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Der Nager, der’s wert ist: Das „Micky Maus“-Heft wird 70 Jahre alt

  • Am 29. August 1951 erschien die erste Ausgabe von „Micky Maus – das bunte Monatsmagazin“.
  • Die Helden aus dem Hause Disney eröffneten in Deutschland die Ära des Comics.
  • In der NS-Zeit hatte man versucht, aus den amerikanischen Vorlagen deutsche Bildgeschichten zu machen.
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Wer das erste Heft in der Hand hielt, freute sich damals, am 29. August 1951. Man musste jetzt nicht mehr ins Kino, um seine Lieblinge zu sehen, man konnte sie sich vom Kiosk nach Hause holen. Am heutigen Sonntag vor 70 Jahren traten sie alle an: die clevere Maus Micky, die dem „bunten Monatsheft“ den Namen gab, seine liebenswerte Freundin Minnie, sein cholerischer Bruder von einer anderen Mutter, der Unglückserpel Donald (der Micky den Rang ablaufen sollte) und dessen reizbare Liebste Daisy.

In den Kinderzimmern glaubte man, Micky würde sprechen

Ferner waren da der drömelige Hundemensch Goofy, der debile Hund Pluto und der Schurke Kater Karlo. Die kleinen Entchen Tick, Trick und Track hießen noch Rip, Rap und Rup. Später kamen Figuren wie das Erfindergenie Daniel Düsentrieb („Dem Ingeniör ist nichts zu schwör!“) mit seinem Glühbirnchenroboter Helferlein hinzu, und die Panzerknacker versuchten, Onkel Dagoberts turmhohen Tresor zu leeren, in dem der extrem geizige Eigentümer, der seinem ewig blanken Neffen Donald keinen Kreuzer gönnte, Kopf voran vom Sprungbrett das Bad in seinen Taler-Pool zu genießen pflegte. Was all diese Leutchen aus dem lauschigen Entenhausen zu sagen hatten, stand in Sprechblasen geschrieben. Aber in den Kinderzimmern glaubte man, sie reden zu hören. Auch dass sie sich in den Panels bewegten. Die Comics machten Kino im Kopf.

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Als das erste „Micky Maus“-Heft in Deutschland erschien, war der Comic noch keine Literatursparte, der erhebende Begriff Graphic Novel noch in weiter Ferne, auch „Alben“, in die später etwa die Abenteuer von Asterix gefasst wurden, gab es noch nicht. Comics waren noch nicht einmal die verpönte Groschenware – dünne Geschichten auf dünnem Papier. Es gab sie einfach nicht. Deutschland hatte nur Wilhelm Buschs schon ziemlich betagte Geschichten von der „Frommen Helene“, von „Fips, dem Affen“ und von „Max und Moritz“.

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Der US-Comicboom der Dreißiger ging an Deutschland vorbei

Der große Comicboom in den USA der Dreißigerjahre war an Deutschland komplett vorbeigegangen. Dabei war Micky, der Nager mit den Schallplattenohren, der am 18. November 1928 als Zeichentrickfilmheld „geboren“ wurde, in der späten Weimarer Republik durchaus populär gewesen. Kurze Micky-Streifen liefen im Kino vor den Hauptfilmen, es gab Micky-Kuscheltiere, Micky-Aschenbecher, Kinder aßen von Micky-Geschirr. In der NS-Zeit versuchte man es auch mal mit Disney-Comics. Aber man deutschte sie zu klassischen Bildgeschichten um – die Sprechblasen wurden durch gereimte Beitexte ersetzt (wie bei Busch oder in den Abenteuern des 1937 erfundenen Schuhhaus-Salamanders Lurchi).

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Was dann den erfolgreichen Zweitversuch von Disneys Heldenschar nach dem Krieg auszeichnete, war die Sprache. Die promovierte Germanistin Dr. Erika Fuchs wurde 1951 Chefredakteurin des „bunten Monatshefts“ – und übersetzte alles selbst – auf höchst vergnügliche Art. Innovativ war die 2005 Verstorbene in der Erfindung der Comiclaute: Mit „Seufz!“, „Ächz!“, “Stöhn!”, „Grübel!“ und „Uff!“ verdeutlichte sie den jeweiligen Gemütszustand des Abgebildeten – was von Zigtausenden Kindern ins wirkliche Leben getragen wurde. Das nachmittägliche „Hast du die Hausaufgaben erledigt?“ wurde vom Nachwuchs mit „Schluck!“ (also: Nein) beantwortet. Trat man im Winter hinaus in die Kälte, dann gern mit einem „Klapper-schnatter-bibber-zitter-frier!“ Donald’scher Schnabelprägung auf den Lippen.

Nach dem Siegeszug von „Micky Maus“ wurde Deutschland zum Comicland: der deutsche Abklatsch „Fix und Foxi“ folgte, der altkluge Kater „Felix“, dazu die Abenteuercomics des Lehning-Verlags („Sigurd“, „Akim“, „Tibor“). 1954 hatte „Supermann“ (anfangs mit zweitem „n“) seinen ersten Auftritt. Bald waren die Regale voll mit den schön-schnöden Schundheftchen: „Bessy“, „Lasso“, „Wastl“, „Silberpfeil“ und so weiter. „Perry – unser Mann im All“ trug die Romane des Astronauten Perry Rhodan ins Bildhafte. Und „Vampirella“, die Vampirin im atemberaubenden Kostüm, raubte pubertierenden Jungs den Nachtschlaf.

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Gefeiert wird bei der Egmont Ehapa Media groß: Keine Heftreihe hat schließlich so lange überlebt und 1,3 Milliarden Exemplare muss man erst einmal verkaufen. Auf dem Jubiläumsheft trägt Donald eine Geburtstagstorte, umringt von Tick, Trick und Track. Wahrscheinlich ist er unterwegs zu seinem alten Mausefreund. Dass die Torte nicht dort ankommen wird, deutet das Cover ebenfalls an. Die Ente wird stolpern und fallen – wie immer. Sei’s drum: Happy Birthday, Micky! Happy Birthday, Entenhausen!

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