der Blick starr eben auf diese Vergangenheit fixiert ist und nicht nach vorn gerichtet. Es gibt eine Art bundesdeutschen Gedenkmonopols. Es zeichnet sich dadurch aus, dass nichtjüdische Menschen in öffentlichkeitswirksamen Debatten darüber befinden, welches Gedenken adäquat sei. Es gibt ungezählte Mahnmale oder Gedenkstätten, und es gibt jede Menge Antisemitismusbeauftragte, die – ob sie jetzt gute Arbeit leisten oder nicht – allesamt auszeichnet, dass sie eines nicht sind: jüdisch.

Es lässt sich gewiss darüber diskutieren, ob das denn unbedingte Voraussetzung für so ein Amt sei – ob eine Frauenbeauftragte stets weiblich, ein Migrationsbeauftragter immer ein Mensch mit ausländischen Wurzeln zu sein habe: natürlich nicht, lautet die spontane Antwort. Doch die "dritte Schuld" im Kontext mit Auschwitz, das ist eben das Unwesen, über Juden zu befinden – diesmal nicht aus Vernichtungswillen, sondern aus vermeintlich hehren Motiven. Es ist das Reden "über" Juden, darüber, was Antisemitismus ist oder was nicht: Die Täterkinder oder mittlerweile die Täterenkel nehmen den Nachfahren der Opfer die Deutungshoheit über die eigene Vernichtungsgeschichte.

Video
Auschwitz-Zeitzeugin: „Ich wollte noch einmal die Sonne sehen“
4:05 min
Erna de Vries: Eine der letzten Überlebenden aus dem Todeslager Auschwitz.  © Agnieszka Krus/RND
Anzeige

So ist die Gesellschaft weiterhin gespalten: Hier die Nachkommen der Täter, die das Gedenken an die Untaten der Altvorderen geradezu ritualisiert haben, dort die Nachfahren der Opfer, die sich in erstaunlich großer Zahl wieder im Lande angesiedelt haben und eigentlich nichts weiter wollen, als ihr eigenes Leben zu leben, endlich wieder aus der Zuschauerrolle des Mitbürgers in die teilhabende Position des Bürgers zu gelangen.

Sie sind bis heute traumatisiert, denn die Vernichtung ihrer Familien oder zumindest weiter Teile davon ist Teil jüdischer Normalität in Deutschland. Polizisten vor Jüdischen Gemeinden, die Kindergärten und Gottesdienste bewachen, und Ereignisse wie der Terroranschlag von Halle verstärken das latent ungute Gefühl, das alles könnte noch mal passieren. Auch die alltäglichen Formen des Antisemitismus, die sich nicht nur in Beschimpfungen auf Facebook und Co. äußern, sondern verstärkt in der reflexhaften persönlichen Schuldzuweisung für alles, was gerade in Israel passiert oder nicht: Auch diese normalen Boshaftigkeiten und Feindseligkeiten kommen bei der nichtjüdischen Mehrheit im Lande gar nicht erst an.

Anzeige

Je mehr Gedenkstätten, desto besseres Gewissen

Und die dritte Schuld der Mehrheit? Sie erinnert ein wenig an die mittelalterlichen Sitte des Ablasshandels, der in diesem Fall einer kollektiven Schuldverdrängung gleicht: Je mehr Gedenkstätten, desto besseres Gewissen. Die Protagonisten der dritten Schuld gehören keiner Minderheit an. Sie erfahren den täglichen (auch Migrations-)Antisemitismus, die Attacken von rechts und auch von links, nicht am eigenen Leibe, in der eigenen Mailbox oder dem eignen Facebook-Account. Sie befinden sozusagen mit demoskopischer Kühle über den Antisemitismus – denn da es trotz der erfreulichen Zuwanderung immer noch so wenige Juden gibt hierzulande, kann der aktuelle Antisemitismus folgerichtig ja auch nicht allzu relevant sein. Dass er es aber in seiner Alltagsform durchaus ist und dass er die ohnehin schon neurotisierten Nachkommen der Shoah noch nachhaltiger irritiert, das wird entweder ignoriert oder klein geredet.

