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Deutscher Buchpreis 2020: Welcher Roman ist das beste Buch des Jahres?

  • Heute Abend fällt die Entscheidung: Vier Autorinnen und zwei Autoren sind im Rennen um den mit 25.000 Euro dotierten Buchpreis.
  • Die Entscheidung wird live aus dem Frankfurter Römer übertragen.
  • Wir stellen alle sechs nominierten Bücher vor.
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Wenn am heutigen Montag wieder der bedeutendste deutsche Buchpreis verliehen wird, fiebern vier Autorinnen und zwei Autoren im Frankfurter Römer der Entscheidung entgegen. Der Sieger erhält 25.000 Euro, die fünf Finalisten jeweils 2500 Euro. Doch das ist nicht alles: Schon die Nominierung ist ein Garant für steigende Verkaufszahlen. Buchläden präsentieren erst die Longlist und später die Shortlist zumeist prominent auf Büchertischen.

“Nominiert sind sechs Romane, die uns durch ihre sprachliche Ausdruckskraft und formale Innovation überzeugt haben, zugleich aber auch auf besonders kluge Weise politische Dringlichkeit dokumentieren. Einige schöpfen aus unerwarteten Quellen oder wenden sich historischen Stoffen zu, um darüber zu großen, allgemeingültigen Fragen zu gelangen”, sagt die Jurysprecherin Hanna Engelmeier. “Die Shortlist trägt zugleich hervorragenden Titeln Rechnung, die sich biografischen und zeitgenössischen Themen auf überraschende Weise widmen.” Aber welche Romane sind denn nun nominiert? Wir werfen einen Blick auf die sechs preisverdächtigen Werke, in alphabetischer Reihenfolge der Autoren.

1. Bov Bjerg: “Serpentinen”

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Wo das Problem dieser Familie liegt, erfährt man bereits auf der ersten Seite. Der Urgroßvater soll eigentlich ausgewandert sein, damals, aber eine kleine Recherche des Icherzählers ergibt: “Er war nicht ausgewandert. Er hatte sich das Leben genommen. Wie der Großvater und der Vater.” Urgroßvater, Großvater, Vater, als würde sich der Suizid in den Genen dieser Männer verstecken. Aber was bedeutet das für die Hauptperson, den Urenkel, Enkel und Sohn? “Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande in der Luft. Pioniere. Ich war noch am Leben. Vor Angst schlief ich ein.”

Doch über diese Kette von Selbstmorden wird in der Familie des Icherzählers nicht gesprochen. Stattdessen versucht die Hauptperson, dieses Schweigen zu durchbrechen. “Alles richtig zu machen, davon hing alles ab. Das Leben der Mutter, das eigene Leben, Gott. Ein einziges falsches Ergebnis bedeutete den Tod.” Einen solchen Druck kann kein Mensch aushalten. Das wissen schon Schüler, die bei einer schlechteren Note als einer Eins das Gefühl haben zu versagen. Bei Bjergs Hauptperson mündet die Angst, den gleichen Weg wie ihr Vater, Großvater und Urgroßvater zu nehmen, in einen wahren Wahn, perfekt zu sein. Und der Grat zwischen Perfektion und erhöhter Fehleranfälligkeit ist schmal.

Erschwerend kommt hinzu, dass der Icherzähler mittlerweile selbst Vater ist. Gemeinsam mit dem Sohn fährt er in die Schwäbische Alp und dort die titelgebenden Serpentinen hoch und wieder runter. Diesen Schlingerkurs durch Hoffnung und Verzweiflung, durch Depression und Lebenswillen fährt der Leser mit Begeisterung mit. (Bov Bjerg: “Serpentinen”. Claassen. 272 Seiten, 22 Euro)

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2. Dorothee Elmiger: “Aus der Zuckerfabrik”

Nein, ein normaler Roman ist das nicht. Aber was ist schon normal? Und muss alles immer konventionell sein? Die Schweizerin Dorothee Elmiger hat ein Buch geschrieben, das Notizen enthält, die wie Tagebucheinträge aussehen, die eine Mischung aus Lyrik, Prosa und Essay sind und die doch irgendwie alle miteinander zusammenhängen. Es sind Einträge etwa zur Kunst wie “Gestern im Kino Éric Rohmers Film ‘La Collectionneuse’: Haydée Politoff, die Steine nach den Hühnern wirft. Durch strömenden Regen nach Hause.”

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Die Beobachtungen sind manchmal träumerisch, dann wieder glasklar. “Peter wirft seine Arme um mich, wir hauen jetzt ab ja, sagt er, wohin wo’s warm ist wo wir gut behandelt werden, wo Milch und Honig aus tönernen Krügen direkt in unsere Münder fließen, wo sich alles schnell dreht, Himmel komm komm ja.” Es geht um einen gescheiterten Schweizer Lottogewinner, um Kolonialismus, Zuckerrohr, um Literatur, Wissenschaft und Traumwelten.

