Der Täter, der zum Opfer wurde: der DDR-Film „Nahschuss“
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Den Tod vor Augen: Lars Eidinger als Franz Walter in einer Szene des Films „Nahschuss“.
© Quelle: Alamodefilm/dpa
Am Anfang blicken wir in das blasse Gesicht eines Mannes, in dem die blanke Angst zu lesen ist. Wir wissen noch nicht, wer der Mann ist und wovor er sich fürchtet. Aber wir hören ihn atemlos nach Luft schnappen. Schnitt.
Die Zukunft von Franz Walter (Lars Eidinger) sieht verheißungsvoll aus. Da ist die Wohnung mit Balkon, die dem Wissenschaftler von jetzt auf gleich zur Verfügung gestellt wird. Da ist Corina (Luise Heyer), die ihn genauso liebt wie er sie. Und vor allem ist da die Aussicht auf eine Professur an der Berliner Humboldt-Universität.
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Einsatz als Stasi-Mitglied gefährdet die Idylle
Nur eine Kleinigkeit steht dazwischen: Walter soll sich für eine Übergangszeit als hauptamtlicher Mitarbeiter bei der Staatssicherheit verpflichten. Für den Sozialisten ist das kein Problem. „Frohes Schaffen“, sagt der freundliche Kollege Dirk (Devid Striesow) in der Hauptverwaltung Aufklärung und drückt ihm die Büroschlüssel in die Hand.
Gibt es im Leben eines Menschen diesen einen Moment des moralischen Erwachens? Realistischer ist der Ansatz, den Franziska Stünkel in ihrem Kinodrama „Nahschuss“ wählt: Unmerklich sickern die Zweifel in Walters Bewusstsein ein.
Inspiriert vom wahren Fall des Werner Teske
Stünkel hat sich inspirieren lassen vom wahren Fall des Werner Teske. Er war am 26. Juni 1981 der letzte Bürger, den die DDR-Richter hinrichten ließen – durch einen sogenannten Nahschuss. Der Henker tauchte hinter seinem nichts ahnenden Opfer auf und tötete es durch einen schallgedämpften Schuss in den Nacken. In den Augen der DDR-Mächtigen war das humaner als die Guillotine, die immer wieder mal ihren Dienst versagt hatte.
An Teske wurde ein Exempel statuiert. Er wurde als Spion zum Tod verurteilt. Dabei war es ihm gar nicht gelungen, sein brisantes Material in den Westen zu schmuggeln. Das Urteil stand ohnehin von vornherein fest.
„Nahschuss“: eine Geschichte über Druck und Manipulation
Der Stasi-Hauptmann Walter im Film wird auf einen in den Westen geflüchteten Fußballspieler angesetzt. Erst macht es ihm geradezu Spaß, sein organisatorisches Geschick in dem Fall zu beweisen. Dann wird er angehalten, die Familie des Sportlers zu zerstören.
„Nahschuss“ ist eine Geschichte über Druck und Manipulation, über Verstrickung und Schuld in einem autokratischen Staat. Es hat schon mal eine ähnliche Stasi-Geschichte gegeben, den Oscarfilm „Das Leben der Anderen“ (2006). Die aus Hannover stammende Stünkel widersteht in ihrem erst zweiten Langfilm nach „Vineta“ (2006) jeder Versuchung der Romantisierung, anders als damals Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck.
Mehr und mehr scheinen die braun-gräulichen DDR-Farben Walter aufzusaugen. Vor Gericht spricht er beinahe wie eine Marionette (und zwar die Originalworte Teskes). Lars Eidinger gelingt es, seine eigene Person hinter der Figur verschwinden zu lassen.
DDR-Gerichte haben 221 Todesurteile ausgesprochen, davon wurden wohl 164 vollstreckt. Die genauen Zahlen sind nicht zu ermitteln.
„Nahschuss“, Regie: Franziska Stünkel, mit Lars Eidinger, Luise Heyer, Devid Striesow, 116 Minuten, FSK 12