Auftakt zur Bärenjagd: Die 70. Berlinale beginnt

  • Am Donnerstag beginnen die 70. Filmfestspiele Berlin unter einer neuer Leitung.
  • Eröffnet wird die Berlinale mit dem Film „My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver.
  • Die Bären unter den 18 Wettbewerbsfilmen werden am 29. Februar vergeben.
|
Anzeige
Anzeige

Vor ein paar Tagen saß Carlo Chatrian in seinem Büro am Potsdamer Platz, aus dessen Fenstern sich die Einfallsstraße zum Berlinale-Palast überblicken lässt wie von einem Beobachtungsturm. Noch hingen draußen keine Plakate, die von kommenden Berlinale-Höhepunkten wie der Neuverfilmung von „Berlin Alexanderplatz“ kündeten. Noch war nichts von der Aufregung zu spüren, kurz bevor sich der goldene Sterneregen des aufgefrischten Berlinale-Trailers zum ersten Mal über der Leinwand ergießen und der Eröffnungsfilm „My Salinger Year“ mit Sigourney Weaver beginnen würde.

Lange war es aber auch nicht mehr hin bis zur ersten Festivalausgabe unter der Regie des neuen Führungsduos mit Chatrian als künstlerischem Direktor und Mariette Rissenbeek als Geschäftsführerin. Der Terminkalender Chatrians war bis zum Bersten gefüllt. Umso erstaunlicher fiel die Antwort auf die Frage aus, was ihm denn besonders am Herzen liege, bevor endlich der rote Teppich ausgerollt werde.

Weiterlesen nach der Anzeige
Anzeige

Chatrian hätte jetzt sagen können, dass er die zahlreichen Sponsoren wie das ZDF, Audi, Magenta TV oder den Kosmetikkonzern L’Oréal bei Laune halten müsse, ohne die eine Mammutveranstaltung wie das größte deutsche Filmfestival nicht zu stemmen sei (Budget: 27 Millionen Euro). Oder dass er noch mal bei Javier Bardem, Ehrenbär-Gewinnerin Helen Mirren oder Hillary Clinton durchklingeln wolle, damit diese sich auch garantiert blicken lassen. Oder er hätte darauf verweisen können, dass er noch dringend Thermounterwäsche brauche, um bei den vielen Open-Air-Begrüßungszeremonien der Berliner Kälte zu trotzen, wenn die Premierengäste aus ihren beheizten E-Limousinen klettern.

Konzentration aufs Kino

Chatrian sagte etwas anderes: „Ich will mir noch einmal einige Filme anschauen, die ich schon vor Monaten gesehen habe. Einige davon will ich dem Publikum auf der Bühne vorstellen.“ Schöner hätte man kaum klarmachen können, worum es bei der 70. Berlinale trotz des ganzen Boheis geht: um Filme. Dafür ist Chatrian, bislang Festivalchef in Locarno, nach Berlin geholt worden. Seinem Vorgänger Dieter Kosslick war vorgehalten worden, dass ihm die Show wichtiger sei als das Kino. Kosslick musste aber auch immer allein den Job des Zampanos und des Buchhalters ausfüllen, den sich nun zwei teilen

Schon bei der Programmvorstellung hatte Chatrian eine Kostprobe davon abgegeben, wie fokussiert er über Filme zu reden versteht. Klar wurde aber auch: Mögen unter den 18 Filmen im Wettbewerb manch alte Berlinale-Bekannte wie Christian Petzold, Abel Ferrara oder Sally Potter zu finden sein, Glanz und Glamour hat er weitgehend in andere Reihen ausgelagert. Es gibt auch keine Filme mehr, die wegen ihrer Stars zwar im Wettbewerb gebucht sind, aber dann doch „außer Konkurrenz“ laufen.

Anzeige

Johnny Depps Film „Minamata“ über den Magnum-Fotografen W. Eugene Smith ist in der Reihe „Special Galas“ zu sehen. Die Dokuserie „Hillary“ über Hillary Clinton und Cate Blanchetts Flüchtlingsserie „Stateless“ treten in „Berlinale Series“ an. Dort startet auch „The Eddy“ von „La La Land“-Regisseur Damien Chazelle über einen Pariser Jazzclubbetreiber, ebenso „Freud“ über den Wiener Begründer der Psychoanalyse.

„Freud“ ist eine von ganz wenigen Netflix-Produktionen im Programm. Chatrian und Rissenbeek haben die Entscheidung für dieses Mal elegant umschifft, wie sie künftig mit den Streamingdiensten umgehen wollen, die Filmen oft nur Alibi-Kinostarts zugestehen. Darf ein der großen Leinwand verpflichtetes Festival diese Ignoranz akzeptieren?

Der Fall Alfred Bauer

Unverhoffte Schwierigkeiten sind aber auch schon aufgetreten: Gründungsdirektor Alfred Bauer war wohl tiefer in die NS-Vergangenheit verstrickt, als man es bisher bei der Berlinale hatte wissen wollen. Das Festival hat nun das „Institut für Zeitgeschichte“ in München beauftragt, ein Gutachten zu dem Fall zu erstellen. Das Coronavirus dagegen scheint die Chinesen nicht vom Reisen abzuhalten: „Wir hatten uns auf Stornierungen einiger Festival- und Marktbesucher eingestellt. Die aktuellen Zahlen deuten aber keine eklatanten Einbrüche an.“

Zweiter Berlinale-Wettbewerb

Anzeige

Ob die Berlinale nun übersichtlicher daherkommt als in der Ägide Kosslick? Zwar ist die Zahl der Filme von rund 400 auf 340 zusammengeschmolzen, aber dafür hat Chatrian einen zweiten Wettbewerb eingeführt: „Encounters“ (Begegnungen) ist reserviert für 15 Filme mit besonders gewagter Ästhetik und mangelnder Marktkompatibilität. Auch der 88-jährige Alexander Kluge ist hier mit seinem Eurydike-und-Orpheus-Projekt „Orphea“ (mit Lilith Stangenberg) untergekommen.

Heute Abend geht es nun endlich los. Berlinale-Fans in Hamburg, München, Essen und Halle können live dabei sein. Eröffnungsempfang und Eröffnungsfilm werden in diesen Städten in einige Kinos übertragen. Auf der Bühne löst Samuel Finzi die Langzeitmoderatorin Anke Engelke ab. Das ist in jedem Fall eine unübersehbare Neuerung bei der 70. Berlinale.

“Staat, Sex, Amen”
Der neue Gesellschaftspodcast mit Imre Grimm und Kristian Teetz
  • Laden Sie jetzt die RND-App herunter, aktivieren Sie Updates und wir benachrichtigen Sie laufend bei neuen Entwicklungen.

    Hier herunterladen