Das Buch der 1985 in Wetzikon in der Schweiz geborenen Schriftstellerin ist formal der ungewöhnlichste – ja, soll man’s wirklich sagen? – Roman. Doch wer sich auf die Reise macht und die Gedankenschnipsel und Denkpirouetten, die einträglichen Einträge, die Zitate und Verweise in Ruhe auf sich wirken lässt, wird dieses Werk frei von jeglicher Narration lieben. Es ist, wie ein Kritiker schrieb, “eine Feier des schwelgenden Lesens”. Lektüre als Feiertag. (Dorothee Elmiger: “Aus der Zuckerfabrik”. Hanser. 271 Seiten, 23 Euro)

3. Thomas Hettche: “Herzfaden”

Die Augsburger Puppenkiste kennt heute vielleicht nicht mehr jedes Kind. Aber ganze Generationen sind mit Marionetten wie Jim Knopf und Lukas, Prinzessin Li Si oder Urmel aus dem Eis aufgewachsen. Thomas Hettche erzählt in seinem Roman die Geschichte der berühmten Bühne verbunden mit der Lebensgeschichte der Mitgründerin Hannelore Oehmichen, genannt Hatü. Den Vorläufer der Augsburger Puppenkiste gründet Hatü gemeinsam mit ihren Eltern Walter und Rose Oehmichen mitten in den Wirren des Zweiten Weltkriegs. Hettche erzählt den Alltag im Nationalsozialismus durch die Augen des Augsburger Mädchens.

Aber es gibt noch einen weiteren Erzählstrang, einen märchenhaften. Ein zwölfjähriges Mädchen, das in der Gegenwart die Puppenbühne besucht, sich aber schon viel zu groß dafür fühlt, schleicht sich durch eine Tür und über einen geheimen Aufgang des Theaters. Dort entdeckt sie die sich von selbst bewegenden Marionetten der Puppenkiste, und auch die bereits tote Hatü als alte Frau taucht als Geist auf. Die jeweiligen Passagen in Gegenwart und Geschichte sind farblich voneinander abgesetzt.

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Hettches konventionell geschriebener Roman kratzt unter der schönen märchenhaften Oberfläche an den Verdrängungsmechanismen der Nachkriegszeit. Marionetten gelten dem Vater als ideal, weil unverführbare Schauspieler. Wer will, kann auch noch an Kleists Schrift “Über das Marionettentheater” denken, an die “natürliche Grazie”, die nach Kleist diese Puppen ausstrahlen. Thomas Hettche trifft mit “Herzfaden” direkt ins Herz der Leser, ein wunderbares Buch. (Thomas Hettche: „Herzfaden". Kiepenheuer und Witsch. 288 Seiten, 24 Euro)

4. Deniz Ohde: “Streulicht”

Für diejenigen, die sie nicht erleben, ist es nur ein Wort: Ausgrenzung. Die Hauptperson in Deniz Ohdes Roman aber spürt die wörtliche und übertragene Bedeutung am eigenen Leib, sie kennt die psychischen und physischen Folgen. Die Erzählerin kommt in die Stadt und das Viertel zurück, in dem sie aufgewachsen ist und in dem ihr Vater als einfacher Fabrikarbeiter tätig war. Die Leserin folgt der Ich-Erzählerin, die – wie es so formalistisch heißt – einen Migrationshintergrund hat, durch die Abgründe ihres Alltags. Das schmerzt schon beim Lesen.

Zu Hause werden die Probleme der Erzählerin genauso wenig erkannt wie in der Schule. Zu Hause, da ist die Mutter, die eines Tages einfach geht, und der Vater, der sie zwar nicht schlägt, aber trotzdem Gewalt anwendet. Es ist für die junge Frau ein Leben im dauerhaften Alarmzustand. Eine Falle, die immer weiter zugeht. „Es war keine Identität, die sich herausbildete, sondern eher wurde sie mir entzogen, verschwand im Keller der Schule, zwischen den bis in die Sechziger zurückreichenden Akten, weil ich die Einzige aus meinem Jahrgang war, die nicht auf eine höhere Schule wechselte und deren Akte deshalb nirgendwo hingeschickt werden musste.“

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Deniz Ohde hat einen beklemmenden Roman geschrieben. Denjenigen, für die Ausgrenzung weiterhin nur ein fernes Wort am Horizont des eigenen Lebens ist, kann dieser Roman die Augen öffnen. Und die Leser können der Erzählerin das entgegenbringen, was ihren Mitmenschen in dem Buch nicht gelingt: Empathie. (Deniz Ohde: „Streulicht“. Suhrkamp. 285 Seiten, 22 Euro)

5. Anne Weber: “Annette, ein Heldinnenepos”

Wie bitte, ein Epos? Das Epos ist eine Erzählform in Versen, wir denken an Homer oder die Epen des Mittelalters wie das “Nibelungenlied” oder Wolfram von Eschenbachs “Parzival”. Es ist eine literarische Gattung aus uralten Zeiten, nichts Modernes. Und doch hat Anne Weber für ihre Heldinnenerzählung das Epos in den Titel gesetzt. Und gesetzt ist auch das Buch auf ungewöhnlich Weise, Flatter- statt Blocksatz.