Bei der allgegenwärtigen und ritualisierten Rückschau auf den Massenmord an den Juden und die offensichtliche Unfähigkeit, daraus Lehren für die Zukunft zu ziehen, bleibt nämlich eines auf der Strecke: der Dialog mit den durchaus quicklebendigen Deutschen jüdischen Glaubens, das Verständnis für deren Alltag, deren Sorgen jenseits des pechschwarzen Schattens der ewig währenden Vergangenheit. Jeder deutsche Schüler weiß heute detailliert über die Vernichtungslager der Nazis Bescheid – und darüber, was der Ramadan ist. Fragt man ihn – oder seine Eltern – allerdings einmal nach der Bedeutung von Pessach oder Hanukkah, herrscht Schweigen. Es ist noch keine hundert Jahre her, dass Hanukkah, wie Weihnachten, ein Fest in der Mitte der deutschen Gesellschaft war. Juden und Christen feierten zusammen "Weihnukkah", heute sind jüdische Sitten und Kultur weitestgehend aus dem Alltag verschwunden. Dabei werden täglich jüdische Kinder bei uns geboren, jüdische Schulen und Kindergärten werden auf- und ausgebaut – doch dieses jüdische Leben findet weitgehend autark statt.

Dabei wäre es gar nicht so schwierig, in einer gefestigten Demokratie wie der deutschen den nächsten Schritt zu machen – auf die lebenden Juden zu, einen kleinen Schritt fort von den toten – ohne deren Ansehen zu beschädigen. Ein Musterbeispiel für die komplett falsche und ignorante Auschwitz-Rezeption hierzulande ist der kürzlich geäußerte Vorschlag eines der vielen Antisemitismus-Beauftragten, jeder Schüler müsste einmal eine KZ-Gedenkstätte besuchen. Jeder, der als Heranwachsender einmal solch eine Stätte besucht hat, kann sich bestimmt noch an das bedrückende Gefühl erinnern, zwangsweise auf solch einen Ausflug geschickt worden zu sein. Statt Erkenntnis und Verständnis waren Überforderung, verlegenes Kichern und pubertäre Oppositionshaltung häufig das Resultat solch pädagogischer Brachial-Aktionen.

Das Licht besiegt am Ende doch die Dunkelheit

Wie wäre es stattdessen, jeden Schüler einmal nach Israel zu schicken? Ihn teilhaben zu lassen an jüdischem Alltag – den Besuch der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem eingeschlossen. Denn mehr Erinnerungskultur als in diesem Meisterwerk der Didaktik ist sowieso nicht möglich. Jeder Besucher, der sich dort durch die räumlich beengte und psychisch bedrängende Historie der Shoah bewegt hat, die "Ulica Leszno“, den Nachbau der Hauptstraße des Warschauer Ghettos, passiert und die "Halle der Namen" überstanden hat, steht unvermittelt am Ende auf der lichtdurchfluteten Terrasse mit dem Blick auf das heutige und lebendige Jerusalem: Das Licht, das ist das wirklich überwältigende Gefühl nach dem Besuch Yad Vashems, besiegt am Ende doch die Dunkelheit.

Die Erinnerung im Herzen und die deutsch-jüdische Zukunft im Blick: Das wäre vielleicht ein Weg, die fortwährende Spaltung des Landes durch Auschwitz endlich zu überwinden und damit auch die Lehre aus den Schrecken dieser Geschichte zu ziehen. Vielleicht wäre das dann auch der Moment, an dem die gemarterte Seele Paul Celans endlich ihre Ruhe fände. Celan, Autor der "Todesfuge" und der wohl größte jüdische Lyriker deutscher Sprache im 20. Jahrhundert, brachte sich im April 1970 um, weil er die Lagerschrecken und deren permanente Gegenwart nicht verwinden konnte.

"Schwarze Milch der Frühe wir trinken dich nachts

wir trinken dich mittags und morgens wir trinken dich abends

Anzeige

wir trinken und trinken

ein Mann wohnt im Haus dein goldenes Haar Margarete

dein aschenes Haar Sulamith er spielt mit den Schlangen

Er ruft spielt süßer den Tod der Tod ist ein Meister aus Deutschland

er ruft streicht dunkler die Geigen dann steigt ihr als Rauch in die Luft

dann habt ihr ein Grab in den Wolken da liegt man nicht eng"

Aus: Paul Celan, "Todesfuge"

Daniel Killy ist freier Mitarbeiter des RND, engagiertes Mitglied der Jüdischen Gemeinde in Hamburg, und befasst sich seit vielen Jahren mit allen Formen des Antisemitismus


“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen