„Underground Railroad“: der lange Weg in die Freiheit

  • Die monumentale Serie „Underground Railroad“ zeigt US-amerikanische Geschichte aus schwarzer Sicht.
  • Regisseur Jenkins erzählt davon, dass mit der Flucht aus der Sklaverei noch lange nicht die innere Freiheit errungen ist.
  • Die Serie ist manchmal schwer erträglich und auch ausufernd – und könnte doch einen Standard setzen.
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Erst hatte Cora (Thuso Mbedu) Nein gesagt. Sie wollte sich nicht mit Caesar (Aaron Pierre) auf die Flucht begeben. Verächtlich hatte sie den neu auf der Baumwollfarm eingetroffenen Sklaven ausgelacht und sich weggedreht. Die Vorstellung der Freiheit war zu groß für sie in einer Welt, die an der Grenze der Plantage endet. Aber dann änderte sie ihre Meinung. Und das lag nicht nur daran, dass Caesar ihr aus dem Buch „Gullivers Reisen“ vorlas, das er wie einen kostbaren Schatz vor den Aufpassern versteckte – ein Sklave, der lesen kann, ist für seinen Besitzer eine Bedrohung

Cora hatte erkannt, dass es für sie auf der Farm im tiefsten Georgia keine Hoffnung gibt. Noch hatte sie den Geruch von verbranntem menschlichem Fleisch in der Nase, als ein wieder eingefangener Leidensgenosse mit Öl übergossen und angezündet worden war.

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Der Plantagenbesitzer hatte sein menschliches Eigentum antreten lassen, um ihm zur Abschreckung das grausige Schauspiel vorzuführen. Die weiße Herrengesellschaft entspannte sich derweil bei einem lauschigen Nachmittagskaffee mit Geigenbegleitung.

Da wusste Cora: Etwas Besseres als den Tod findet sie überall.

In aller Brutalität zeigt Regisseur Barry Jenkins das Leid der Schwarzen in der ersten Episode seiner zehnteiligen Serie „Underground Railroad“. In dieser Deutlichkeit hat zuletzt Steve McQueen das System der Sklaverei 2013 in seinem Kinodrama „12 Years a Slave“ gezeigt (beide Filme produziert von Brad Pitts Firma Plan B).

Anders als McQueens Film ist diese monumentale Serie aber kein reiner Historienstoff: Ein Hauch Fantasy weht hinein. Das wird klar, als sich das Paar in einer bläulich schimmernden Nacht – Jenkins‘ Lieblingsfarbe seit seinem Oscarsieg mit „Moonlight“ (2017) – durch Georgias Sümpfe flüchtet.

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Beim Wort genommen: „Underground Railroad“

Ein Fluchthelfer erwartet sie in einem Haus irgendwo in den Wäldern. Er schiebt einen Tisch beiseite. Darunter führt ein Gang in die Tiefe. Was Cora und Caesar entdecken, steht in keinem Geschichtsbuch beschrieben: ein schier unendliches Tunnelsystem, in dem Schienen verlaufen. Und dann nähert sich auch schon ein dampfendes Fluchtgefährt.

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Der Zug soll Cora und Caesar in die Freiheit bringen – und lässt sie doch erst einmal perfide Unterdrückungsapparate in verschiedenen US-Staaten erleiden. Dicht auf den Fersen ist ihnen der Sklavenjäger Ridgeway (Joel Edgerton). Für ihn ist diese Menschenjagd eine persönliche Angelegenheit. Coras Mutter Mable war die einzige Sklavin, die ihm je entkam.

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In dieser Amazon-Serie wird eine Metapher beim Wort genommen: „Underground Railroad“, so nannte sich im Eisenbahnzeitalter das Schleusernetzwerk, das Sklaven aus den Südstaaten in den Norden brachte. Die Fluchthelfer hießen „Conductor“ oder „Stationmaster“, die Entflohenen „Passengers“ oder „Cargo“, Verstecke „Station“ oder „Terminal“. Tatsächlich arbeiteten die Befreier mit manipulierten Kutschen, hinter deren doppelten Böden sich Verstecke befanden.

Über geheime Routen gelang es den Fluchthelfern, in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts etwa 100.000 Menschen zu befreien. Prominentestes Mitglied war Harriet Tubman, deren Schicksal erst im Vorjahr im kämpferischen Kinoporträt „Harriet“ zu entdecken war. Die furchtlose Tubman entkam als 29-Jährige der Sklaverei, kehrte aber immer wieder in den Süden zurück und holte 300 Menschen heraus.

Der Autor Colson Whitehead erfindet in seinem mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichneten – und von Barack Obama empfohlenen – Roman ebenjene Untergrundeisenbahn, die es nie gab. Dann bricht er zu einer wilden Fahrt durch die US-Geschichte auf. Und das tut nun auch Jenkins. Die Beschreibung der Sklaverei von einst legt die Wurzeln des Rassismus von heute frei.

In beinahe jeder Szene wird einem bedeutet: Die USA sind ein Land, das durch die Ausbeutung von schwarzen Sklaven und Ureinwohnern gleichermaßen entstand. Vergesst den „Mayflower“-Gründungsmythos. Hier wird die Geschichte aus schwarzer Perspektive nachgereicht.

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In South Carolina in der zweiten Episode zum Beispiel umgeben paternalistische Weiße Cora und Caesar. Sie sorgen für Nahrung, Einkommen und sogar Bildung. Und doch wird Cora wieder in ihre alte Rolle gezwängt: Als lebendes Ausstellungsstück im Museum muss sie eine aus Afrika entführte Frau spielen.

Hinter all der Freundlichkeit lauert eine diffuse Gefahr – beinahe wie im Kinofilm „Get Out“ (2017), der dann allerdings tief in Horror und Mystery abtauchte. In South Carolina ist plötzlich von Sterilisation die Rede. Es gibt viele Wege, andere Menschen zu unterdrücken.

Je länger die Serie fortschreitet, desto mehr geht es um die Selbstdefinition Coras als selbstbewusste Persönlichkeit. „Underground Railroad“ ist eine manchmal schwer erträgliche und manchmal auch ausufernde Serie, die einen Standard setzen könnte im Umgang mit schwarzer Geschichte. Jenkins zeigt, dass mit der Flucht aus der Sklaverei noch lange nicht die innere Freiheit errungen ist.

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„The Underground Railroad“, zehn Episoden ab 14. Mai bei Amazon Prime, von Barry Jenkins, mit Thuso Mbedu, Joel Edgerton, Aaron Pierre

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