Anne Weber erzählt die Geschichte der Anne Beaumanoir, so ihr bürgerlicher Name. Es ist auch eine Geschichte der Resistance gegen die deutschen Besatzer im Frankreich der Vierzigerjahre und den Kampf der Algerier gegen die französische Hegemonialmacht. Anne Beaumanoir, die eingeführt wird mit dem schönen Satz “Sie glaubt nicht an Gott, aber er an sie”, wird von der Heldin im Widerstand zur Terroristin – zumindest in den Augen ihrer Landsleute.

Anne Weber erzählt dieses wahnsinnige Leben, spricht über Identitäten, Namenswechsel, die Flucht aus Frankreich, die die Trennung vom Ehemann und von den Kindern zur Folge hat. Nach Frankreich und Nordafrika landet die Heldin dieses ungewöhnlichen Romans in Genf. “Genf also. / Universitätsklinik. Jetzt ist aber mal Ruhe. / Ist es nicht ! Von wegen! Da kommt noch einiges / an Weltverbesserungsversuchen, doch ist es / weniger spektakulär (und dabei immer noch / viel mehr, als unsereins in seinem ganzen / Leben hinbekommt)”. Anne Beaumanoir ist heute 95 Jahre alt, durch Anne Webers Roman ist sie nun auch in unseren Vorstellungen lebendig. (Anne Weber: „Annette, ein Heldinnenepos“. Matthes und Seitz. 208 Seiten, 22 Euro)

6. Christine Wunnicke: “Die Dame mit der bemalten Hand”

Forschungsreisende gehören zu den Lieblingsprotagonisten der Schriftstellerin Christine Wunnicke. Auch in der “Dame mit der bemalten Hand” geht es um zwei Männer, die sich im Namen der Wissenschaft buchstäblich auf den Weg machen. Musa al-Lahura ist ein persischer Astrolabienbauer. “Mit einem Original von Musa al-Lahuri konnte man hervorragend angeben, selbst wenn es nur dumm auf einem Ständer stand”, heißt es in dem Roman.

Musa verschlägt es, fehlenden Windes wegen, auf die Insel Gharapuri. Wir schreiben das Jahr 1764, als Muri dort vor der indischen Küste den deutschen Mathematiker Carsten Niebuhr trifft. Niebuhr ist heute noch bekannt, weil er das Rote Meer kartiert und die Keilschrift mit entschlüsselt hat. Die beiden werden Freunde, ihre beiden unterschiedlichen kulturellen Hintergründe zu Gesprächsthemen.

Christine Wunnicke hat wie eigentlich immer einen sehr kurzen Roman geschrieben. Dieser ist wunderbar komisch und nachdenklich zugleich. Es ist ein Buch voller Missverständnisse und eine große Geschichte des Verpassens. Verpassen sollte man den Roman aber auf keinen Fall. (Christine Wunnicke: „Die Dame mit der bemalten Hand“. Berenberg. 168 Seiten, 22 Euro)

Preisverleihung als Livestream

Der Deutsche Buchpreis wird in diesem Jahr wegen der Corona-Pandemie ohne Publikum vergeben. Die Preisverleihung finde wie geplant am heutigen Montag im Kaisersaal des Frankfurter Römers statt. Es wird eine Livesendung geben, die unter anderem über die Website des Deutschen Buchpreises übertragen wird. Geplant sind Interviews mit Juroren und dem Veranstalter. Die nominierten Titel werden durch Lesepassagen und eingespielte Filme der Deutschen Welle vorgestellt. Am Ende stehen die Bekanntgabe des Romans des Jahres und die Dankesworte des Preisträgers.

Die sieben Jurymitglieder haben seit Ausschreibungsbeginn 206 Titel gesichtet, die zwischen Oktober 2019 und dem 15. September 2020 erschienen sind. Der Jury gehören neben Hanna Engelmeier an: Katharina Borchardt (Literaturredakteurin, SWR2), David Hugendick (Literaturredakteur, “Zeit Online”), Chris Möller (Literaturvermittlerin bei Kabeljau & Dorsch, Berlin), Maria-Christina Piwowarski (Buchhandlung ocelot, Berlin), Felix Stephan (Literaturredakteur, “Süddeutsche Zeitung”) und Denise Zumbrunnen (Buchhandlung Never Stop Reading, Zürich).

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